J. Bariéty, Aristide Briand, la Société des Nations et l'Europe 1919-1932 (Vanessa Conze)
Jacques Bariéty (dir.), Aristide Briand, la Société des Nations et l’Europe 1919–1932. Préface de Jean-Robert Pitte, Strasbourg (Presses universitaires de Strasbourg) 2007, 542 S., ISBN 978-2-86820-307-6, EUR 30,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Vanessa Conze, Marburg
Es gibt Bücher, da weiß man kaum, wo anfangen mit dem Besprechen angesichts einer immensen Fülle an Stoff und Inhalt. So ist es auch bei dem von der Association Internationale d`Histoire Contemporaine de l´Europe unter Leitung von Jacques Bariéty herausgegebenen Band über das Wirken Aristide Briands, den Völkerbund und Europa. Auf knapp 550 Seiten finden sich allein 33 Aufsätze, von Einleitungen, Diskussions- und Abschlussbeiträgen ganz abgesehen. Im Zentrum steht dabei Aristide Briand und seine Europapolitik. Kein neues Thema, möchte man sagen – wozu also das große Vorhaben?
Doch dieser Eindruck täuscht. Denn der Ansatz, mit dem Jacques Bariéty als Herausgeber und Organisator der Konferenz, deren Ergebnisse der Band zusammenfasst, an das vermeintlich »alte« Thema herangeht, zeigt einen veränderten Blick auf die Europapolitik der Zwischenkriegszeit. Die Beschäftigung mit Briand steht hier unter dem klaren Primat des Gegenwartsbezuges. Neben Archivöffnungen sei es – so Bariéty – vor allem der Umbruch des internationalen Systems der Jahre 1989/90, welcher der Europapolitik der Zwischenkriegszeit »une nouvelle actualité« (S. 14) verleihe. Das europäische und das internationale System der Jahre nach 1990 habe Problemlagen hervorgebracht, die jenen der Zwischenkriegszeit wieder viel näher stünden, als jene der Jahre des Ost-West-Konfliktes. Daher lohne sich auch die Beschäftigung mit dieser Epoche wieder, würden neue Fragestellungen und Themen hervorgebracht, die einen neuen Blick auf die Verständigungspolitik der zwanziger Jahre ermögliche. Dieser gegenwartsbezogene Anspruch erklärt sich nicht zuletzt aus der Genese des Konferenzprojektes: Es entstand gewissermaßen als »Auftragsarbeit« des Französischen Ministère des Affaires étrangères. Trotz aller wissenschaftlicher Freiheit, die sich Bariéty für das Projekt ausbedungen hat, spiegelt sich das politische Interesse an dem Themenkomplex.
Aus der Konferenz hervorgegangen ist der in drei Teile gegliederte Sammelband. Der erste Teil beschreibt den »Weg zu einer neuen internationalen Ordnung« im Vorfeld der Locarno-Konferenz. Dabei liegen die inhaltlichen Schwerpunkte unter anderem auf einer Analyse der Regierung Briand seit 1921 (mit Beiträgen von Geneviève Bibes, Corine Defrance, Anne Hogenhuis-Seliverstoff und Jérôme de Lespinois, sowie John Keiger). Die militärischen und geopolitischen Zwänge dieser Jahre vor der Locarno-Konferenz werden an verschiedenen Beispielen (durch Rémy Porte, Jérôme de Lespinois und Traian Sandu) thematisiert. Schließlich greift dieser Teil die Frage, ob Locarno als »neuer Friedensvertrag« zu interpretieren sein könnte, vor allem in bi-nationaler Perspektive am Beispiel von Polen (Maria Zmierczak), der Tschechoslowakei (Antoine Marès), Belgien (Francis Balace) und Deutschland (Andrew Barros) auf.
Der zweite Teil des Sammelbandes wendet sich dem »nouvel esprit des relations internationales« nach Locarno zu. In einzelnen Kapiteln geht es unter anderem um die völkerrechtlichen Auswirkungen des Vertrages (mit Beiträgen von Peter Krüger, Jean-Michel Guieu, Norman Ingram, Carole Fink und Yannik Wehrli). Als Beispiele für eine sich langsam herausbildende »société internationale des esprits« dienen in diesem Teil die europäische Aktivität verschiedener Organisationen und Institutionen (Jean-Jacques Renoliet, Philippe Chenaux, Christine Manigand und Christina Giuntella). Die sich daran anschließenden Verständigungsprojekte vor allem im wirtschaftlichen Bereich finden ebenfalls Beachtung: Dabei treten verschiedene politische nationale wie internationale Akteure in den Mittelpunkt (mit Beiträgen von Laurence Badel, Éric Bussière, Sylvain Schirmann und Dzovinar Kevonian). Schließlich behandelt dieser zweite Teil das Verhältnis, aber auch die Rivalität zwischen dem Projekt »Europa«, das zwischen Locarno und Briands Europaplänen einen solchen Aufschwung erlebte, und dem internationalen Kontext, repräsentiert durch den Völkerbund (Antoine Fleury, Lubor Jilek, Luciano Tosi und Stephen Schuker).
Der dritte und letzte Teil schließlich wendet sich intensiver der Politik Aristide Briands zu, wobei insbesondere auch dessen Mitarbeiter im Quai d`Orsay in den Blick genommen werden (in den Aufsätzen von André Ross, Raphaële Ulrich-Pier, Renaud Meltz und Jacques Bariéty). Die oben angesprochene gegenwartsbezogene Blickrichtung spiegelt sich in dem abschließenden Teil »Aristide Briand aujourd’hui«, in dem Julian Wright, Maurice Vaïsse, Franz Knipping und Tomasz Schramm die Erinnerung und den gegenwärtigen Umgang mit Briand in verschiedenen europäischen Ländern beschreiben. Ergänzt werden diese Textteile durch eine umfassende Bibliographie, eine Übersicht über die französischen Regierungen zwischen 1918 und 1932 und eine Chronologie der Jahre 1918 bis 1932.
So entsteht ein wirklich umfassender Band zum aktuellen Forschungsstand (vor allem in Frankreich). Für all diejenigen, die sich mit französischer Europapolitik oder dem internationalen System in der Zwischenkriegszeit beschäftigen, wird dieser Band eine Fundgrube darstellen. Jedoch ergeben sich aus diesem Umfang auch Schwächen. Tatsächlich fragt man sich beim Lesen gelegentlich, warum sich die Verantwortlichen nicht von vornherein stärker beschränkt haben. Natürlich ist es konzeptionell nicht einfach, den Auftrag zur Gestaltung einer Konferenz zur französischen Europapolitik der zwanziger Jahre in knapper Form umzusetzen. Jedoch ist es auch nicht unbedingt zielführend, alle thematischen Schwerpunkte gleichgewichtig zu behandeln: Der Person und Politik Aristide Briands gerecht werden zu wollen, den Völkerbund und das internationale System nicht zu vernachlässigen, »Europa« mit einzubeziehen, die Auswirkungen dieser Politik auf Wirtschaft und Kultur der zwanziger Jahre zu thematisieren und auch noch die (Nach-)Wirkungen all dessen und die Erinnerung daran in der Gegenwart zu analysieren. So ist der innere Zusammenhalt der einzelnen Bereiche nicht immer klar zu erkennen. Die Einleitung von Jacques Bariéty steht für diesen Befund symptomatisch: Er erklärt den thematischen Rahmen des Kolloquiums (und des vorliegendes Bandes) nicht durch eine leitende Fragestellung, die die drei Bereiche »Briand, Völkerbund und Europa« zusammenbinden würde, sondern er beschreibt nacheinander die Wichtigkeit der einzelnen Bereiche (S. 14f.) – ein konzeptioneller Rahmen wird letztlich nicht erkennbar. Und so stehen die Themen auch im weiteren Text eher nebeneinander als verbunden.
In dem vorliegenden Band können all jene fündig werden, die sich mit speziellen Aspekten der französischen Außenpolitik in der Zwischenkriegszeit beschäftigen. Ein neues »Gesamtinterpretament« dieser schwierigen und doch so aufbruchsträchtigen Phase des europäischen Miteinanders kann der Band jedoch nicht bieten, dazu ist er zu heterogen und zu wenig durch eine verbindende Leitfrage geprägt.
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