V. Tabbagh, E. Bouvé, D. Cailleaux, et al., Fasti Ecclesiae Gallicanae (Rolf Große)
Vincent Tabbagh (avec la collaboration de
Édouard Bouyé, Denis Cailleaux, Armelle Le Gendre, Lydwine
Saulnier-Pernuit, Laurent Vallière), Fasti Ecclesiae Gallicanae.
Répertoire prosopographique des évêques, dignitaires et chanoines
de France de 1200 à 1500. T. 11: Diocèse de Sens, Turnhout
(Brepols), 2009, X–578 S., Abb., ISBN 978-2-503-53358-2, 65,00
EUR.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Rolf Große, Paris
Ein gutes Jahr nach dem Erscheinen des Poitiers gewidmeten Bandes (vgl. Francia-Recensio 2009/4) liegen nun die »Fasti Ecclesiae Gallicanae« für die Erzdiözese Sens vor. Sie sind umso willkommener, als diesem Bistum noch keine umfassende Darstellung neueren Datums gewidmet ist. Für die Frühzeit gibt es zwar seit 1992 einen Abschnitt in Bd. 8 der »Topographie chrétienne des cités de la Gaule des origines au milieu du VIIIe s.«. Ansonsten muss die Forschung jedoch immer noch auf das bereits 1906–1911 veröffentlichte dreibändige Werk von Henri Bouvier, »Histoire de l’Église et de l’ancien archidiocèse de Sens« zurückgreifen. So interessiert den Leser des vorl. Bandes neben dem biographischen Teil, der die Erzbischöfe von Pierre de Corbeil (1200–1222) bis Tristan de Salazar (1474–1519) vorstellt, sowie den prosopographischen Listen, die alle Dignitäre, Kanoniker und Pfründeninhaber der Diözese umfassen, vor allem die umfangreiche historische Einleitung (S. 3–98), die zudem von einer Bibliographie und einem Überblick über die handschriftlichen Quellen ergänzt wird.
Zunächst gewährt die »Notice institutionnelle« eine Einführung in die Geschichte und Struktur von Diözese und Kirchenprovinz. Sie erstreckte sich über das Gebiet der Lugdunensis Quarta und umfasste, neben der Metropole, die Suffraganbistümer Chartres, Auxerre, Troyes, Orléans, Paris, Meaux und (seit dem 5. Jh.) Nevers. Ihre Anfangsbuchstaben bildeten die Devise des Domkapitels »CAMPONT«. Seit dem 9. Jh. besaß der Erzbischof den Primat über Gallien und Germanien, ein Rang, um den sich ein permanenter Konflikt mit Lyon entspann. Sein Bemühen, Pair de France zu werden, war allerdings nicht von Erfolg gekrönt. Mit einer päpstlichen Taxgebühr von 6 000 Florins rangierte Sens unter den französischen Bistümern an fünfter Stelle (nach Rouen, Auch, Langres und Narbonne). Der Hauptstadt Paris gelang es erst 1622, selbst zum Erzbistum aufzusteigen. Das Palais, das die Erzbischöfe von Sens in Paris unterhielten, das Hôtel de Sens, zeugt noch heute von ihrer hohen Stellung. Ihre alte Bischofsstadt hingegen hat mit jetzt weniger als 30 000 Einwohnern die frühere Bedeutung verloren; seit 1973 residiert der Erzbischof in Auxerre.
Die Bischofsreihe beginnt mit dem hl. Savinian, der Ende des 3. Jhs. amtiert haben soll. Im Jahr 344 ist mit Severin erstmals ein Bischof sicher bezeugt. In gallo-römischer Zeit sind wohl auch die Anfänge von drei der insgesamt neunzehn Stiftskirchen zu suchen: Notre-Dame in Melun, Notre-Dame in Étampes und Saint-Quiriace in Provins. Daneben gab es im Spätmittelalter 26 Abteien, 191 Priorate und 8 Kommenden. Die Kathedrale wurde zunächst von einer Kirchenfamilie gebildet, bestehend aus Notre-Dame, Saint-Étienne und Saint-Jean. Nach dem verheerenden Brand von 968 wurde nur Saint-Étienne wiederaufgebaut und 982 geweiht. Unter Erzbischof Henri Sanglier (1122–1142) erfolgte dann ein kompletter (noch heute erhaltener) Neubau, mit dem die Geschichte der gotischen Kathedralen Frankreichs beginnt. Die Maria und dem hl. Johannes geweihten Kapellen im Chorumgang setzten die Tradition der beiden untergegangenen, ursprünglich zur Kathedrale gehörenden Kirchen fort.
Innerhalb des Domkapitels bildeten vier Kanoniker der ehemaligen Kirche Notre-Dame eine eigene Gruppe und wurden erst 1245 voll integriert. Es ist überhaupt ein Merkmal des Domkapitels von Sens, dass es sich durch starke Hierarchisierung und mangelnde Homogenität auszeichnete: Kanoniker zu sein bedeutete nicht zwangsläufig, am Kapitel mit beratender Stimme teilnehmen zu dürfen und über Einkünfte aus einer Pfründe zu verfügen. Dieser komplizierte Sachverhalt wird ebenso klar dargelegt wie die Baugeschichte des Dombezirks mit dem erzbischöflichen Palais, das heute ein Museum beherbergt. Es folgen Kapitel über den Domschatz sowie den Chor der Kathedrale und seine liturgische Funktion.
Wenngleich das Fehlen von Anmerkungen und Quellenbelegen im darstellenden Teil zu bedauern ist (aber dies sieht die Reihe so vor), ist den Autoren zu ihrem gelungenen Band zu gratulieren. Im Vorwort weist Hélène Millet, spiritus rector der »Fasti«, auf Verzögerungen bei der Einrichtung der geplanten Datenbank hin. Aber die Fortführung der Reihe und des gesamten Projektes ist auch nach ihrem Eintritt in den Ruhestand gesichert. Weitere Bände sind in Bearbeitung. Man darf sich schon auf sie freuen.
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