E. Østrem, M. Birkeda Bruun, N. Petersen, J. Fleischer, Genre and Ritual (Gerald Schwedler)
Eyof Østrem, Mette Birkedal Bruun, Nils
Holger Petersen, Jens Fleischer (ed.), Genre and Ritual. The Cultural
Heritage of Medieval Rituals, Copenhagen (Museum Tusculanum Press)
2005, 336 S. (Transfiguration, 5), ISBN 87-635-0241-0, EUR 53,40.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Gerald Schwedler, Zürich
Der Sammelband »Genre and Ritual. The Cultural Heritage of Medieval Rituals« geht auf eine Tagung am Centre for the Study of the Cultural Heritage of Medieval Rituals zurück, das an der Theologischen Fakultät der Universität Kopenhagen gegründet wurde und in der Zwischenzeit immer wieder durch interdisziplinäre Projekte hervorgetreten ist (www.teol.ku.dk/kulturarv). Der Breite der am Centre vertretenen Disziplinen entspricht auch die Auswahl der 16 Beiträge, die sich chronologisch zwischen dem 11. und 20. Jahrhundert im westeuropäischen Abendland ansiedeln lassen und unterschiedliche Themen mit dem methodischen Instrumentarium der Geschichtswissenschaften, Kunstgeschichte, Musik- oder Theaterwissenschaften behandeln.
Ausgangspunkt der Sammlung ist die Frage, inwiefern zwei so weite und komplexe Begriffe wie Ritual und Genre in den einzelnen Fachrichtungen der Kulturwissenschaften angewendet werden können, um zu neuen Sichtweisen und Ergebnissen zu kommen. Diese Themenstellung eröffnet der Initiator der Sammlung, Nils Holger Petersen in seiner Einleitung. Darin legt er dar, dass sich das Wissen um mittelalterliche Handlungsweisen (auch Rituale) insbesondere aus historischen Narrativen ergibt, die zwar ein Netz an kulturgeschichtlichen Einzelheiten knüpfen, aber eben auch einer genrespezifischen Eigendynamik verpflichtet sind. Dabei geht er davon aus, dass heute wesentliche Bereiche des künstlerischen öffentlichen Lebens in der westlichen Kultur, sei es im Bereich des Theaters, Literatur, bildender Kunst oder Musik mittelbar ihre Wurzeln im Gottesdienst der mittelalterlichen Kirche haben (S. 10). Aus dieser Perspektive ergibt sich die Vorstellung, dass das künstlerische Zeitgeschehen mehr als kulturelles Erbe der mittelalterlichen Rituale zu betrachten ist als allgemein zugegeben würde. Gleichwohl sucht Petersen eine lineare Erklärung »vom mittelalterlichen Ritual zum modernen Kunstschaffen« zu vermeiden. Die Entwicklung ist nicht nur einseitig im Sinne einer Säkularisierung, Modernisierung, Emanzipierung oder Entzauberung, sondern ebenso auch als Sakralisierung, Re-Sakralisierung oder auch Ritualisierung zu verstehen. Somit können sowohl zeitgenössische Phänomene des Kunstschaffens, die zu jenem Erbe gehören, wie auch vergangene Praktiken unter ähnlicher Fragestellung untersucht werden. Mit diesem methodischen Kniff gelingt es Nils Holger Petersen, eine große Zahl unterschiedlicher Themen und Autoren unter einer gemeinsamen Fragestellung zu vereinen. Exemplarisch sei auf seinen eigenen Beitrag verweisen, in dem er die Konzerte Bob Dylans mit mittelalterlicher Liturgie vergleicht (S. 321). Bei der Feststellung von Gemeinsamkeiten belässt er es hingegen nicht, sondern ordnet den Ablauf des Konzerts anhand der geläufigen Konzepte der Ritualtheorie. Dabei geht er auf Schlüsselbegriffe wie Handlungsmacht, Ritualwandel, rituelle Rahmung, etc. ein. Freilich ist für das Verständnis von mittelalterlichen Ritualen und insbesondere der lateinischen Messe noch nicht viel gewonnen, doch immerhin kann Petersen die Notwendigkeit der rituellen und ästhetischen Rahmenbedingungen (Anfang/Ende, klar umrissene Gruppe von Akteuren, Textkonsistenz etc.) erweisen. Doch verschleiert eine gewisse begriffliche Unschärfe die tatsächliche Vergleichbarkeit, soweit diese über allgemeine Feststellungen hinausgeht.
Unter den historischen Beiträgen ist zunächst der Beitrag von Christof L. Diedrichs »Desire of Viewing: A ›Deluge of Images‹ in the Middle Ages« zu erwähnen, der in einem Parforceritt die Entwicklung der Reliquienschau vom frühmittelalterlichen Grabbesuch zum spätmittelalterlichen Sammelwahn aufzeichnet. Dabei wird exkursartig auf die jeweils zeitgenössischen Bildtheorien und die Bedeutung der visio für das Heilsverständnis eingegangen.
Henrik von Achen geht mit seinem Beitrag »›The Passion Clock‹ – a Lutheran ›Way of the Cross‹: Reflections on a Popular Motif in Early Eighteenth-Century Scandinavian Religious Imagery« auf den in der Forschung bereits mehrfach behandelten Widerspruch ein, im Bereich der Lutheranischen Liturgie eine auf das katholische Stundengebet Bezug nehmende Praxis anzutreffen.
Richard Utz behandelt in seinem Beitrag »Remembering Ritual Murder: The Anti-Semitic Blood Accusation Narrative in Medieval and Contemporary Cultural Memory« die scheinbar kulturell verankerten Vorstellungen, dass antisemitischen Handlungen oftmals ein unreflektierter Vorwurf blutrünstigen Verhaltens (in der Regel Ritualmord) vorausgeht. Er untersucht diese Prädisposition des kulturellen Gedächtnisses an den vielfach behandelten Fallen des Hugh of Lincoln (z. B. Mattaeus Parisiensis, Chronica Majora, ad ann. 1255) wie auch dem Ereignis des Andreas von Rinn (1462).
Biörn Tjällen geht mit seiner Studie über »Ericus Olai’s ›Chronica regni Gothorum‹: A Discourse on Dominance« auf die Mechanismen ein, die zum Tragen kommen, wenn unter bestimmten politischen Voraussetzungen Geschichte umgeschrieben wird. Ericus Olai (gest. 1486) änderte seine Quellen und betonte in seiner Chronica, dass die Bedeutung von Uppsala im 11. Jahrhundert gegenüber Stockholm größer gewesen sei, dass das Verhältnis von Bischof und König anachronistisch zugunsten des Bischofs ausgefallen wäre und dass dänische Eingriffe in interne Angelegenheiten Schwedens zu Nachteilen geführt hätten, was im Grunde erst mit der Kalmarer Union der Fall war. Dies weist der Autor vor allem an Hand der Person des hl. Erik nach, der auch in anderen Schriftquellen – jedoch mit einer anderen Charakterisierung der schwedischen Umstände – greifbar ist.
Insgesamt sind die Beiträge lesenswerte Einzelstudien, die jeweils für sich verdeutlichen, wie wenig über rituelle bzw. ritualisierte Handlungsweisen gesprochen werden kann, ohne das jeweilige Genre der ästhetischen Artikulation zu berücksichtigen. Das gilt sowohl für die unterschiedlichen Textstufen bei der Adaption von Heiligenviten wie auch die Transposition des historischen Stoffs vom hl. Erik in eine Oper des 20. Jahrhunderts. Die Beantwortung der Frage, was genau mit den Forschungsbegriffen »genre« und »ritual« bezeichnet werden soll und was nicht, bleiben die Herausgeber und Beiträger leider schuldig. Auf eine Definition der Begriffe wird bewusst verzichtet (S. 12), was aber gerade in interdisziplinären Projekten zu Unschärfen führt, die ein gegenseitiges Verständnis erschweren. Doch gerade das Erarbeiten einer tragfähigen Begrifflichkeit für verschiedene Teilbereiche sollte doch der Mehrwert einer gemeinsamen Publikation sein und nicht dem Leser überlassen werden, Ordnung in die »wide range of topics« zu bringen. Auch wurde darauf verzichtet, durch einen analytischen Beitrag das Gemeinsame der einzelnen Aufsätze hervorzuheben, soweit es über »Kulturgeschichte des Abendlandes« hinausgeht. So erschließt lediglich ein sechsseitiger Autorenindex den Sammelband, nicht jedoch ein Sachindex, durch den es möglich wäre, strukturelle und inhaltliche Querverbindungen aufzuzeigen. Eine fachdisziplinäre Würdigung der nichthistorischen Beiträge im Detail kann vom Rezensenten nicht übernommen werden.
Aufstellung aller Beiträge: Jesper Sørensen, »Ritual as Action and Symbolic Expression«; Katia Gvozdeva, »Hobbyhorse Performances: A Ritual Attribute of Carnivalesque Traditions and its Literary Appropiation in Sottie Theatre«; Christof L. Diedrichs, »Desire of Viewing: A ›Deluge of Images‹ in the Middle Ages«; Henrik v. Achen, »›The Passion Clock‹ – a Lutheran ›Way of the Cross‹: Reflections on a Popular Motif in Early Eighteenth-Century Scandinavian Religious Imagery«; Richard Utz, »Remembering Ritual Murder, The Anti-Semitic Blood Accusation Narrative in Medieval and Contemporary Cultural Memory«; Biörn Tjällén, »Ericus Olai’s Chronica regni Gothorum: A Discourse on Dominance«; Siglind Bruhn, »Rituals and Genres in a Twentieth-Century Operatic Portrayal of a Medieval Saint«; Jørgen Bruhn, »›Useful if Treated with Caution‹, Carnevalization in Don Quijote«; Heinrich W. Schwab, »The Phenomenon of Concert Applause: Interactions between Institution, Ritual, and Musical Genre«; Lars Berglund, »The Aria, the Stylus Melismaticus, and the Holy Communion«; Magnar Breivik, »Weill and Brecht’s Das Berliner Requiem: A Secular Work in a Sacred«; Eyolf Østrem, »›Going Through All These Things Twice‹: The Ritual of a Bob Dylan Concert«; Nils Holger Petersen, »Music Practices around Bob Dylan, Medieval Rituals, and Modernity«.
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