V. Fortunatus, Gelegentlich Gedichte (Dorothea Walz)
Venantius Fortunatus, Gelegentlich Gedichte.
Das lyrische Werk. Die Vita des hl. Martin. Eingeleitet, übersetzt
und kommentiert von Wolfgang Fels, Stuttgart (Hiersemann) 2006,
XLVI–500 S., mit 1 Farbtafel und 4 zweifarbigen Figurengedichten
(Bibliothek der Mittelalterlichen Literatur, 2), ISBN
978-3-7772-0603-5, EUR 124,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Dorothea Walz, Heidelberg
Venantius Fortunatus (im Folgenden V. F.), geboren um 540 in Valdobbiadene in Venetien und gestorben bald nach 600 in Gallien als Bischof von Poitiers, ist zweifellos der bedeutendste frühmittelalterliche lateinische Literat vor der Karolingerzeit. Er verfasste etliche Heiligenviten in Prosa, seinen Ruhm aber verdankt er vor allem seinen Carmina und seiner metrischen Vita S. Martini. Als Gelegenheitsgedichte richten sich die Carmina an zahlreiche Persönlichkeiten von Rang und Namen aus dem Adel und Klerus seiner Zeit – besonders befreundet war V. F. mit Gregor von Tours, der Königinwitwe und Klostergründerin Radegunde und der Äbtissin Agnes von Poitiers – und sind prosopographisch, aber auch realienkundlich sehr ergiebig und eine wichtige Quelle für die Merowingerzeit der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts. Als Schulautor wurde V. F. im gesamten Mittelalter viel studiert und auch von den Humanisten wie Konrad Celtis sehr geschätzt. Seine Hymnen auf das Heilige Kreuz fanden Eingang in die westliche Liturgie; der bekannteste, Pange, lingua gloriosi proelium certaminis (Carm. II,1), wird mitunter heute noch in der katholischen Kirche als Sequenz in der Karwoche gesungen. In unserer Zeit erlebt V. F. gerade in den letzten Jahren zwanzig Jahren eine Renaissance: In Frankreich und Italien erschienen zweisprachige Ausgaben der Carmina (lateinisch-französisch von Marc Reydellet, Paris 1994–2004; lateinisch-italienisch von Stefano DiBrazzano, Aquileia 2001) sowie der Vita S. Martini (lateinisch-französisch von Solange Quesnel, Paris 1996), zwei englische Monographien (Judith W. George, Oxford 1992 und jüngst Michael J. Roberts, Ann Arbour 2009) und zahlreiche Einzelstudien aus der ganzen Welt widmen sich seinem literarischen Werk. Somit trifft es den Nerv der Zeit, wenn nun auch im Deutschen (nach diversen Übersetzungen einzelner Gedichte) erstmals eine Gesamtübersetzung sämtlicher Carmina und der Vita S. Martini vorliegt.
Die Textgrundlage bildet die immer noch maßgebliche Edition von Friedrich Leo, die 1881 bei den Monumenta Germaniae Historica in der Abteilung »Auctores antiquissimi«, Bd. 4,1, erschien und hier komplett übersetzt wurde, d. h. dass neben den genannten poetischen Hauptwerken auch die von Leo als Spuria klassifizierten Gedichte, übersetzt als »Verstreutes und Unechtes« (darunter das 360 Verse umfassende In laudem sanctae Mariae, »Marienlob« ), einbezogen wurden. Die meisten Spuria sind wohl tatsächlich V. F. zuzuschreiben, doch würde man darüber gern mehr erfahren als die spärlichen Angaben des Übersetzers (S. XXXIX).
Der weitaus größte Teil der Verse des V. F. besteht aus reinen Hexametern (v. a. die epische Vita S. Martini) und Distichen. Unter den Carmina finden sich auch andere Metren und Strophenformen wie die sapphische Strophe (Carm. IX,7), die vierzeilige Strophe des Ambrosianischen Hymnus (Carm. I,16 und II,6) oder der katalektische trochäische Septenar (Carm. II,2), und schließlich sind als Höhepunkt der poetischen Formkunst des V. F. seine Figurengedichte zu nennen (außer dem erwähnten noch Carm. II,4 und 5 sowie Spuria 2).
Bei Übersetzungen lateinischer Lyrik ins Deutsche wird heutzutage im Allgemeinen die Prosaübersetzung bevorzugt mit der Intention, die Nuancen und den Stil des lateinischen Textes im Deutschen so präzise wie möglich zu treffen und wiederzugeben. Metrische Übertragungen wirken dagegen oft artifiziell und schwülstig, mitunter auch unverständlich und bewirken mehr eine Distanz zu dem – hier mehr als 1400 Jahre – alten Original, als dass sie einen Zugang zu ihm eröffneten, zumindest beurteilt nach dem heutigen Zeitgeschmack. Entgegen dieser Strömung wird hier jedoch, abgesehen von den in den Carmina enthaltenen Prosapassagen, eine metrische Übersetzung geboten, gerade mit dem Motiv, »den Leser das lateinische Original nachempfinden [zu] lassen [...]. Und wer möchte schon Lyrik in Prosa lesen?« (S. XLI). Zu den üblichen Anforderungen, die eine Übersetzung stellt, kommt also das formale Korsett der Verse und Strophen hinzu, ein Spagat, der nicht leicht zu bewerkstelligen ist und entsprechend oft auch nicht zufriedenstellend ausfällt. Sogar V. F. selbst klagt einmal in einem Hexameter-Gedicht – zugegebenermaßen in einem formal besonders anspruchsvollen Figurengedicht –, wie schwer es ihm mitunter falle, den Inhalt in die gegebene Form zu gießen (Carm. V,6, Widmungsbrief).
An das Werk von Fels sind also hohe Erwartungen geknüpft. Betrachten wir das erste Distichon des letzten Gedichtes aus dem Corpus der Carmina, die V. F. noch zu Lebzeiten selbst publizierte (Carm. XI,26):
Passim stricta riget glacies concreta pruina
nec levat adflictas flexibilis herba coma,
und stellen der Felsschen Übersetzung jene von Karl Langosch zum Vergleich gegenüber, die, ebenfalls in gebundener Sprache, 1968 erschien (K. Langosch, Lyrische Anthologie des lateinischen Mittelalters, Darmstadt 1968, S. 16–19):
»Starrend steift überall das Eis, geronnen der Reif auch,
Biegsam hebt nicht mehr das Gras das ihm zerschlagene Haar«.
Bei Fels lautet der Anfang des der mütterlichen Freundin Radegunde gewidmeten Gedichts folgendermaßen:
»Weit und breit starrt das feste Eis, der gefrorene Rauhreif,
und das biegsame Gras hebt nicht den hängenden Halm« (S. 295).
Bereits die Alliteration »Starrend steif«, mit der Langosch das Gedicht beginnen lässt, drückt die Stagnation aus, die über der winterlichen Natur liegt und den Dichter buchstäblich festhält, denn sie verhindert das Reisen und seine ersehnte Rückkehr zu Radegunde. Man hört gewissermaßen auf das Klirren des Eises. Der geronnene Reif invoziert das Bild von geronnener Milch, ein Bild aus dem Lebensbereich des V. F. also, und das Gras hat Haare (comae), womit eine von V. F. häufig verwendete Metapher aus dem menschlich/tierischen Bereich (z. B. Vers 4 desselben Gedichtes, ferner Carm. III,9,11 und 24, u. ö.) wiedergegeben ist. Eine solche lyrisch verdichtete Übersetzung, wie sie Langosch bietet, hat ihren eigenen Zauber, erschließt sich dem Leser aber nicht unmittelbar. So ist man dankbar für den von Langosch parallel beigegebenen lateinischen Text.
Fels dagegen verzichtet auf derartige Rhetorik: Der Rauhreif ist einfach nur gefroren, das Gras mit seinen geknickten Haaren hat lediglich einen »hängenden Halm«. Auf diese Weise wirkt seine Übersetzung schlichter und klarer, aber auch »prosaischer«. Mitunter ist seine Sprache sogar salopp und tendiert in Richtung Umgangssprache (z. B. Carm. XI,16,1: »Dass man mir trostlose Mahlzeiten auftischt, das wusste ich echt nicht« , S. 291) und passt zu dem vertraulichen Ton der meisten Gedichte des V. F. Man kann somit die Übersetzung gut ohne den lateinischen Text lesen, welcher hier ohnehin fehlt. (Dies ist allerdings zu bedauern, denn der Genuss würde durch die Beigabe der lateinischen Originals noch gesteigert, und nicht jeder Leser hat die MGH-Ausgabe zur Hand. Satz- und drucktechnisch wäre bei verändertem Layout und dünnerem Papier eine lateinisch-deutsche Ausgabe sicherlich möglich gewesen, wie die von DiBrazzano angefertigte lateinisch-italienische Ausgabe der Carmina in einem Band mit zusätzlichem, sehr ausführlichem Anmerkungsapparat zeigt.)
Zwei unterschiedliche Übersetzungskonzepte also, wobei die von Fels durchaus überzeugt und gegenüber der älteren von Langosch mithalten kann. Mit seiner Versübertragung konzentriert sich Fels somit im Wesentlichen auf das Formale bzw. die Metrik. Diese ist jedoch meisterhaft umgesetzt, und die deutschen Verse gleiten leicht und glatt im Hexameter und Pentameter dahin, ohne sperrig oder gestelzt zu wirken. Sogar das abecedarische Gedicht für Bischof Leontius von Bordeaux (Carm. I,16, S. 19–22) ist in seinem Versmaß als achtsilbiger jambischer Dimeter mit Endreim wiedergegeben, und sogar die abecedarische Folge der 23 Strophenanfänge ist berücksichtigt. Dass der Pentameter in dem berühmten »Quarkgedicht« (Carm. XI,11,2, S. 290) zweisilbig und dadurch weiblich auf »Creme« auslautet, ist sicherlich ein Versehen und kann durch einen accent grave (»Crème« ) und die französische einsilbige Aussprache (oder aber durch das deutsche »Crem« ) leicht geheilt werden.
Weiterhin zeigt sich die sprachliche Gewandtheit von Fels gerade an jenen zahlreichen Stellen, an denen V. F. mit Wortspielen zu jonglieren beliebte. So stehen auch in der Übersetzung von Carm. XI,22a (S. 293) das von ihm vertilgte Fett der Butter und das Fett seines Bauches miteinander in einem proportionalen Verhältnis. Auch in dem ersten der beiden Moselgedichte (Carm. VI,8), in dem V. F. die Kraftprobe zwischen sich als Hofdichter und dem arroganten Hofkoch thematisiert, haben sein Recht und die Brühe des Kochs eines gemeinsam: das lateinische ius (Vers 8), von Fels trefflich und witzig übersetzt in dem Pentameter:
»Meine Rechte sind nichts, rechtet mit Brühe ein Koch« (S. 161).
Die als Gelegenheitsgedichte konzipierten Carmina des V. F. sind in der Regel sehr persönlich gehalten, nehmen auf bestimmte biographische Details des Dichters und seiner Adressaten Bezug und sind daher oft nicht leicht zu verstehen, zumal die uns vorliegenden biographischen Daten zu V. F. selbst wie auch zu den meisten seiner Adressaten lückenhaft sind. Fels hatte sich vorab intensiv mit der Biographie des V. F. befasst und darüber promoviert. Davon zeugen sowohl seine Einführung zum Leben des Dichters (S. XI–XXXIX) als auch die Überschriften zu den Gedichten, die der Leser dankbar entgegennimmt. Die im Anhang beigegebenen Anmerkungen zu den Texten (S. 431–474), die allerdings sehr knapp ausfallen, ein Namen- und Ortsregister (S. 475–490), ein Sachregister (S. 491–500) sowie eine Karte zu der von Fels rekonstruierten Reiseroute des V. F. von Italien in das Frankenreich und zu allen im Leben des V. F. vorkommenden Orten tragen dazu bei, seine Dichtung dem heutigen Leser näher zu bringen. Für alle Freunde des V. F. ist die vorliegende Gesamtübersetzung ein Muss und ein »echter« Gewinn, um seinem Jargon und dem von Fels treu zu bleiben.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

