You are here: Home content Publikationen Francia-Online Francia-Recensio 2010-2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500) L. Faggion, A. Mailloux, L. Verdon, Le notaire, entre métier et espace public en Europe, VIIIe–XVIIIe siècle (Gisela Naegle)
Personal tools
Navigation
 

L. Faggion, A. Mailloux, L. Verdon, Le notaire, entre métier et espace public en Europe, VIIIe–XVIIIe siècle (Gisela Naegle)

— filed under:
Lucien Faggion, Anne Mailloux, Laure Verdon, Le notaire, entre métier et espace public en Europe, VIIIe–XVIIIe siècle

Francia-Recensio 2010/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Lucien Faggion, Anne Mailloux, Laure Verdon, Le notaire, entre métier et espace public en Europe, VIIIe–XVIIIe siècle, Aix-en-Provence (Publications de l'université de Provence) 2008, 298 S., ISBN 978-2-85399-708-9, EUR 27,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Gisela Naegle, Paris

Der von Lucien Faggion, Anne Mailloux und Laure Verdon herausgegebene Band stellt ein weiteres Glied in der Kette der in den letzten Jahren sehr aktiv betriebenen Forschungen zum Justizpersonal (auxiliaires de justice) und zur Tätigkeit von Notaren dar. Es handelt sich um die Veröffentlichung der Vorträge einer 2006 in der Maison méditerranéenne des sciences de l’homme, Aix-en-Provence und den Archives départementales des Bouches-du-Rhône (centre de Marseille) veranstalteten Tagung. Die 22 Beiträge stammen von Mediävisten, Historikern der Frühen Neuzeit, Rechtshistorikern und Rechtspraktikern. Der tatsächliche geografische und chronologische Schwerpunkt liegt jedoch anders, als man dem Titel nach erwarten könnte: Mit Ausnahme des Beitrages von Anne Mailloux zur Entstehung des Notariats in Lucca (8. bis 10. Jh.) beziehen sich alle übrigen Aufsätze auf den Zeitraum zwischen dem 12. und 18. Jahrhundert, wobei der Schwerpunkt ganz eindeutig auf dem Spätmittelalter und dem Beginn der Frühen Neuzeit liegt. Abgesehen von einem Beitrag zu Orléans und mehreren Aufsätzen zu Savoyen und zum Gebiet der heutigen französischsprachigen Schweiz (Diözese von Lausanne, Wallis) ist der geografische Raum in kultureller Hinsicht ausschließlich mittelmeerisch geprägt: Lucca, Portugal, Katalonien (zwei Beiträge), Herrschaftsgebiet von Venedig (drei Beiträge), Spanien einschließlich der überseeischen Beziehungen zum amerikanischen Kontinent, Apt, Königreich Neapel, unteres Rhônetal, Avignon und Béarn.

Am Anfang steht eine kurze Einleitung von Jean Hilaire, die, ausgehend vom Modell des öffentlichen Notariats in Italien, einige Fragestellungen und Forschungsansätze vorstellt. In inhaltlicher Hinsicht gruppieren sich die Themen des Buches in drei Sektionen. Die erste und umfangreichste Sektion beschäftigt sich mit der Rolle, dem Wirken und der Person des Notars, d. h. der Entstehung des Notariats, seiner rechtlichen Ausgestaltung und Entwicklung, mit dem von Notaren produzierten juristischen Schriftgut (z. B. Testamente, Heirats- und sonstige Verträge, Schenkungen), mit dem gesellschaftlich-sozialen Status der Notare und ihrer Rolle innerhalb räumlicher und sozialer Beziehungsnetze (»La figure du notaire: statuts, espaces, réseaux«). Die zweite und dritte Sektion sind wesentlich kürzer und stellen das Verhältnis zwischen Notaren und politischen Machthabern (»Le notaire et les pouvoirs«) und die Funktion des Notars als Vermittler und Schiedsrichter in den Vordergrund (»Le notaire, médiateur et arbitre«). Das behandelte Themenspektrum reicht von den konkreten Modalitäten der Ausbildung und Berufsausübung der Notare über die Entwicklung von Formularen und Techniken der Registerführung bis hin zur praktischen Bedeutung ihrer Tätigkeit im Rahmen des Kreditwesens, als Zeugen, Schreiber, Bewahrer des juristischen Gedächtnisses und als Vermittler bei der Beilegung von Konflikten. Die methodische Zugriffsweise der einzelnen Autoren ist sehr unterschiedlich. Neben Synthesen steht die Auswertung der Register eines einzelnen, mehrerer oder – im Idealfall – sogar aller Notare eines einzelnen Ortes. Es gibt jedoch auch Studien zur Analyse autobiografischer Quellen oder zum Lebensweg einer Einzelperson. In vielen Fällen stützen sich die Untersuchungen auf unediertes Archivmaterial. Zahlreiche Verfasser stellen ihre Quellen und Arbeitsmethoden vor, dabei spielt die Verwendung von Datenbanken eine wichtige Rolle.

Besonders interessant und lesenswert ist der Artikel von Christian Guilleré zum katalonischen Notariat am Beispiel von Gerona (katalan. Girona, 14. Jh.), der sich auf der Grundlage einer sehr guten und breit gestreuten Quellenlage unter anderem mit den Tätigkeitsbereichen der Notare und der Typologie der Rechtsgeschäfte beschäftigt. Zu den interessantesten Aspekten gehört dabei die Untersuchung der Struktur der Klienten und vor allem der Beziehungen zwischen der Stadt Gerona und ihrem Umland, die sich auch in der Art der Kreditverhältnisse, des räumlichen Einzugsgebietes der Notare und der Struktur ihrer Aktivitäten niederschlägt.

Ausgehend von einer Typologie ihrer Quellen aus den Archiven des Kathedralkapitels von Sion thematisiert Chantal Ammann-Doubliez ähnliche Aspekte anhand eines Einzelfalles. Die Tätigkeit des Notars Jean de Freneto († 1472) erlaubt einen Blick auf die Ausbildung, den Werdegang, den individuellen Arbeitsrhythmus und Aktionsradius eines spätmittelalterlichen Notars mit seinen jahreszeitlichen Schwankungen. Donatella Bartolini beschreibt ganz ähnliche Phänomene anhand eines Falls aus dem im venezianischen Herrschaftsbereich gelegenen Feltre (1570–1609). Ebenso wie bei mehreren anderen Autoren spielen auch bei Kouky Fianu die Beziehungen zwischen dem Notar und seinen Klienten eine wichtige Rolle. Ihre Ausführungen zum Missbrauch rechtlicher Verfahren wie der Schenkung und zur missbräuchlichen Nutzung besonders vorteilhafter prozessrechtlicher Privilegien der Studenten der Universität Orléans (Ius non trahi) und deren Anwendung auf Kreditbeziehungen und Schuldenvollstreckung vermitteln, ebenso wie der von Donatella Bartolini beschriebene Fall, aufschlussreiche Einblicke in die Rechtspraxis.

Unter vergleichenden Gesichtspunkten enthält der kurze Artikel von Filipa Roldão und Joana Serafim, der sich dem Verhältnis von Latein und Portugiesisch im Notariatsschriftgut und dem Prozess der zunehmenden Ausdifferenzierung und Ausbreitung der Volkssprache innerhalb dieser Quellengattung widmet, einige äußerst interessante Denkanstöße, die sich für andere geografische Regionen vertiefen ließen. Dies gilt z. B. für die Rolle und die Verbreitung lateinischer Formulare und von »außen« importierter Vorbilder. Den beiden Autorinnen zufolge ist die Quellenlage für derartige Studien im portugiesischen Fall allerdings ungünstig. Für Stadthistoriker sind die Beiträge von Simone Balossino und Claude-France Hollard zum Rhônetal und Avignon von Interesse, da sie sich mit der Rolle von Notaren im Kräftespiel zwischen Stadtregierung und Stadtherrn im Zuge städtischer Autonomiebestrebungen und der Entstehung städtischer Institutionen befassen. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch die Überlegungen zur geografischen Herkunft und »Zirkulation« von Notaren. Innerhalb der Sektion zur Vermittlertätigkeit sind vor allem die Ausführungen von Dominique Bidot-Germa hervorzuheben, die ein wichtiges Thema, die Konfliktregelung und Wiederherstellung des Friedens auf lokaler und individueller Ebene, betreffen. Besonders wegen möglicher Parallelen zwischen Béarn und Navarra bzw. Aragon (Fors de Béarn etc.). könnten sich hier interessante Vergleichsmöglichkeiten eröffnen, auch wenn die für manche Textgattungen sehr ungünstige Überlieferungslage Einschränkungen mit sich bringen dürfte.

Insgesamt gesehen bietet der Band eine Reihe interessanter Denkanstöße zur Geschichte des Notariats. Ein Teil der Beiträge stellt Ergebnisse aus noch im Gang befindlichen Untersuchungen vor, so dass hier noch keine abschließenden Aussagen zum Ertrag der Studien gemacht werden können. Manche Ergebnisse wirken aufgrund einer relativ kleinen Quellenbasis sehr punktuell. Soweit es sich um Einzelfallstudien handelt, bleibt daher vor allem die Frage nach der Verallgemeinerungsfähigkeit und Übertragbarkeit zu prüfen. Dies gilt besonders im Hinblick auf andere geografische Regionen Europas. Einige der angesprochenen Themen wie die Frage nach der sozialen Verortung der Notare in Beziehungsnetzen, nach Modellen, Transfervorgängen und der Zirkulation von Personen, »Techniken« und Formularen oder nach dem Verhältnis zwischen Latein und den jeweiligen Volks- und Regionalsprachen bieten sich zur Vertiefung an.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

Document Actions
Zitierhinweis
Empfohlene Zitierhinweise:
L. Faggion, A. Mailloux, L. Verdon, Le notaire, entre métier et espace public en Europe, VIIIe–XVIIIe siècle (Gisela Naegle)
In: Francia-Recensio, 2010-2, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2010-2/MA/faggion_naegle
Dokument zuletzt verändert am: Jul 01, 2010 05:04 PM
Zugriff vom: May 25, 2012