F. Demotz, La Bourgogne, dernier des royaumes carolingiens (855–1056) (Herbert Zielinski)
François Demotz, La Bourgogne, dernier des
royaumes carolingiens (855–1056). Roi, pouvoirs et élites autour
du Léman, Lausanne (Société d'histoire de la Suisse romande) 2008,
764 S., 27 Abb., ISBN 978-2-940066-06-3. EUR 55,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Herbert Zielinski, Gießen
Das Königreich der Rudolfinger im 9. bis 11. Jahrhundert mit seinem Zentrum im Gebiet der heutigen Westschweiz – aber auch nach Frankreich, Deutschland und Italien ausgreifend – zählt zu jenen alteuropäischen Regionen, die von jeher die Aufmerksamkeit einer grenzüberschreitenden europäischen (nämlich französischen, deutschen, schweizerischen und italienischen) Geschichtsschreibung gefunden haben (vgl. Demotz, S. 20f.). Die erste Monographie über dieses »seltsame Gebilde« (Theodor Schieffer) geht auf René Poupardin (1907) zurück, der mit seinem »Royaume de Bourgogne« die bis heute nicht überholte Basis für eine weiterführende Beschäftigung mit dem Rudolfingerreich gelegt hat. Der deutschen Forschung wiederum, die in der Schwester König Konrads von Burgund, der Kaiserin Adelheid, eine der herausragenden Frauen der ottonischen Epoche verehrte, ist vor allem die Edition der schwierigen Rudolfingerurkunden zu verdanken, die Theodor Schieffer nach langwierigen Vorarbeiten 1977 vorgelegt hat. Zu diesem Zeitpunkt waren von deutscher Seite schon mehrere Arbeiten erschienen, die wichtigen Teilaspekten des eng mit der ostfränkisch-deutschen Frühgeschichte verbundenen Rudolfingerreiches, das 1032 endgültig an das Imperium fiel, nachgingen. Auf französischer Seite, wo nicht zuletzt die engen Beziehungen der Rudolfinger zum monastischen Reformzentrum Cluny (erinnert sei an das Wirken der Äbte Maiolus und Odilo) das Interesse an Hochburgund wachhielten, scheint das imposante Werk von Poupardin lange Zeit eine neuerliche intensive Beschäftigung mit dem Rudolfingerreich behindert zu haben. Erst in den letzten Jahren hat man sich jenseits des Rheins wieder stärker dem Rudolfingerreich zugewandt, nicht zuletzt Demotz selbst (vgl. seine einschlägigen Arbeiten S. 721). Mit dem hier anzuzeigenden Werk, eine überarbeitete Thèse Lyon 2002, legt der Autor (nicht zu verwechseln mit Bernard Demotz) fast genau ein Jahrhundert nach Poupardin (auch dessen Werk war eine überarbeitete Thèse) als Frucht seiner langjährigen Beschäftigung mit dem Thema wieder eine Monographie über das Rudolfingerreich vor.
Schon äußerlich unterscheidet sich dieses Buch, für das Michel Parisse das Vorwort geschrieben hat (S. 9–11), von dem seines großen Vorgängers. Hatte jener Hochburgund auf ca. 550 Seiten abgehandelt, bringt es Demotz auf gut 760 Seiten. Noch beeindruckender ist die sofort ins Auge fallende und vom Benutzer dankbar zur Kenntnis genommene Präsenz der zahlreichen im Text platzierten Abbildungen, Graphiken, Karten und genealogischen Tafeln (vgl. die Übersicht S. 753–755: 20 Karten, 19 Genealogien, 16 Graphiken, 27 Abbildungen, darunter etwa die Hälfte in Farbe). Dass auch die Literaturliste des Jahres 2008 erheblich umfangreicher ausgefallen ist (S. 711–734), versteht sich von selbst. Weniger Aufwand indes hat der Autor auf den Index verwandt (S. 735–751), wo nicht nur die Rudolfinger selbst, sondern auch so wichtige kirchliche Institutionen wie die Bistümer Genf, Lausanne und Sitten sowie die Abteien Romainmôtier und St-Maurice d’Agaune fortgelassen wurden und jede Untergliederung der einzelnen Stichworte fehlt. Wer den 40-seitigen analytischen Index Poupardins schätzen gelernt hat, wird diese Beschränkung etwas bedauern.
Demotz unterteilt die Geschichte des »letzten karolingischen Königreichs« (»La Bourgogne, dernier des royaumes carolingiens«, so der etwas missverständliche Haupttitel; die Thèse des Jahres 2002 hatte hier noch präziser formuliert: »La Bourgogne transjurane«) in zwei Hauptabschnitte. Einem ersten Abschnitt: »Le royaume carolingien tardif«, ordnet er in Teil 1 die Geschichte Hochburgunds bis zu seiner Vereinigung mit Niederburgund um 950 unter: »La force des traditions carolingiennes (855 – vers 950)« (S. 39–257). Der zweite Abschnitt: »Le royaume post-carolingien« (S. 259, wiederholt auf S. 423, aber nicht auf S. 581) umfasst die Teile 2–4: »L’enracinement aristocratique et seigneurial (vers 950 – vers 1000)« (S. 259–421) – »L’ampleur de la réorganisation royale (973–1016)« (S. 423–580) – »Un royaume en sursis (1016–1057)« (S. 581–700). Während Poupardin in seinem positivistischen Ansatz die äußere politische Geschichte des Königreichs strikt von seiner gesellschaftlichen und institutionellen Entwicklung (Königsherrschaft, Adel und Kirche) getrennt hatte, unternimmt Demotz den anerkennenswerten Versuch, beide Aspekte in entwicklungsspezifischer Perspektive (»société en pleine mutation«: Parisse, Préface) ineinander zu verweben, was dazu führt, dass in den einzelnen Kapiteln und Unterabschnitten einmal das Königtum, zum andern die übrigen gesellschaftlichen Institutionen und Entscheidungsträger im Mittelpunkt stehen. Aus deutscher Sicht sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Demotz seine Geschichte Hochburgunds (im Unterschied zu Poupardin, der seine Darstellung nur bis 1038 geführt hatte) erst mit dem Tod Heinrichs III. 1056 enden lässt, der Leser also auch einiges über Burgund nach seiner Angliederung an das Imperium erfährt (S. 607–639; an einschlägiger Literatur vermisst man hier vor allem den umfangreichen Aufsatz von H.-D. Kahl (1969), der auch hinsichtlich der hochburgundischen Münzproduktion – vom Autor auf drei Abbildungen [S. 82, 472, 501] zwar illustriert, aber nicht wirklich behandelt – einschlägig gewesen wäre).
Im Abschnitt über die ehrgeizigen italischen Aktivitäten sowohl der ersten beiden Rudolfingerkönige als auch Hugos von Arles und Vienne (S. 217ff.) hätte man die Berücksichtigung der neuen Regesta Imperii erwartet (Böhmer, Regesta imperii I/3/2-3; siehe künftig auch Böhmer, Regesta imperii I/3/4: Die Regesten der burgundischen Regna). Die außergewöhnliche und folgenreiche, aber in den Ursachen und Einzelheiten nach wie vor strittige Vereinigung der beiden burgundischen Regna in den 930/40er Jahren (von Demotz, S. 218–222, etwas knapp abgehandelt) hängt eng mit diesen italischen Aktivitäten zusammen, und die Regesten ergänzen mehrfach das vom Autor gezeichnete Bild (vgl. bes. Reg. Nr. 1452 u. 1690; heranzuziehen wäre auch die Arbeit von Beate Schilling über Guido von Vienne, vgl. dort etwa S. 48–51).
Die kirchliche Verwaltungsgliederung, die Hochburgund von Beginn an stark benachteiligt hat – die für Genf und Sitten zuständigen Metropolitensitze Vienne und Tarentaise lagen in Niederburgund, die Beziehungen der Rudolfinger zur einzigen Metropole des Regnum, dem abseits vom Zentrum des Regnum gelegenen Besançon, waren eher prekär etc. – wird zwar mehrfach behandelt (etwa S. 117ff., 497ff.), in ihrer Bedeutung als zentrales Motiv für die Vereinigung der beiden burgundischen Regna in den 930/40er Jahren aber nicht gewürdigt (S. 222ff.). Den 2006 erschienenen Gallia Pontificia-Band von Beate Schilling über das Erzbistum Vienne, auch dieser, etwa was die päpstlichen Beziehungen zu Hochburgund betrifft, in vieler Hinsicht einschlägig, konnte Demotz offensichtlich nicht mehr berücksichtigen.
Das königliche Urkundenwesen der Rudolfinger hat Demotz zwar ausführlich herangezogen und in zahlreichen Tabellen, Graphiken und Abbildungen ausgewertet (im Kommentar zu den Urkundenabbildungen wurde bedauerlicherweise die Nummer in der Edition Schieffers nicht vermerkt, wie man sich überhaupt eine stärkere Berücksichtigung dieser nicht nur diplomatisch, sondern auch historisch angelegten Edition gewünscht hätte), es fällt aber auf, dass der Autor nicht die Sonderstellung dieser Urkunden im Vergleich zu dem sehr viel intensiver der karolingischen Tradition verpflichteten Urkundenwesen in West- und Ostfranken sowie in Italien (vgl. Schieffer, ed. cit., Historisch-diplomatische Einleitung, bes. S. 73ff.) herausgestellt hat. Offensichtlich war in Hochburgund die karolingische Kontinuität eher schwach ausgeprägt, da die Rudolfingerurkunden stärker als in den übrigen spätkarolingischen Regna vom nichtköniglichen Urkundenwesen beeinflusst waren.
Mit dem vorliegenden Buch ist Demotz zweifellos ein großer Wurf gelungen. Es ordnet sich ein in die beeindruckende Reihe der französischen »grandes thèses«, für die wir die französische Forschung ein ums andere Mal beneiden. Wenn man nach der Bilanz seiner Forschungen fragt, sollte man sich nicht lange an den Platituden des hinteren Umschlagstextes aufhalten. Gegenüber Poupardin hat er die Untersuchung sowohl in chronologischer als auch in sachlicher Hinsicht beträchtlich erweitert und dabei zahlreiche aktuelle Fragestellungen aufgegriffen. Sowohl was die Entwicklung der gesellschaftlichen und politischen Institutionen als auch was die Entstehung der Dynastengeschlechter in Burgund betrifft (zentral hier der 2. Teil, S. 261ff.) ist er zweifellos über den älteren Stand der Forschung hinausgelangt. Sein Hauptanliegen, die Geschichte Hochburgunds in zwei deutlich voneinander zu trennende Epochen zu scheiden – die Frühzeit (bis ca. 950), die ganz im Zeichen der Kontinuität zu den karolingischen Institutionen steht, und die sich anschließende nachkarolingische Epoche, in der das Königtum sich bemüht, neue Antworten auf die sich formierenden und die königliche Prärogative bedrohenden Adelshäuser zu finden – hat er zweifellos in überzeugender nachvollziehbarer Weise plausibel gemacht. Dass der Leser das eine oder andere vermisst und in Einzelfragen andere Schwerpunkte setzen würde, kann bei einem Werk dieses Umfangs nicht verwundern.
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