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E. Bünz, S. Tebruck, H. Walther, Religiöse Bewegungen im Mittelalter (Elisabeth Mégier)

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Enno Bünz, Stefan Tebruck, Helmut G. Walther (Hg.), Religiöse Bewegungen im Mittelalter. Festschrift für Matthias Werner zum 65. Geburtstag

Francia-Recensio 2010/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Enno Bünz, Stefan Tebruck, Helmut G. Walther (Hg.), Religiöse Bewegungen im Mittelalter. Festschrift für Matthias Werner zum 65. Geburtstag, Köln, Weimar, Wien (Böhlau) 2007, XXVIII–783 S., 33 Abb. (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen, Kleine Reihe, 24), ISBN 978-3-412-20060-2, EUR 74,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Elisabeth Mégier, Paris

Die 26 Beiträge dieses umfangreichen Bandes behandeln ein reiches Spektrum von Fragen, in denen sich – mit den Schwerpunkten Klostergeschichte und Thüringen – die mannigfaltigen Forschungsinteressen des Jubilars widerspiegeln. Fast allen Beiträgen gemeinsam ist die Nähe zu den Quellen (es werden auch gelegentlich Editionen geboten), und sie sind vielfach exemplarisch in der Bemühung, die minutiöse Erforschung und Darstellung spezifischer Sachverhalte und/oder die Auswertung spezifischer Quellen bzw. Quellengattungen in generelle Problemzusammenhänge zu stellen: zum Verständnis des Einzelfalls wie auch zur präziseren Beleuchtung umgreifender Vor- und Fragestellungen (besonders nennen möchte ich die Beiträge von Heike Grahn-Hoek, Helge Wittmann, Jürg Voigt, Ingrid Würth, Petra Weigel, Helmuth G. Walther und Maike Lämmerhirt). Von der formalen Seite her fällt die Neigung der Autoren zu ungewöhnlich ausführlichen Untertiteln auf: Hier spielt sichtlich die primäre Ausrichtung auf das Spezifische eine Rolle. Die Vielfalt der Gegenstände, die schon die Anordnung der Beiträge in »Themenblöcken« nicht leicht gemacht hat, erlaubt keine zusammenfassende Würdigung der Ergebnisse, bemerken lässt sich allerdings die immer wieder, auch im Rahmen einer prinzipiell religiösen Thematik hervortretende Bedeutung wirtschaftlich-finanzieller und politischer, aber auch familiär-verwandtschaftlicher Faktoren. Im Folgenden versuche ich, die einzelnen Beiträge kurz zu charakterisieren.

Ein erster Themenblock: »Christentum und Kirche im frühen Mittelalter« bringt drei Arbeiten zur fränkischen Kirchengeschichte. Heike Grahn-Hoek, »Quia Dei potentia cunctorum regnorum terminos singulari dominatione concludit. Kirchlicher Einheitsgedanke und weltliche Grenzen im Spiegel der reichsfränkischen Konzilien des 6. Jahrhunderts«, zeigt anhand von Konzilsakten und epistolaren Quellen – d. h. anhand der darin enthaltenen Informationen über Tagungsorte, Teilnehmer und Verhandlungsgegenstände der Konzilien – die Spannungen auf, die sich aufgrund der merowingischen Reichsteilungen zwischen dem Prinzip kirchlicher Einheit und der Tendenz zur Abgrenzung einzelner Herrschaftsgebiete ergaben, wobei vor allem im Ostreich die »separatistischen« Bestrebungen die Oberhand gewinnen. Irmgard Fees, »Possessiones in quibuslibet pagis et territoriis. Zu Immunitätsprivilegien und kirchlichem Fernbesitz im 9. Jahrhundert«, befasst sich mit dem anfangs zögernden Niederschlag, den die Reichsteilung unter den Karolingern in den Immunitätsprivilegien fand. Bernd W. Bahn, »Die Michaelskapelle auf dem Kleinen Gleichberg bei Römhild«, entdeckt vor allem in der archäologisch erforschten Baugeschichte dieser Kapelle Indizien für den Zeitpunkt der Ersetzung eines alten Wotankults durch das Michaelspatrozinium.

Zum zweiten Themenblock, »Adlige Frömmigkeit«, gehören vier Studien. Helge Wittmann, »Zur Rolle des Adels bei der Stiftung von Kirchen und Klöstern in Thüringen (bis zum Ende der Regierungszeit Karls des Großen)«, wertet die Nachrichten über Stiftungen in klösterlichen Urkundenbüchern und Briefsammlungen als Zeugnis für die intensive Förderung der angelsächsischen Missionare, Willibrord und Bonifatius, durch den thüringischen Adel aus und geht, in einem soweit ich sehe neuen Ansatz, den dabei ins Spiel kommenden verwandtschaftlichen Zusammenhänge des letzteren nach; der Autor zeigt schließlich, wie sich aus dem Zusammenwirken von angelsächsischer Mission und adeligen Herrschaftsinteressen eine neue Kirchenorganisation ergibt, in der die herrschaftlichen Eigenkirchen die Grundlage für das spätere Pfarreinetz darstellen. Thomas Zotz, »Markgraf Hermann von Verona und Graf Eberhard von Nellenburg. Religiöser Aufbruch und adlige conversio im Schwaben des 11. Jahrhunderts«, verbindet chronikalische mit urkundlichen Quellen, um anhand von zwei Beispielen Motivationen und Modalitäten adeligen Klostereintritts in der Frühzeit des religiösen Aufbruchs des 11. Jahrhunderts und seiner unterschiedlichen Würdigung in der Folgezeit (positiver und andauernder für den im Land gebliebenen Eberhard als für den im fernen Cluny eingetretenen Hermann), zu untersuchen. Ulrich Ritzerfeld, »Der Ritter Tammo von Beltershausen, Kloster Berich und die Stadtgründung von Frankenberg an der Eder. Ein Beitrag zur Klostergeschichte und zur ludowingischen Ministerialität in Hessen Mitte des 13. Jahrhunderts«, zeigt anhand der Dokumentation zum Klostereintritt der Tochter eines kleineren Adelsherren die »Komplexität der organisatorischen und verwandtschaftlichen Zusammenhänge innerhalb der (hessischen) Ritterschaft« auf, bei der auch die Beziehung zu den neugegründeten Städten eine Rolle spielt. Holger Kunde, »Der Westchor des Naumburger Doms und die Marienstiftkirche. Kritische Überlegungen zur Forschung« setzt schon bekanntes, aber nicht immer vollständig und im Zusammenhang gewürdigtes Urkundenmaterial einer neuen Betrachtung aus und gelangt zur Bestätigung der von Walter Schlesinger 1952 formulierten und später angefochtenen Interpretation der Naumburger Stifterfiguren (als Legitimation der Ansprüche Naumburgs gegenüber dem vorherigen Bischofssitz Zeitz).

»Monastische Prägungen und klösterliche Ordnung« ist der gewichtigste Themenblock mit acht Studien. Rudolf Schieffer, »Aus dem ›Hafen des Klosters‹ auf die Cathedra Petri. Zur monastischen Herkunft frühmittelalterlicher Päpste«, untersucht den Liber pontificalis im Hinblick auf Zeugnisse für die monastische Herkunft von Päpsten, findet aber mit Ausnahme Gregors des Großen vor Stephan IX zwar klösterliche Ausbildungsperioden, jedoch keine Klosterzugehörigkeit; auch in der Zeit der Kirchenreform ist nicht das mönchische Vorleben, sondern das Kardinalsamt (als Vertrauensbeweis eines früheren Papstes) ein wesentliches Wahlkriterium. Ursula Braasch-Schwersmann, »Brüder und Schwestern der Wilhelmiten – das Kloster in Limburg an der Lahn und die Klause in Fachingen«, betrachtet lokale Kloster- bzw. Ordensgeschichte von sozialen, wirtschaftlichen und seelsorgerischen Gesichtspunkten aus. Joachim J. Halbekann, »Zur Geschichte einer bislang unerforschten Ballei des Antoniterordens: Esslingen am Neckar«, erschließt aus Dokumenten des Esslinger Stadtarchivs die wesentlich finanziellen Aufgaben der Antoniter in Esslingen (Einsammeln von Spendengeldern). Mathias Eifler, »Ein Reformstatut für das Merseburger Benediktinerkloster St. Peter und Paul«, analysiert eine im Zusammenhang mit den Reformbestrebungen im Benediktinerorden wohl 1440 auf Anregung des Merseburger Bischofs entstandene bisher unbeachtete Schrift; es zeigt sich, dass der Verfasser, ein Johannes Tutz, eher der Kastler als der schließlich in Merseburg siegreichen Bursfelder Reform nahestand. Jörg Voigt, »Die Inkluse Elisabeth von Beutnitz (1402–1445). Zum Inklusenwesen in Thüringen«, rekonstruiert aus im Anhang abgedruckten oder in Regestenform wiedergegebenen landesfürstlichen, bischöflichen und privaten Urkunden sowie aus Visitationsberichten Leben und Wirken einer thüringischen Klausnerin und zeigt ihre starke, auch materielle Beteiligung am Gemeindeleben (Stiftung von Altären und Messen, Mitfinanzierung kirchlicher Bauten). Elke-Ursel Hammer, »Substrukturen, Zentren und Regionen in der Bursfelder Benediktinerkongregation«, interessiert sich für die konkrete Organisation von Austausch und Zusammenwirken zwischen den der Bursfelder Reformkongregation angeschlossenen Klöstern, bei der eine fortschreitende Regionalisierung zu beobachten ist. Enno Bünz, »Gezwungene Mönche, oder: Von den Schwierigkeiten, ein Kloster wieder zu verlassen«, beschreibt, hauptsächlich das päpstliche Pönitentiarregister auswertend, einige konkrete Fälle ehemaliger Mönche oder Nonnen und schließt mit einem eher tragischen Fall aus dem 18. Jahrhundert, bei dem das (im übrigen seit dem Frühmittelalter nachgewiesene) Bestehen klösterlicher Gefängnisse mehrmals zur Sprache kommt. Reinhard Schmitt, »Die Kirche des Benediktinernonnenklosters Stötterlingenburg bei Osterwieck. Ein Beitrag zur frühen Baugeschichte« stellt den dokumentarischen Quellen eine eingehende Baubeschreibung gegenüber, um die aufeinanderfolgenden Bauphasen zu bestimmen.

Der vierte Themenblock unter dem Titel »Armut und Nachfolge Christi« geht von vorwiegend institutionellen Problemen zu eher menschlich-persönlichen über. Mathias Kälble, »Die tanzenden Kinder von Erfurt. Armut, Frömmigkeit und Heilserwartung im frühen 13. Jahrhundert«, trägt hauptsächlich erzählende Quellen zu den katastrophalen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen der Zeit, unter denen vor allem Kinder und Jugendliche zu leiden hatten, zusammen, von denen aus sich Phänomene wie der Kinderkreuzzug von 1212 und wohl auch das »Wunder von Erfurt« von 1237 – den Massenauszug von Kindern aus der Stadt – verstehen lassen. Ingrid Würth, »Altera Elisabeth. Königin Sancia von Neapel (1286–1345) und die Franziskaner«, stellt anhand ihrer Korrespondenz mit dem Franziskanerorden eine faszinierende und in vieler Hinsicht repräsentative Persönlichkeit vor. In der ausdrücklich beanspruchten Nachfolge ihrer Verwandten Elisabeth von Thüringen, und ähnlich dieser die Ideale der zeitgenössischen Armutsbewegung mit der Tradition dynastischer Heiligkeit verbindend, sieht sich Sancia in der Rolle einer »Mutter« der Franziskaner; im sogenannten Armutsstreit stellt sie sich auf die Seite des abgesetzten Ordensgenerals Michael von Cesena und kann dank ihrer Stellung und ihrem beachtlichen diplomatischen Talent zumindest Teilerfolge zugunsten der Vorkämpfer der ursprünglichen Ideale Franziskus’ erzielen. Volker Leppin, »Begine und Beichtvater. Zu den Dominikanerpartien im ›Fließenden Licht der Gottheit‹ Mechthilds von Magdeburg«, findet im Text dieses Werks Indizien für eine dominikanerfreundliche Umorientierung durch Mechthilds Beichtvater Heinrich von Halle. Petra Weigel, »Thomas Weiß. Franziskaner in Eisenach – Guardian in Langensalza – Evangelischer Kaplan in Gotha«, konfrontiert ein Bittschreiben an den Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen, dessen Textedition sie beifügt, mit anderen Zeugnissen, um den Lebensgang eines von der Reformation betroffenen franziskanischen Ordensmanns als Beispielfall zu schildern. In seinem diesen Themenblock abschließenden Beitrag, »Elisabeth von Thüringen in schuldidaktischer Perspektive. Welche Möglichkeiten gibt es und welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, um Elisabeth von Thüringen im Schulunterricht zu behandeln?« fragt Thomas Doepner nach Mitteln und Wegen, Ergebnisse historischer Forschung dem breiteren Publikum nahezubringen. Er kommt allerdings zu der bedauerlichen Feststellung, dass die von der Person Elisabeths von Thüringen (bzw. von ihrem wissenschaftlich erarbeiteten Bild) gebotenen didaktischen Möglichkeiten im Schulunterricht, aber auch in anderen Informationsquellen wie Rundfunk oder Internet weitgehend ungenutzt bleiben.

Ein weiterer, »Heilige, Wunder und Wallfahrt« benannter Themenblock beginnt mit Petr Kubin, »Zur Heiligsprechung der böhmischen Fürstin Ludmila († 921). Ein Beitrag zu den böhmisch-bayrischen Beziehungen im Frühmittelalter«. Der Autor untersucht die durchwegs späten Zeugnisse zur Kanonisation Ludmilas und gelangt zu dem Schluss, dass ihre Heiligkeit zwar durch einen hundertjährigen Kult bestätigt, aber niemals formell ausgesprochen wurde. Johannes Helmrath, »Aktenversendung und Heilungswunder. Peter von Luxemburg (1369–1387) und die Überlieferung seines Kanonisationsprozesses«, geht es um die aus der Dokumentation der Acta Sanctorum ersichtliche technische Seite eines im Übrigen nicht von Erfolg gekrönten Kanonisationsverfahrens. Johannes Mötsch, »Die Wallfahrt St. Wolfgang bei Hermannsfeld«, stützt sich vor allem auf die seit 1480 überlieferten Rechnungen (Kirchenausstattung, gewährte Darlehen ...), die die mit der Wallfahrt verbundenen hohen Einnahmen belegen.

Den Abschluss bilden drei unter dem Titel »Christen, Ketzer und Nichtchristen« zusammengefasste Beiträge. Klaus Krüger, »Saladin der Seefahrer. Zur Wahrnehmung des muslimischen Gegners in der altnordischen Literatur aus der Zeit der Kreuzzüge«, sucht in den Sagas des 12. bis 14. Jahrhunderts, vor allem in der Orkneyinga Saga, Erwähnungen von »Heiden« oder »Sarazenen«; die Ausbeute ist eher gering und zeigt ein nur marginales Interesse an den vorwiegend als Staffage dienenden »anderen«. Helmut G. Walther, Innocenz III. und die Bekämpfung der Ketzer im Kirchenstaat. Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte von Vergentis in senium«, belegt aus den Registern Innocenz’ die Verbindung der Ketzerpolitik mit der päpstlichen Rekuperationspolitik im Kirchenstaat. Die Einstufung der Häresie als Majestätsverbrechen zeigt sich dabei als wirksames Mittel: Die für letzteres vorgesehene Strafe der Gütereinziehung gilt so nicht nur für die Ketzer, sondern auch für ihre Begünstiger und deren Nachkommen und bietet die Gelegenheit zur wirtschaftlichen Ausschaltung politischer Gegner des Papstes. Die diesbezüglichen Bestimmungen der Dekretale Vergentis in senium konnten ihre Wirkung allerdings nur im Fall der Anwesenheit einer päpstlichen Partei in der jeweils betroffenen Stadt entfalten, und der Widerstand der Bologneser Juristen hat zu ihrer Milderung geführt. Maike Lämmerhirt, »Die Ritualmordlegende im thüringischen Raum und die Verfolgung der Juden von Weißensee 1303«, ergänzt die Berichte zeitgenössischer Lokalchroniken über einen angeblichen Ritualmord und die anschließende Judenverfolgung mit Eintragungen in jüdischen Memorbüchern (das Nürnberger Memorbuch nennt 123 Todesopfer, z. T. namentlich), sowie mit einem brieflichen Bericht Friedrichs, Sohn des Landgrafen Albrecht von Thüringen, über die von dem angeblichen Mordopfer gewirkten Wunder, der Friedrichs bisher in der Sekundärliteratur angenommene Mitwirkung bei der Tötung der Juden unwahrscheinlich macht.

Die dem Band vorangestellte ausführliche Würdigung der Forschungs-, Lehr- und Organisationstätigkeit des Jubilars (ergänzt durch ein Verzeichnis seiner Publikationen sowie der von ihm betreuten Dissertationen und Habilitationen) zeigt, dass mediävistische Forschung den Einsatz für soziale Belange befruchten kann. Gerade der scheinbar aus dem Rahmen fallende Beitrag von Thomas Doepner entspricht genau den Anliegen Werners. Dies ließe sich vielleicht als Denkansatz für wissenschaftspolitische Entscheidungen gebrauchen.

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E. Bünz, S. Tebruck, H. Walther, Religiöse Bewegungen im Mittelalter (Elisabeth Mégier)
In: Francia-Recensio, 2010-2, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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Dokument zuletzt verändert am: Jul 01, 2010 05:03 PM
Zugriff vom: May 25, 2012