G. Bührer-Thièry, Être historien du Moyen Age au XXIe siècle (Georg Jostkleigrewe)
Être historien du Moyen Âge au XXIe
siècle. Recueil des actes du XXXVIIIe
Congrès de la SHMESP à Cergy-Pontoise, Évry, Marne-la-Vallée,
Saint-Quentin-en-Yvelines, du 31 mai au 3 juin 2007. Comité
éditorial coordonné par Geneviève Bührer-Thierry (Paris)
(Publications de la Sorbonne) 2008, 304 S. (Histoire ancienne et
médiévale, 98), ISBN 978-2-85944-610-9, EUR 30,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Georg
Jostkleigrewe, Münster
»Die« Geschichte gibt es nicht. Indem sich die Geschichtswissenschaft als akademische Disziplin erfindet, definiert und formt sie zugleich den Gegenstand, dessen Historizität sie erforscht. Die grundsätzliche Berechtigung dieser postmodernen Einsicht wird nie so deutlich wie dort, wo nationale bzw. kulturelle Grenzen ins Spiel kommen. Wer daher die deutsch-französische Grenze überschreitet, um im Nachbarland Geschichte zu studieren, zu lehren oder zu erforschen, findet sich oft in einer ganz fremden Welt wieder. Diesseits und jenseits des Rheins dichtet Klio in unterschiedlichen Sprachen, singt sie unterschiedliche Epen, wird sie von unterschiedlichen Mitspielern begleitet.
Der hier vorzustellende französische Sammelband kann von deutschen Rezipienten kaum anders als unter einer solchen, vergleichenden Perspektive gelesen werden. Auf ihrem 38. Jahreskongress hat die Société des historiens médiévistes de l’enseignement supérieur public – Kooperationspartnerin u. a. des deutschen Mediävistenverbandes – den aktuellen Zustand der französischen Mittelalterforschung, insbesondere aber deren zukünftige Aussichten reflektiert. In einer globalisierten Welt ist die französische Mediävistik, die in vielerlei Hinsicht anders strukturiert ist als ihr Pendant outre-Rhin, ganz ähnlichen Herausforderungen ausgesetzt wie die deutsche. Daher besitzen die Überlegungen der französischen Hochschullehrerinnen und -lehrer, was es im 21. Jahrhundert bedeute, Mittelalterhistoriker zu sein, auch für ihre deutschen Kollegen grundsätzlich eine hohe Relevanz: Angesichts tiefgreifender Wandlungen in der Forschungs- und Hochschullandschaft können sie sowohl Anregungen als auch Vergleichsdaten liefern.
Die meisten Beiträge behandeln das Thema des Bandes aus einer dezidiert praxisorientierten Perspektive heraus. Sie greifen hochschul-, forschungs- und fachpolitische Fragen ebenso auf wie das Problem der Einbindung akademischer Forschung in größere gesellschaftliche Zusammenhänge. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der zukünftigen interdisziplinären Vernetzung der Mediävistik. In geringerem Maße diskutieren die Autoren auch Fragen der intradisziplinären Weiterentwicklung der historischen Mediävistik.
Eröffnet wird der Band durch Jean-Philippe Genets magistralen Beitrag, der das Tagungsthema »Être médiéviste au XXIe siècle« in mehrere Richtungen hin zuspitzt. Als wesentliche Herausforderung der zeitgenössischen mediävistischen Forschung nennt er zum einen die digitale Revolution in der Informationstechnik, die die Forschungstätigkeit schon heute tiefgreifend verändert hat. Als weiteres großes Problem spricht er zum anderen die zunehmende Hegemonie des angelsächsischen Modells der »Konkurrenzuniversität« (S. 24) an. Genet sieht dabei eine enge Verbindung zwischen beiden Herausforderungen, deren Chancen wie Nachteile er benennt. Neben der – freilich oft fiktiven – Freiheit des Internets stünden so die Zwänge, die durch bibliometrische Forschungsevaluationen, rankings und wachsende institutionelle Instabilitäten innerhalb des Konkurrenzsystems generiert werden (S. 25/30). Die Mediävistik des 21. Jahrhunderts müsse angesichts dessen die Flucht aus ihrem disziplinären Nischendasein wagen und für epochenübergreifende wie komparatistische Kooperationen anschlussfähig werden.
Diese Überlegungen werden z. T. in den folgenden Sektionen des Bandes weiter ausgeführt. Ein erster Abschnitt beschäftigt sich mit dem »Mittelalter auf globaler Ebene«. Auf relativ schmaler empirischer Basis erhalten wir Aufschlüsse über die Bedeutung der mediävistischen Islamkunde in der akademischen Lehre (Micheau et al.) und über die lateinamerikanische Mediävistik (Magnani et al.). Klaus Oschemas forschungsgeschichtliche Überlegungen zum »Europa(-begriff) der Mediävisten« bilden dazu methodisch wie inhaltlich einen Kontrapunkt. Die darauffolgende Sektion widmet sich dem Verhältnis von »Texthistorie« und archäologischer »Bodenhistorie«. Joëlle Burnouf, Isabelle Cartron u. a. thematisieren hier die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit beider Fächer und die dazu nötigen universitären Strukturen und Praktiken.
Die vier folgenden Beiträge loten die (inter-)disziplinären Möglichkeiten im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften aus. Marie Bouhaïk-Gironès diskutiert Probleme des historischen Umgangs mit »literarischen« Quellen; Nacima Baron und Stéphane Boissellier untersuchen die heuristischen Möglichkeiten des Einsatzes geographischer Konzepte in der Mittelalterforschung. Mit Gewinn wird man Nicolas Offenstadts knappe, klare und kritische Diskussion wesentlicher französischer, angelsächischer und deutscher Ansätze der politikgeschichtlichen Forschung lesen. Gleiches gilt für die Studie zum Umgang mit magischen Texten bei der Erforschung des mittelalterlichen Kanon-Wissens (Boudet, Weill-Parot).
Die letzten vier Beiträge beschäftigen sich mit dezidiert praktischen Fragen. Hannelore Pepke-Durix stellt die bedeutenden Möglichkeiten der Kooperation zwischen universitärer Forschung und Tourismusindustrie im Dienste der regionalen Kulturvermarktung vor; die Reflexion der Gefahren solch einer ökonomischen Begründung des Nutzens der Mediävistik kommt dabei jedoch zu kurz. Bruno Galland, wissenschaftlicher Direktor des Pariser Nationalarchivs, plädiert nachdrücklich für die Notwendigkeit mediävistischer Archivforschung – nur Historiker, die mit archivalischen Überlieferungsformen vertraut seien, könnten auch in Zukunft die gesellschaftliche »Lesbarkeit« dieses historischen Erbes gewährleisten. Neue Ansätze und technische Möglichkeiten der historischen Bildforschung schließlich diskutieren Jérôme Baschet und Dominique Rigaux. Der Band endet, wie er begonnen hat – mit einem Ausblick auf die »enjeux« der digitalen Revolution (Paul Bertrand et al.).
Trotz der gewiss nicht repräsentativen Auswahl der Beiträge zeichnet der Band doch ein charakteristisches Bild der aktuellen französischen Mediävistik. Manches, was dem deutschen Beobachter auffällt, ist auf Spezifika des französischen Hochschulsystems zurückzuführen – wie die z. T. polemische Diskussion um den Wert einer Zusammenarbeit von Historikern und Geographen, die nur aus der Realität der engen curricularen Bindung beider Fächer in Frankreich zu erklären ist. Andere Beobachtungen können auch die deutsche Diskussion befruchten. So lädt der hohe Stellenwert der »Boden-Wissenschaften« (Mittelalter-Archäologie, [Land-]Wirtschaftsgeschichte, Umweltgeschichte) zu Reflexionen darüber ein, ob diese Bereiche nicht auch in Deutschland in der studentischen Ausbildung eine größere Bedeutung erhalten sollten. Und auch in hochschulpolitischen Fragen kann das französische Beispiel wertvolle Vergleichsdaten liefern. Dass die Anforderungen der Interdisziplinarität in vielen Beiträgen als hohe Hürden wahrgenommen werden, dürfte auch mit der Realität der französischen 1-Fach-Ausbildung zusammenhängen – was für die Diskussion um künftige Studiengänge in Deutschland vielleicht von Bedeutung ist.
Man wird einen Sammelband, der die interne Positionierung eines Fachverbandes dokumentiert, gerechterweise nicht einer fachlich-inhaltlichen Bewertung unterziehen wollen. Er eröffnet in erster Linie Einblicke in die strategischen Diskussionen der aktuellen französischen Mediävistik; wer nach genuin fachwissenschaftlichen Anregungen sucht, wird weitere Werke wie den von Jean-Claude Schmitt und Otto Gerhard Oexle herausgegebenen Band zu den mediävistischen Forschungstendenzen in Frankreich und Deutschland (2002) konsultieren. Als Erinnerung, dass die mittelalterliche Geschichte an anderen Orten, in anderen Traditionen und unter anderen Rahmenbedingungen ein ganz ungewohntes Antlitz präsentieren kann, sollte der Band aber auch in Deutschland wahrgenommen werden.
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