P. Boucheron, Les villes capitales au Moyen Âge (Andreas Sohn)
Patrick Boucheron (éd.), Les villes
capitales au Moyen Âge. XXXVIe
Congrès de la SHMES (Istanbul, 1er–6
juin 2005), Paris (Publications de la Sorbonne) 2006, 450 p.
(Histoire ancienne et médiévale, 87), ISBN 2-85944-562-5, EUR
29,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Andreas Sohn, Paris
Wenn der französische Mediävistenverband eine Jahrestagung in Istanbul abhält, liegt das Hauptstadtthema nicht fern. Aus der kaiserlichen Gründung Konstantins des Großen im Jahre 324, der von dort aus das weite Römische Reich hatte regieren wollen, entwickelte sich das politische, großstädtische Zentrum des Byzantinischen Reiches, mit dessen Ende 1453 die Epoche des osmanischen Herrschaftsmittelpunktes begann. Nach dem Ersten Weltkrieg blieb es zwar Istanbul zugunsten von Ankara (ab 1923) versagt, offiziell Hauptstadt der türkischen Republik zu werden, doch kam Istanbul weitaus mehr als nur die Rolle des kulturellen Zentrums der säkularen Türkei zu. Vom besonderen Blick auf diese so geschichtsträchtige Stadt am Bosporus geleitet, wie die Präsidentin des französischen Mediävistenverbandes, Régine Le Jan, im Vorwort hervorhebt, gehen die Autoren dem Phänomen der Aufstiege und Niedergänge mittelalterlicher Hauptstädte nach. Die Tagung wurde vom Institut français d’études anatoliennes, das in Istanbul seinen Sitz hat, unterstützt.
Mehrere Beiträge widmen sich der wechselvollen Geschichte dieser Stadt; der erste von ihnen stammt von Çiǧdem Kafescioǧlu, welcher die Wandlungen des städtischen Bauensembles in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts beschreibt und auf die bildliche Darstellung der Hauptstadt eingeht (S. 113–130). Dem interessierten Leser sei empfohlen, die Lektüre des diachronen Überblicks von Jean-Claude Cheynet (S. 189–201) vorzuziehen. Einzelnen Aspekten wird im Folgenden nachgegangen: so dem Beziehungsverhältnis von Byzanz und den großen Klöstern des Reiches (von Christophe Giros), den Eunuchen in der Hauptstadt (von Georges Sidéris), deren Bild in der osmanischen Literatur vor der Eroberung des Jahres 1453 (von Feridun M. Emecen). In der Zeit des Lateinischen Kaiserreiches, das im Zuge des Vierten Kreuzzuges (1202–1204) errichtet wurde und sich der Eroberung der Hauptstadt durch die Kreuzfahrer verdankt, entstand das von Laurence Delobette vorgestellte Lob des byzantinischen Kaisers Theodor II. Laskaris († 1258) auf Nizäa, wo er im Exil weilte und zumindest zeitweise residierte. Mit dieser Eloge sieht der Verfasser »la politique anti-aristocratique« des Kaisers angekündigt (S. 370).
Was aus der vielfältigen Geschichte von »Neu-Rom«, Byzanz oder Konstantinopel an ertragreichen Analysen dargeboten wird, ist in die gewählte thematische Struktur des Tagungsbandes eingefügt. Das erste Kapitel bietet neben einleitenden Bemerkungen von Patrick Boucheron, Denis Menjot und Pierre Monnet Skizzen zur Hauptstadtentwicklung beziehungsweise zu politischen Mittelpunkten urbaner Provenienz in verschiedenen europäischen Räumen, so beispielsweise zu Italien (von Patrick Gilli) und zu England (von Jean-Philippe Genet).
Hierauf folgt das zweite Kapitel, das fast ausschließlich schon angeführte Beiträge zum Byzantinischen Reich enthält. Hier findet sich zudem ein Artikel von Michel Sot, der es unternimmt, sich vornehmlich auf die Studien von Gilbert Dagron stützend, möglichen byzantinischen Einflüssen auf die karolingischen Bauten des Pfalzkomplexes in Aachen nachzugehen (nach ihm allenfalls indirekt über Ravenna und Rom vermittelt). Er trägt Beobachtungen zu Gesandten am byzantinischen und karolingischen Kaiserhof zusammen und benennt theologische Konflikte. Seiner abschließenden Feststellung dürfte zuzustimmen sein: »Le palais d’Aix n’est en aucune manière une nouvelle Constantinople« (S. 224).
Das dritte und letzte Kapitel bezieht sich auf soziale und symbolische »marqueurs« von Hauptstädten. Auf deren Symbolgehalt weist insbesondere Claude Gauvard einleitend hin und bezieht hierbei unter anderem die zeitlichen Rhythmisierungen des hauptstädtischen Lebens ein, so durch die öffentlichen Uhren an den palatia in London (Westminster) und Paris (Île de la Cité). Die sedes regni beleuchtet Philippe Depreux, indem er Quellenzeugnisse zu ihnen vom 6. bis zum 12. Jahrhundert zusammenträgt und diese im Zusammenhang herrschaftlichen Handelns und königlichen Kommunikationsgeschehens untersucht, und erkennt ihnen Bedeutung als Orte der Memoria zu. Vor der Zusammenfassung von Jean Kerhervé und Sylvie Denoix stellen Julien Loiseau Kairo, das an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit 270 000 Einwohner gezählt haben soll, und Pascal Montaubin Rom als weitere Hauptstädte vor. Die aufgeworfene Frage, ob und inwieweit Rom als Hauptstadt der katholischen Christenheit, des Kirchenstaates, Latiums oder Italiens aufgefasst werden kann, ist freilich nicht auf das Mittelalter begrenzt, sondern wäre in nicht geringerer Intensität auch hinsichtlich der Neuzeit zu diskutieren.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

