B. Beaujard, J. Biarne, L. Pietri, Topographie chrétienne des cités de la Gaule (Ludwig Falkenstein)
Luce Pietri, Brigitte Beaujard, Jacques
Biarne et al. (éd.), Topographie chrétienne des cités de la Gaule.
Des origines au milieu du VIIIe
siècle. Tome 14: Province ecclésiastique de Reims (Belgica
Secunda), Paris (De Boccard) 2006, 170 S., ISBN 978-2-70180215-2, EUR
22,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Ludwig Falkenstein, Aachen
Die Reihe begann 1986 mit einem Band über die Kirchenprovinz Trier (Belgica prima). Zuletzt erschienen 2002 und 2004 die Bände zu den Kirchenprovinzen Köln (Germania secunda) und Éauze (Novempopulana). Das Ziel der Begründer der Reihe, Entstehung und Ausbreitung des Christentums in Gallien, ausgehend von den antiken civitas-Mittelpunkten, anhand schriftlicher Zeugnisse und archäologischer Funde bis 751 zu dokumentieren, ist das gleiche. An der Spitze steht ein Überblick über die Geschichte der Provinz, ihm folgen Beiträge über die einzelnen civitates, im vorliegenden Fall nach der Notitia Galliarum zwölf, beginnend mit Reims. Dazu kommt im 6. Jahrhundert als 13. Bischofssitz das castrum Laon, dessen Diözese man aus der von Reims im 6. Jahrhundert herauslöste. Es kann indes im Rahmen dieser Besprechung auf nur wenige Details aus der Fülle der ausgebreiteten Ergebnisse eingegangen werden.
Nach einem Vorwort (S. 5–10) skizzieren Marie-Thérèse Raepsaet-Charlier die Organisation der 291/292 durch Teilung der älteren Belgica neugeschaffenen Belgica secunda bis ins 3. Jahrhundert (S. 11–15), Luce Pietri dagegen die Zeit vom 4. bis ins 8. Jahrhundert (S. 16–20). Luce Pietri und Robert Neiss bieten den Abschnitt über Stadtentwicklung und einzelne Bauten in Reims (S. 21–45). Die Metropole überragte alle Städte an Ausdehnung (ca. 55 h), obwohl ihr Mauerring im 3. Jahrhundert errichtet wurde. Erste Kathedrale dürfte Saint-Symphorien (ad apostolos) gewesen sein. Ihre Funktion übernahm die unter Nicasius über den Resten römischer Thermen errichtete Notre-Dame. Wichtigster Fund aus jüngster Zeit ist ein von Annexbauten begleitetes rechteckiges Baptisterium mit Becken des 5. Jahrhunderts, das im Westen auf der Achse der spätantiken Kirche stand, aber im 9. Jahrhundert dem karolingischen Westwerk weichen musste. Ältester Bischof war Sixtus, der nach Hincmar zur Zeit Xystus’ II. von Rom (257–258) lebte. Er gehörte vielleicht zu den sieben Bischöfen, die nach Gregor von Tours zur Verkündung des Glaubens nach Gallien entsandt wurden.
Michèle Gaillard (mit Ghislain Brunel und Denis Defente) hat den Abschnitt über Soissons verfasst (S. 47–57), dessen civitas in augusteischer Zeit gegründet wurde. Grenzen und Ausdehnung werden im 4. Jahrhundert durch eine Stadtmauer fassbar, die ein Rechteck von nahezu 12 h bildete. Nach der fränkischen Reichsteilung von 511 wurde Soissons Residenz Chlothars I. Auch Chilperich I. residierte hier. Die Residenz dürfte man eher in der nordöstlichen Ecke der römischen Stadtmauer an der Stelle der späteren tour des comtes als auf dem gegenüberliegenden Ufer der Aisne im Fiscus Crouy bei Saint-Médard suchen. Die älteste Kirche, Vorgängerin der Kathedrale, lag in der südöstlichen Ecke der römischen Stadtmauer. Ältester Bischof scheint Mercurinus gewesen zu sein.
Brigitte Beaujard hat die Zeugnisse für Châlons-en-Champagne zusammengestellt (S. 59–66). Der Hauptort gehörte zunächst zur civitas Reims, aus der man im 4. Jahrhundert eine eigene civitas aussonderte. Die Siedlung an der Römerstraße zwischen Troyes und Reims lag beim Übergang über die Marne. Die im hohen Mittelalter bezeugte Mauer grenzte im Osten an den Fluss Nau, bildete ein Rechteck von ca. 9 h und dürfte spätantik sein. In ihrer Südwestecke entstand die Kathedrale. Vor Amandinus (461) ist kein Bischof mit Sicherheit nachzuweisen.
Bei der civitas Veromanduorum, deren Zeugnisse Michèle Gaillard (in Zusammenarbeit mit Jean-Luc Collart und Christian Sapin) vorstellt (S. 67–76), war strittig, ob ihr Hauptort Saint-Quentin (Aisne) oder das ca. 10 km westlich gelegene Vermand war. Beide lagen an römischen Straßen. Jedoch sprechen die archäologischen Zeugnisse für das oppidum Vermand. Wenige Besiedlungsspuren in Saint-Quentin und die Fülle von Funden in Vermand deuten auf eine Verlegung der Bevölkerung aus Saint-Quentin in das oppidum von Vermand im 4. Jahrhundert. Obwohl Gregor von Tours einen Kult des hl. Quintinus apud Virmandinsim oppidum erwähnt und christliche Grabfunde aus Vermand und Saint-Quentin vorliegen, gibt es in beiden Orten weder eine schriftliche noch archäologische Spur für eine frühe Kirche. Die Vita Eligii setzt eine solche voraus. Ob der 511 bezeugte Bischof Soffronius in einer der beiden Städte residierte oder schon in Noyon, steht dahin.
Ungeachtet älterer Besiedlungsspuren auf dem rechten Ufer der Oise kam es erst in der frühen Kaiserzeit zu einer kontinuierlich nachweisbaren Siedlung in Noyon. Im 4. Jahrhundert n. Chr. ist Noyon Sitz des Praefectus laetorum Batavorum Contraginensium. Dies zeigt der von Jean-Charles Picard†, Michèle Gaillard (in Zusammenarbeit mit Bruno Desachy) vorgelegte Abschnitt (S. 77–84). Eine zwischen 235 und 330 errichtete Befestigung, das spätere Château-Gorbault, umfasste etwa 2 h. Im frühen Mittelalter ist Noyon als castellum, als oppidum und als civitas bezeugt. Hier verstarb Chilperich II. von Neustrien 721, den man hier beisetzte, hier wurde Karl d. Gr. 768 erhoben. Während 511 Bischof Soffronius noch als episcopus de Veromandis zeichnete, nennt sich Berthmundus 614 auf dem Konzil von Paris episcopus ex civitate Nocciomo. Um 560 erbat Radegunde hier von Bischof Medardus den Schleier. Jedoch sieht die Vita Eligii Vermand als Hauptort an. Nutzte der Bischof zwei Residenzen? Zu Beginn des 7. Jahrhunderts war Tournai sicher mit dem Bischofssitz Noyon vereint. Obwohl vor 842 kein Zeugnis für die Kathedrale vorliegt, war das Andenken an Medardus mit ihr verbunden.
Am Zusammenfluss der Scarpe mit dem Flüsschen Crinchon liegt die Siedlung Arras, deren Zeugnisse Elzbieta Dabrowska (mit Alain Jacques) zusammengestellt hat (S. 85–96). Das alte Nemetacum wurde am Ende der augusteischen Zeit gegründet. Am Knotenpunkt der Straßen von Amiens nach Tournai und von Cambrai an die Küste gab es schon im 1. Jahrhundert Bebauung. Die Notitia dignitatum zeigt die Stadt als Sitz des prefectus laetorum Batavorum Nemetacensium. Am Ende des 3. Jahrhunderts wurde – trotz Zweifel der älteren Forschung – ein castrum errichtet. Ausgrabungen zwischen 1977 und 1985 haben eine nach 272/273 erbaute fast rechteckige Ummauerung mit vier Toren erbracht, die eine Fläche von 9 h (12 h mit umgebenden Graben) umschloss. Ob es in der südwestlichen Ecke über Thermen schon im 6. Jahrhundert eine Kirche gab, steht dahin. Die ersten Zeugnisse für das Christentum rühren aus der dem Jonas von Bobbio zugeschriebenen Vita Vedastis des 7. Jahrhunderts. Da sie einziges Zeugnis für die Anwesenheit des Vedastes als Bischof in Arras sind, bleibt die Frage offen, ob es damals zur Gründung einer autochthonen Diözese kam. Am Ende des 7. Jahrhunderts ist das extra muros gelegene Kloster Saint-Vaast bezeugt.
Die Siedlung Cambrai entstand östlich der Schelde an der Kreuzung der Straßen von Amiens nach Bavai und von Arras nach Saint-Quentin. Grabungen brachten, wie Elzbieta Dabrowska (S. 97–105) zeigt, reiche Funde, aber wenig Struktur zutage. In spätrömischer Zeit hatte Cambrai Bavai den Rang streitig gemacht. Eine nennenswerte Ummauerung eines castrum wurde bisher nicht bekannt. Als Chilperich sich 584 mit Schätzen und seiner Familie vor seinem Bruder Guntram in die Stadt flüchtete, dürfte eine solche vorhanden gewesen sein. Der erste, sicher in Cambrai bezeugte Bischof war Gaugericus zu Beginn des 7. Jahrhunderts. Die in seiner Vita erwähnte Kirche dürfte Vorläuferin der Kathedrale gewesen sein.
Raymond Brulet bietet die Zeugnisse für Tournai, Hauptort der civitas Turnacensium (S. 107–116). Die gallo-römische Siedlung etablierte sich zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. auf beiden Seiten der Schelde, deren Verlauf Menapier und Nervier trennte. In der Kaiserzeit gehörte der Ort zur civitas der Menapier, deren Hauptort Cassel war. Aber erst im 2. Jahrhundert gedieh sein Schwerpunkt um die Kreuzung der Straße von Bavai nach Cassel mit der Straße, die über die Schelde in das Gebiet der Nervier führte. Nachdem Cassel seine Rolle eingebüßt hatte, sind im 4. Jahrhundert Anzeichen für ein castrum zu erkennen, das ca. 13 bis 15 h, darunter auch das »quartier épiscopal« umschloss. Bei Grabungen unter der Kathedrale sind seit 1996 Spuren eines Gebäudes des 5. Jahrhunderts gefunden worden, das, über älteren Resten erbaut, als Reste einer Kirche angesehen werden kann, obwohl es zwischen dem 6. und 7. Jahrhundert aufgegeben wurde. Darüber entstand eine dreischiffige Kirche. Im 8. oder 9. Jahrhundert errichtete man im nördlichen Seitenschiff ein Baptisterium. Unter dem romanischen Kreuzgang fanden sich Spuren eines karolingischen Vorgängers. Der Bischof von Noyon stand bis ins 12. Jahrhundert der Diözese vor.
Über die Organisation der Siedlung Senlis in der Kaiserzeit weiß man nichts, wie die von Jean-Charles Picard (†) und Jacques Biarne vorgelegten Quellen und Befunde dartun (S. 117–127). Im nördlichen Teil des Pariser Beckens gelegen, umfloss ein Nebenfluss der Oise, die Aunette, im Süden die Stadt, in den westlich der Siedlung ein von Nordosten kommendes Flüsschen, die Nonette, mündete. Die von Beauvais nach Meaux führende römische Straße kreuzte diejenige, die von Amiens/Beauvais nach Soissons führte. Ein Amphitheater wurde bei Grabungen bekannt. Aus spätrömischer Zeit rührt eine Stadtummauerung mit ovalem Grundriss, deren Datum unbekannt ist, die aber solchen aus dem Ende des 3. Jahrhunderts entspricht. 20 Türme der Mauer, die großenteils erhalten ist, aber von Anbauten verdeckt wird, erreichten eine Höhe von bis zu 13 m. Erster sicher bezeugter Bischof ist Libanius, der die Akten des Konzils von Orléans von 511 unterschrieb. Bei Ausgrabungen 1987 in der Krypta der oktogonalen Kapelle auf der Südseite der Kathedrale ist deren runder Unterbau sichtbar geworden. Er gehört zwar nicht mehr der gallo-römischen Zeit an, zu Alter und Funktion (Baptisterium?) lässt sich aber nichts Sicheres sagen.
Luce Pietri und Charles Mériaux (in Zusammenarbeit mit Jean-Marc Fémolant) haben Quellen und Befunde für Beauvais zusammengestellt (S. 129–141). Der Ort lag im sumpfigen Tal des Thérain, einem Nebenfluss der Oise. Caesaromagus, der Hauptort der Bellovaker, dürfte unter Augustus errichtet worden sein. Ausgrabungen des 19. Jahrhunderts weisen eine Ausdehnung von 100 h für die kaiserzeitliche Stadt aus. Cardo und Decumanus lassen sich durch den Verlauf heutiger Straßen ausmachen. Thermen des 2. Jahrhunderts lagen im Süden; im Schiff der Kathedrale fand man eine große Exedra; Reste von Bauten unbekannter Bestimmung sind vorhanden. Im Bereich des castrum aus dem Beginn des 4. Jahrhunderts entstand ein quartier résidentiel. Dessen bis ins 17. Jahrhundert erhaltene Umfassungsmauern umschlossen bei einer Länge von 1130 m ein unregelmäßiges Fünfeck, dessen Flanken mit rechteckigen Türmen und mindestens auf der Ost- und Westseite mit Stadttoren versehen waren. Im Westen bot der Thérain natürlichen Schutz, auf den anderen Seiten könnten Gräben, in die man dessen Wasser fließen ließ, diese Funktion übernommen haben. Der erste sicher bezeugte Bischof dürfte Maurinus (ca. 632–660) sein. Ein Clemens der Vita Eligii ist sonst nicht bekannt, und die Behauptung der Mönche von Saint-Vaast in Arras, Vedastes sei auch Bischof von Beauvais gewesen, könnte Erinnerung an ihre Flucht vor den Normannen sein. Die mittelalterliche Tradition zu den Ursprüngen des Christentums in Beauvais wurde durch das hagiographische Dossier des hl. Lucian (Lucius) bestimmt.
Von allen civitates der Belgica secunda weist die von Luce Pietri vorgestellte civitas Ambianorum, das heutige Amiens, die reichste Überlieferung aus (S. 143–153). Beim Übergang über die Somme für ein Militärlager Cäsars geeignet, sind die ältesten archäologischen Strukturen am Ende des 1. Jahrhunderts nachweisbar. Sie zeigen den Ort als Kreuzung von Straßen, die hier auf die von Lyon nach Boulogne reichende Straße treffen. Nach einem Brand ist ein forum im Zentrum der Siedlung errichtet worden, das sich über zwei insulae erstreckte, zugleich zwei früher besiedelte Stellen miteinander verband; zwei Thermalbezirke sind im Süd- und Nordwesten gefunden worden – ein Ensemble, das ca. 160 ha bedeckte. Seit 1951 förderte man Funde einer rechteckigen Befestigung eines Teils der kaiserzeitlichen Siedlung zutage. Sie zeigen, dass man in der späten Kaiserzeit auf seiner Südseite, unter Einbeziehung von Teilen des Forums und des Amphitheaters, deren Tore und Öffnungen vermauerte. Als deren östlicher Teil konnte eine in schriftlichen Quellen bezeugte Mauer ermittelt werden, die auf der Achse der rue de Luzarches im Süden des Transepts der Kathedrale und unter den Schiffen von Saint-Martin-aux-Jumeaux und Saint-Nicolas verlief und deren Entstehung in römischer Zeit sicher ist. Zwischen der Mitte des 5. und der des 9. Jahrhunderts ist über die Siedlung außer einer Münzstätte und christlichen Grabbeigaben wenig zu sagen. Zwischen Eulogius, der den Beschlüssen von Sardika (343) beitrat, und vereinzelten Namen im 6. und 7. Jahrhundert ist Gesichertes zur Bischofsliste und zur Entwicklung des Christentums nicht bekannt. Die Nennung der Kathedralgruppe 850, deren Bauten in der Nordostecke des castrum lagen, verweist gleichwohl auf frühere Entstehung.
Von allen civitas-Mittelpunkten der Belgica secunda ist das 1553 bis auf eine Vorortsiedlung völlig zerstörte an der Lys gelegene Thérouanne die Stadt, von der allein Einzelfunde vorliegen, wie Elzbieta Dabrowska (S. 155–162) zeigt. Eine Stadtbefestigung aus der Spätantike hat sich bislang nicht nachweisen lassen. Archäologische Funde der Siedlung und Stadtbefestigung im frühen Mittelalter fehlen. Erster bezeugter Bischof war Audomarus, der als Bononiae et Tharaonensi oppidi (episcopus) in der Vita Columbani erwähnt wird und an ein Doppelbistum denken lässt.
Hincmar von Reims ist der erste, der ohne Beleg behauptet, Laon sei von einem Prätor Marcobrius gegründet und ihm von Remigius ein Bischof gegeben worden (Opusculum LV capitulorum, c. 16, R. Schieffer [ed.], MGH, Concilia, IV., suppl. II, Hannover 2005, S. 191). Genebaudus hieß der erste (Konzil von Orléans 549) gesicherte Bischof. Eine Ummauerung ist erst in der Vita Sadalbergae für das frühe Mittelalter bezeugt, jedoch sind Einzelfunde für eine frühere Besiedlung nachgewiesen, wie Michèle Gaillard (in Zusammenarbeit mit Jean-Pierre Jorrand) darlegt (S. 163–170). Über eine Kathedrale kann vor dem gotischen Bau des 12. Jahrhunderts nichts Gesichertes gesagt werden.
Die Darlegungen werden von 25 Tafeln unterstützt und von bibliographischen Hinweisen begleitet. Damit ist ein sehr brauchbares und überaus nützliches Hilfsmittel für die Erforschung der Belgica secunda entstanden.
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