T. Nummedal, Alchemy and Authority in the Holy Roman Empire (Peter Rauscher)
Tara E. Nummedal, Alchemy
and Authority in the Holy Roman Empire, Chicago (The University of
Chicago
Press) 2007, XIV–260 S., ISBN 978-0-226-60856-3, USD 37,50.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Peter Rauscher, Wien
Anders als der Titel vermuten lassen könnte, handelt es sich bei dem Werk von Tara Nummedal, Associate Professor of History an der Brown University in Providence, RI/USA, um keine breite Gesamtschau des Phänomens »Alchemie« an den Kaiser- und Fürstenhöfen des Heiligen Römischen Reichs. Im Zentrum des knappen, optisch ansprechend gestalteten Bandes stehen vielmehr der Wandel der alchemistischen Tätigkeit in Richtung vertraglich abgesicherter Geschäftsbeziehungen und der damit zusammenhängende mögliche Bruch des Kontrakts durch den Alchemisten, der seitens der Obrigkeit als »Betrug« verfolgt wurde. Dieser spezielle Fokus wird damit begründet, dass gerade in den Debatten des 16. und 17. Jahrhunderts über den betrügerischen Alchemisten – ex negativo – das Wesen der Alchemie überhaupt definiert worden sei (S. 6).
Als schmale Quellengrundlage dienen neben der in der Bibliografie nur selektiv zitierten Forschungsliteratur offenbar kleinere Aktenbestände aus einigen deutschen (Haupt)Staatsarchiven in Wolfenbüttel, Dresden, Stuttgart und München, wobei der Schwerpunkt auf der (heute) niedersächsischen Überlieferung liegt. Hinzu kommen vor allem Briefe aus dem Familienarchiv Rosenberg/Rožmberk im Státní oblastní archiv v Třeboňi in Südböhmen. Warum es gerade zu dieser Quellenauswahl kam und warum ein besonderer Schwerpunkt auf das mit dem Reich nur lose verbundene Böhmen gelegt wird, wird in der Einleitung leider nicht explizit erläutert, außer dass der geografische Rahmen des Heiligen Römischen Reichs halbwegs abgesteckt werden sollte (S. 13). Dass mit dem Reich nicht sonderlich genau umgegangen wird, belegt auch die Bezeichnung Rudolfs II., dessen Regierungsdaten falsch angegeben sind, als »Holy Roman Emperor« (S. 9 und 74).
Forschungsgegenstand der Studie sind nicht noch heute prominente Alchemisten und Naturforscher wie J. J. Becher oder I. Newton, sondern ist »the typical early modern alchemist«. Dadurch soll ein Perspektivwechsel in der Darstellung der Alchemiegeschichte vorgenommen werden: »[T]his book offers a new perspective by writing the history of alchemy ‘from below,’ placing these more numerous ordinary alchemists, even the failed Betrüger, at the center of the narrative, rather than the better-known scholary alchemists of their princely patrons« (S. 10). Um das Phänomen der Alchemie und ihrer Vertreter zu kontextualisieren, wird bewusst ein breiter wissenschaftsgeschichtlicher Ansatz gewählt, der auch die Aspekte der Arbeitsorganisation der Alchemisten, soziale Mobilität, Hofkultur und Kriminalität behandelt, und damit Themen der Sozial- und Kulturgeschichte umfasst (S. 11).
Die folgende Untersuchung ist in sechs, ca. 20 bis 30 Seiten lange Kapitel unterteilt, an die sich schließlich eine drei Seiten lange »Conclusion« anschließt. Die Endnoten, die Auswahlbibliografie und ein – nicht ganz vollständiger – Personen-, Orts- und Sachindex bilden schließlich den Abschluss des Bandes.
Kapitel 1, »Assembling Expertise«, beschäftigt sich mit der Frage, wie man im frühneuzeitlichen Europa Alchemist wurde, also – mangels eines »offiziellen« Ausbildungsgangs – die notwendigen Fertigkeiten erlernte. Die Hauptinformationsquelle bildete das gedruckte Wort: »In fact, Renaissance readers could find so many texts about alchemy that they were confronted with [...] ›information overload‹« (S. 26). Neben den Büchern wurden andere Wege des Wissenserwerbs von den Zeitgenossen zumindest postuliert: Hierzu gehörte die göttliche Inspiration ebenso wie die mündliche Weitergabe von geheimen Wissen und Fertigkeiten durch eingeweihte Meister. In der Praxis dürfte das selbst organisierte eklektische Aneignen unterschiedlicher Kenntnisse und Fähigkeiten im Zuge von »Wanderjahren« bedeutend gewesen sein. Die Nähe der Alchemie zu Metallurgie oder Medizin machten diese Wissensgebiete besonders interessant für angehende Alchemisten, die sich nicht selten aus Goldschmieden oder Arzneimittelkundigen rekrutierten. Insgesamt kann festgestellt werden, dass es keine in irgendeiner Art und Weise fixierte Laufbahn zum Alchemisten gab: »Individuals could become alchemists through books alone, or in the tavern, the mines, and the pharmacy« (S. 38).
Kapitel 2 »The Alchemist’s Personae« behandelt die diskursiv verbundenen und vielfach miteinander verwobenen Bilder des Alchemisten als Wissenschaftler, Künstler oder Prophet, sowie seit dem 16. Jahrhundert auch als Narr, korrupter Kaufmann und krimineller Betrüger. Im Mittelpunkt des folgenden Kapitels steht der Alchemist als Unternehmer im Fürstendienst. Gefragt wird hier nach den Gründen für das Interesse an Alchemie an den Fürstenhöfen im Reich, wobei auf deren hohen Finanzbedarf verwiesen wird. Wie oberflächlich die Studie bleibt, zeigt das auf S. 76 angeführte Beispiel Kursachsens. Ohne die breiten – nicht erst seit seinem monumentalen Werk »Kursächsische Staatsfinanzen (1456–1656)« aus dem Jahr 2006 vorliegenden – Studien von Uwe Schirmer zu zitieren oder die fürstliche Finanzpolitik und die Rolle, die dabei der Alchemie zukam, auch nur grob zu skizzieren, wird hier lediglich auf die hohe Verschuldung des Kurfürsten August verwiesen. Im nächsten Satz folgt dann freilich der Hinweis, dass die Fürsten neben der Förderung alchemistischer Praktiken auch Kredite aufnehmen konnten (S. 76).
Kapitel 4 behandelt schließlich den Prozess des Eintritts eines Alchemisten in fürstliche Dienste von der Kontaktaufnahme mit einem Patron bis zur Errichtung eines förmlichen Vertrags zwischen beiden Parteien. Ähnlich wie frühere Verträge mit Bergwerksgesellschaften wurden in ihnen die durchzuführenden Arbeitsabläufe, die erwarteten Profite und die finanzielle Verantwortung der Beteiligten festgelegt.
Danach folgt die Darstellung des notwendigen alchemistischen Laboratoriums v. a. am württembergischen Beispiel. Das letzte Kapitel ist schließlich dem betrügerischen Alchemisten vor Gericht gewidmet, der bereits in der Einleitung besonders hervorgehoben wird. Auch wenn gegen vertragsbrüchige Alchemisten gerichtlich vorgegangen wurde, belegt die Einleitung eines Verfahrens wegen Betrugs (ebenso wie bereits die Unterzeichnung des Vertrags!), dass grundsätzlich von der möglichen Existenz »seriöser« Alchemisten ausgegangen wurde. Der Nachweis individueller Fehler eines Alchemisten bedeutete daher nicht, dass Alchemie als solche in Frage gestellt wurde, vielmehr wurde der Traum alchemistischer Produktion weiter geträumt »and early modern princes and alchemists alike would continue their efforts to realize it« (S. 175).
Tara Nummedal stellt in ihrer Untersuchung der Alchemie im Heiligen Römischen Reich des 16. und frühen 17. Jahrhunderts zweifellos eine Reihe interessanter Fragen. Um diese zu beantworten, fehlen jedoch systematische Forschungen auf quantitativ fundierter Quellenbasis. Bei zahlreichen Passagen des Buches kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihnen lediglich knappe Einzelbeispiele zugrunde liegen. Besonders wenn sich das Augenmerk nicht – wie dies ja die Intention der Autorin ist – auf die berühmten, aber vielleicht untypischen Vertreter der Alchemie konzentrieren soll, ist eine breite Quellenbasis, die freilich nur mühevoll zu erarbeiten ist, unverzichtbar. Es mag dem US-amerikanischen Wissenschafts- und Universitätssystem geschuldet sein, dass sich ein historiografisches Erstlingswerk mit dem komplexen Zusammenhang von Alchemie und Herrschaft/Staatsbildung im gesamten Heiligen Römischen Reich beschäftigen muss. Nicht die gestellten Fragen, wohl aber die erzielten Ergebnisse lassen an einem solchen Forschungsdesign aber starke Zweifel aufkommen. Eine Tiefenanalyse eines deutschen Fürstenhofes und der dort tätigen Alchemisten auf breiter Quellenbasis hätte jedenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit einen profunderen Einblick in die tatsächlichen Verbindungen zwischen Alchemie und Macht ermöglicht.
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