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F. Lafage, Les comtes Schönborn (Josef Johannes Schmid)

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Franck Lafage, Les comtes Schönborn. 1642–1756. Une famille allemande à la conquête du pouvoir dans le Saint Empire romain germanique. Tome I. Les fondateurs; Tome II. Les héritiers

Francia-Recensio 2010/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Franck Lafage, Les comtes Schönborn. 1642–1756. Une famille allemande à la conquête du pouvoir dans le Saint Empire romain germanique. Tome I. Les fondateurs, Paris (L’Harmattan) 2008, 427 S., ISBN 978-2-296-05143-0, EUR 39,00. Tome II. Les héritiers, Paris (L’Harmattan) 2008, 549 S., ISBN 978-2-296-05144-7, EUR 47,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Josef Johannes Schmid, Mainz

Inmitten der alltäglichen Katastrophenmeldungen zur Entwicklung der geistesgeschichtlichen Disziplinen tut es allemal gut, ab und an auch erfreuliche Tendenzen anzuzeigen. Darunter rechnet – bestimmt nicht an letzter Stelle und glücklicherweise unbenommen jeglicher Unkenrufe und methodisch-kritischer Bedenken einer gewissen Provenienz – das Wiederaufleben des biographischen Aspektes beziehungsweise allgemein biographischer Fragestellungen innerhalb der Geschichtswissenschaften.

Bedürfte es hierzu eines Beleges, so genügte ein Blick in das aktuelle Angebot europäischer Verlagshäuser, wobei auch hierbei eine – zeitliche wie qualitative – Avantgarderolle der frankophonen und angelsächsischen Autoren nicht zu übersehen ist. Besonders erfreulich ist es aber, wenn dieser Trend auch Themen und Persönlichkeiten – oder, wie im vorliegenden Falle, sogar Familiendynastien – ins Auge fasst, welche generell nicht unbedingt zu den Bestsellern des Genre gehören. Nicht anders, denn als wirklich spannend und vielversprechend aber kann man es schließlich bezeichnen, wenn sich ein Vertreter der erwähnten nationalen Schulen klassischer Biographik just einem deutschen Thema zuwendet.

Diese Idealkonstellation inmitten der aktuellen Entwicklung der Historiographie liegt vor in dem hier anzuzeigenden zweibändigen Werk unseres französischen Kollegen Franck Lafage über die Familiengeschichte der Grafen von Schönborn. Nun ist gerade die Geschichte dieses illustren, ursprünglich kleinen fränkischen Reichsrittergeschlechts (Lafage spricht zu Recht von einer »lignée d’obscurs chevaliers«) und seines beispiellosen Aufstiegs innerhalb der Germania Sacra kein wirklich unbearbeitetes Terrain unseres Faches mehr. Neben den grundlegenden Arbeiten etwa eines Max von Freeden1 ist hier zuvorderst die ebenfalls kürzlich, 2005, erschienene Monographie Sylvia Schrauts, im Untertitel als Familienbiographie bezeichnet2, anzuführen. Keines dieser für sich unbezweifelbar wichtigen Werke aber reicht(e) an die Monumentalität des vorliegenden heran. Mit zwei Bänden von 427, beziehungsweise 550 Seiten Text hat Lafage zumal äußerlich die bislang umfassendste Studie zu diesem Sujet vorgelegt. Nun ist die äußere Hülle selbstverständlich nicht alles – doch, dies sei gleich an dieser Stelle festgehalten – vermag der Inhalt durchaus das zu halten, was diese verspricht.

Anders als die öfter chronologisch übergreifend und an den Parametern der «Neuen Kulturgeschichte» ausgerichtete Arbeit Schrauts teilt Lafage seine Arbeit in eine strenge Chronologie ein, welche selbst in sich nach den Lebensläufen der – allesamt reichskirchlichen – Hauptvertreter der Familie geordnet ist. Diese Reihe beginnt im ersten Band mit Johann Philipp (1605–1673) und Lothar Franz (1655–1729), um im zweiten mit Johann Philipp Franz (1673–1724), Friedrich Carl (1674–1746), Damian Hugo (1676–1743) und schließlich Johann Franz (1682–1756) zu enden.

Der Leser – und Kenner der Schönborn’schen Familiengeschichte – wird spätestens angesichts dieser Auflistung feststellen, wie relativ der oben erwähnte chronologische Ansatz gegebenermaßen ist, verteilte sich die Familie Schönborn eben nicht wie die Habsburger oder Wittelsbacher auf eine lange, säkulare Abfolge von Geschlechtern, sondern erstrahlte kometenartig innerhalb der im vorliegenden Werk auch als solche bezeichneten zwei Generationenschübe der Gründer und Erben – darin anderen Phänomenen innerhalb des Reiches, etwa dem Hause Pfalz-Neuburg nicht unähnlich. Der etwa aus dieser Listung resultierende Vorwurf einer zu stark auf die Prälaten hin orientierten Gliederung unter Vernachlässigung der Laienmitglieder der Familie, neben den – von Sylvia Schraut verstärkt betonten, in diesem Kontext aber eher sekundären – Frauengestalten, vor allem etwa Philipp Erwein von Schönborn (1607–1668), griffe nicht3. Denn wiewohl deren Verdienst um das Familienschicksal – so zum Beispiel das unleugbare finanzielle Talent des Philipp Erwein – unbestritten sind, spiegelt doch die Fokussierung auf den Prälatenstand das Erfolgsrezept dieser Dynastie wieder, wie es uns nicht nur in der historiographischen Reflexion, sondern auch in einer der Hauptquellen der Zeit, dem berühmten Altarbild der Pfarrkirche zu Gaibach (von Franz Lippold, um 1745) entgegentritt, in welchem sich die weltlichen Vertreter des Hauses gegenüber den Prälaten deutlich dezent im Hintergrund halten.

Wesentlich für die hier zentrale Würdigung des Werkes von Franck Lafage aber ist, dass die erwähnte Struktur keineswegs in einer rein reichskirchlichen Erörterung mündet. Im Gegenteil umfasst die Dichte der familiären Präsenz auf der europäischen Bühne der zweiten Hälfte des 17. und ersten des 18. Jahrhunderts nahezu alle Aspekte jenes Theatrum europæum, welche die barocke Welt des Ancien Régime ausmacht. Hier, in der minutiösen Analyse Schönborn’schen Wirkens vor dem Hintergrund internationaler und reichischer Beziehungen liegt die Hauptbedeutung der vorliegenden Studie, welche so bei weitem den Rahmen der ›reinen‹ Familiengeschichte übersteigt und sich darin auch fundamental von den Vorgängerarbeiten unterscheidet.

Auf Grundlage eines immensen historischen Wissens, einer erstaunlichen Detailkenntnis sowie einer grundsoliden bibliographischen Dokumentation ersteht hier vor den Augen des Lesers neu jene faszinierende Welt der société des princes, deren Aspekte von der hochpolitischen Kaiserwahl der Jahre 1657/1658, dem bourbonisch-habsburgischen Gegensatz in Europa, über Art, Vorbereitung und Ritual der »Kaiser«-Krönungen der Frühen Neuzeit bis hin zur Pazifikation der Hamburger Querelen 1708–1716 und den Implikationen des Polnischen Erbfolgekrieges 1733–1735 reichen. In seiner Universalität des Ansatzes hat Lafage ein Werk geschaffen, in welchem das Haus Schönborn in nahezu genialer – dabei aber immer familienspezifischer – Weise als inkarnierter Leitfaden des alten Europa und seines Zeitschicksals fungiert.

Diese Einlassung soll nun keineswegs bedeuten, es würden somit rein familiäre Fragen, etwa jene nach dem Aufbau des Familienvermögens, der Repräsentation und der dynastischen Strategie, unterschlagen. Im Gegenteil, Lafage widmet sich mit all den angesprochenen Fertigkeiten auch diesen unter anderem als »fabrication de la Maison Schönborn« bezeichneten Phänomenen in aller, auch lokale Belange umfassenden Gründlichkeit. Doch verliert sich die Darstellung nie in allzu eng begrenzten Horizonten – ebensowenig übrigens wie – es wurde bereits angedeutet – in vermeintlich zeitaktuellen Modeansätzen unserer Tage. Die ebenfalls schon erwähnte reichhaltige Dokumentation, ein geschliffener eleganter Stil sowie ein bis zum Ende durchgehaltener zugleich minutiöser wie vermittelbarer Sprachduktus verleihen der Studie überdies einen hohen Grad an Lesbarkeit; die reiche Dokumentation im Anhang, darunter etwa die originale französische Textfassung der Pragmatischen Sanktion von 1713, ein Glossar zu den Reichskreisen, sowie eine Chronologie zur Zeitgeschichte jeweils in beiden Bänden werden zudem gerne entgegengenommen.

Demgegenüber fallen eventuelle Einwendungen, so etwa der Verzicht auf archivalische Belege, kaum ins Gewicht, da dies gerade bei der Breite des Ansatzes praktisch wohl kaum zu leisten gewesen wäre und so zwangsläufig zur Selektion geführt hätte. Ein echtes Desiderat, allerdings weniger dem Verfasser, als vielmehr dem Verlag anzulasten, stellt hingegen der Verzicht auf ein beziehungsweise zwei Register dar, welche(s) gerade zu Arbeit und Umgang mit der Fülle der hier vorgelegten Informationen als hilfreich, ja fast als unumgänglich zu bezeichnen wäre(n).

Denn Lafage hat ein Referenzwerk vorgelegt, welches getrost als eine Art Handbuch der – auf dem Reich und seiner Kirche zentrierten, sich darin aber nicht erschöpfenden – barocken Welt gelten darf. Dass dieses wichtige Opus just französischer Provenienz ist, bestätigt und kontinuiert eine erfreuliche Tatsache echten übernationalen und interdisziplinären französisch-deutschen Verständnisses, welche uns ja bereits die Werke eines Lucien Bély, Olivier Chaline und Jean Bérenger – um nur einige zu nennen – bescherte. Für die Reichskirche und allgemein barocke Kirchengeschichte im deutsch-französischen Beziehungsgeflecht erweitert Lafage ein Spektrum, welches etwa bereits Claude Muller mit seiner Studie über die elsässischen Kardinäle des Hauses Rohan4 illustrierte. Nicht zuletzt von daher seien dem Werk Franck Lafages eine weite Verbreitung und die gebührende Rezeption diesseits und jenseits des Rheines gewünscht.

1 Etwa: Max H. von Freeden, Kunst und Künstler am Hofe des Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn (Mainfränkische Hefte 3), Würzburg 1948; Ders., Quellen zur Geschichte des Barocks in Franken unter dem Einfluss des Hauses Schönborn, unter Mitwirkung von Anton Chroust bearb.v. Hugo Hantsch und Andreas Scherf, Teil 1. Die Zeit des Erzbischofs Lothar Franz und des Bischofs Johann Philipp Franz von Schönborn 1693–1729, 2 Bde. (Veröffentlichungen der Gesellschaft für Fränkische Geschichte. Reihe 8, Quellen und Darstellungen zur fränkischen Kunstgeschichte;1,1,1/2), Augsburg 1955; Ders., Die Schönbornzeit : »... aus Frankens besseren Tagen ...« (Mainfränkische Hefte 80), Würzburg 1983.

2 Sylvia Schraut, Das Haus Schönborn: eine Familienbiographie. Katholischer Reichsadel 1640–1840 (Publikationen der Gesellschaft für Fränkische Geschichte: Reihe 9, Darstellungen aus der fränkischen Geschichte 47), Paderborn 2005.

3 Ein anderer möglicher Einwand, die chronologische Beschränkung, mit dem Tode Johann Franz’ enden zu lassen, blendete weitere Vertreter der Familie, etwa Franziskus von Paula Cardinal Graf von Schönborn (1844–1899) oder gar Christoph Cardinal Schönborn (*1945), aus, griffe ebenfalls nicht, da es Lafage um das Beziehungsgeflecht des HRR geht.

4 Claude Muller, Le siècle des Rohan. Une dynastie de cardinaux en Alsace au XVIIIe siècle, Straßburg 2006.

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F. Lafage, Les comtes Schönborn (Josef Johannes Schmid)
In: Francia-Recensio, 2010-2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2010-2/FN/lafage_schmid
Dokument zuletzt verändert am: 08.07.2010 10:37
Zugriff vom: 07.02.2012