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B. Kuntke, Friedrich Heinrich von Seckendorff (1673–1763) (Bernhard Mundt)

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Bruno Kuntke, Friedrich Heinrich von Seckendorff (1673–1763)

Francia-Recensio 2010/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Bruno Kuntke, Friedrich Heinrich von Seckendorff (1673–1763), Husum (Matthiesen Verlag) 2007, 407 S., 12 Abb. (Historische Studien, 491), ISBN 978-3-7868-1491-7, EUR 61,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Bernhard Mundt, Ludwigshafen

Mit dem langen und bewegten Leben des Reichsgrafen Friedrich Heinrich von Seckendorff, der als »eine schillernde Figur, ein einflussreicher Akteur, ja ein politischer Protagonist von scheinbar großer Bedeutung« oder gar als »eine der zentralen Persönlichkeiten seiner Zeit« (S. 13) bezeichnet wird, über den aber bislang, außer zwei wissenschaftlichen Ansprüchen jedoch nicht genügenden Darstellungen des 18. Jahrhunderts, noch keine umfassende Biographie vorlag, beschäftigt sich Bruno Kuntke in seiner 2007 erschienen Arbeit.

Nachdem der Verfasser im ersten Kapitel »Quellenlage und Forschungsstand« näher beleuchtet und insbesondere auf die Schwierigkeiten der Sichtung und Auswertung des umfangreichen und weit verstreuten Archivmaterials hinweist, ordnet Kuntke die Darstellung in den Forschungszusammenhang ein. Glücklicherweise verzichtet der Autor auf den Versuch seine biographisch- chronologisch gegliederte Studie sozial- oder mentalitätsgeschichtlich zu verorten, wie dies, um eine Einbindung in den scheinbar paradigmatisch- normativen »Mainstream« der Forschung zu gewährleisten, häufig und teilweise nur unter Mühen geschieht, sondern beabsichtigt, Seckendorffs »tatsächliche Bedeutung im schwer zu durchschauenden politischen Beziehungsgeflecht der europäischen Mächte« (S. 18) zu beleuchten. Dabei berücksichtigt Kuntke »die zu den historiographischen Kardinalproblemen gehörende Frage nach der Funktion des personalen Elements innerhalb der Geschichte« (S. 19) unter stetiger »Reflexion der Beziehungen von handelnden Einzelpersonen zu ihrer historischen Umwelt und den dort herrschenden Lebensverhältnissen« (ibid.), aber ohne der Versuchung zu erliegen, »den historischen Stellenwert der handelnden Individuen hinter überpersönlichen Strukturen und ausschließlich kollektiv geprägten Zyklen oder Prozessen verschwinden zu lassen« (ibid.). So entstand eine klassische politische Biographie eines »jener ‚Männer aus der zweiten Reihe‘ (Helmut Neuhaus), in deren Regie die Geschicke ihrer jeweiligen Dienstherren realiter verhandelt werden« (S. 20).

Im zweiten Abschnitt des Werkes wird dem Lebenslauf des Protagonisten ein Abriss zur Geschichte des Geschlechtes derer von Seckendorff vorangestellt und der eigenhändige Lebenslauf Friedrich Heinrich von Seckendorffs kritisch gewürdigt. Die Darstellung setzt mit der Beschreibung des familiären Hintergrundes im engeren Sinne, des Elternhauses und der sich durch den frühen Tod des Vaters ergebenden Schwierigkeiten ein. Kuntke zeigt, wie Seckendorffs Onkel Veit Ludwig für die Erziehung und Ausbildung seines Neffen Friedrich Heinrich und seines Bruders Ernst Ludwig Verantwortung übernahm. Dem Onkel schwebte eine über das Studium der Rechtswissenschaft führende Tätigkeit seiner beiden Neffen in der Verwaltung eines der vielen kleineren Staaten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation vor, Friedrich Heinrich entschied sich aber um einer schnelleren Aufstiegschance willen und wohl auch aufgrund persönlicher Präferenzen, die militärische Laufbahn einzuschlagen und in den Dienst des Markgrafen Georg Friedrich von Brandenburg- Ansbach zu treten.

Die weiteren Kapitel stellen nun die vielfältigen militärischen Aktivitäten Seckendorffs, zunächst in der Armee Brandenburg- Ansbachs, dann des Kurfürsten von Sachsen/Königs von Polen und schließlich ab 1717 der des Kaisers auf den unterschiedlichen europäischen Kriegsschauplätzen auf dem Balkan, in Flandern und Italien detailgetreu dar. Sehr anschaulich wird auch das Hineinwachsen Seckendorffs in diplomatische Aktivitäten, die aus seiner Bekanntschaft mit dem Prinzen Eugen, seinem Mentor am Wiener Hof, resultieren (Kuntke spricht hier vom »System Eugen« und meint damit die Herstellung eines Netzwerkes persönlicher Beziehungen des Savoyers zu Personen unterschiedlichsten Hintergrundes zur Verwendung an verschiedensten Stellen in seinem Sinne), geschildert und insbesondere an seiner schwierigen Aufgabe in Berlin in den Jahren 1724 bis 1734 exemplifiziert. Dem Verfasser gelingt es, Seckendorffs Stellung am Hof des »Soldatenkönigs« Friedrich Wilhelms I., näher zu beleuchten und seinen Einfluss auf den Monarchen in Wirkungsweise, Methode und Ergebnis aufzuzeigen. Nach seiner preußischen Mission zu einem der engsten Mitarbeiter des Prinzen Eugen aufgestiegen, erhielt Seckendorff nach dessen Tod gar 1737 den Oberbefehl über die kaiserlichen Truppen auf dem Feldzug gegen das Osmanische Reich. Kuntke schildert Vorbereitung, Durchführung und Scheitern des Unternehmens sowohl in militärischer als auch in politisch- personaler Sicht und leitet damit zu den beiden letzten, dem Dienst Seckendorffs für Kaiser Karl VII. und seiner Rückkehr in den Sold des Hauses Habsburg (Lothringen) gewidmeten Abschnitten über. Hierbei sieht der Verfasser im Wechsel der Dienstherren nicht bloß Karrierestreben, sondern eine spezifische Form von Reichspatriotismus, der, neben der Bindung an die Familie, eine der großen Konstanten im bewegten Leben des Reichsgrafen darstellte. Ungewöhnlicherweise am Ende der Darstellung findet sich ein der Bewertung Seckendorffs in der Historiographie gewidmetes Kapitel, dem eine zusammenfassende Beurteilung des Lebens und Wirkens des Protagonisten folgt. Ein Anhang mit Abkürzungs- und Abbildungsverzeichnis sowie dem Verzeichnis der Quellen und der Literatur, des Weiteren genealogische Tabellen und ein Personenregister beschließen die Darstellung.

Bruno Kuntke ist es gelungen, das Leben des Reichsgrafen Friedrich Heinrich von Seckendorff umfassend, quellengestützt und unter Berücksichtung der gesamten, insbesondere neueren Forschung zum Thema und zum Hintergrund anschaulich und fundiert darzustellen. Beeindruckend ist insbesondere die Meisterung der Masse archivalischer Überlieferung und die souveräne Beherrschung der relevanten Literatur in Verbindung mit einer plastischen und niemals langatmigen, sondern im Gegenteil durch die Verwendung der leider in Zeiten der Soziologisierung der Geschichtswissenschaft selten gewordenen klassischen »Gelehrtenprosa« farbigen, dabei aber jedem wissenschaftlichen Anspruch genügenden Art der Darstellung. Kuntkes Lebensbeschreibung Seckendorffs darf somit als ein gelungenes Beispiel einer politischen Biographie gelten, einer Gattung historiographischer Literatur, die, findet sie auf Personen, die bislang auch in der wissenschaftlichen Literatur eher im Schatten der vorderhand Agierenden standen, Anwendung findet, erhellende Erkenntnisse liefern kann.

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B. Kuntke, Friedrich Heinrich von Seckendorff (1673–1763) (Bernhard Mundt)
In: Francia-Recensio, 2010-2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
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Dokument zuletzt verändert am: Jul 08, 2010 11:30 AM
Zugriff vom: May 25, 2012