B. Guion, Du bon usage de l'histoire (Markus Völkel)
Béatrice Guion, Du bon usage de l’histoire.
Histoire, morale
et politique à l’âge classique (Honoré Champion) 2008, 631 S.
(Lumière classique, 79), ISBN 978-2-7453-1715-5, EUR 105,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Markus Völkel, Rostock
Dies ist ein mutiges Buch, das den großen Zugriff versucht. Man stelle sich vor, ein deutscher Historiker – bei einem germanistischen Literaturhistoriker wäre es von vorneherein ausgeschlossen – würde sich das Thema stellen »Geschichte, Moral und Politik im Hl. Römischen Reich im 17. Jahrhundert«. Ein deutscher Gelehrter würde am Raum (Grenzen), der Zeit (das deutsche 17. Jahrhundert ist weder »klassisch« noch ein »Grand Siècle«) und an der Gattungsvielfalt verzweifeln. Wie wohl lebt dagegen der »historische Gott« in Frankreich! Die Ungebrochenheit des historischen Kontinuums gerade in der historiographischen Selbstvergewisserung erlaubt solche sowohl umfassenden wie affirmativen Ansätze und diese verblüffend einfache Themenstellung: Zwischen den großen historiographisch »innovativen« Jahrhunderten, dem 16. und 18., scheint eine irritierend große Lücke zu klaffen, das 17., das »Grand Siècle« selbst. »C’est donc une opinion largement répandue que le XVIIe siècle n’aurait pas la tête historique« (S. 10). Diesen Eindruck zu erklären bzw. zu beseitigen, ist die klare Absicht dieser umfangreichen Studie. Darunter liegen, dies sei vorweggenommen, die soliden traditionellen Fragestellungen, d. h. der »Antihistorismus« der Rationalisten, angefangen bei Descartes selbst, das Curiositas-Verdikt der Jansenisten, der unsystematische Zweifel der Libertins an der Geschichte, der systematische der Pyrrhonisten. Darunter liegen noch die Tiefenspannungen zwischen Antiquarismus und erzählter Geschichte, zwischen topisch festgestellter und » temporalisierter« Geschichte, zwischen durchgehaltener Wirklichkeitsreferenz und fiktionalisierter Referenz, zwischen der «heroischen Geschichte« der königlichen Krieger und der kleineren, aber »wirklicheren« Geschichte der Seelen und Mentalitäten. Es ist die Gesamtheit dieser Risse und Brüche, die die »historische Kompetenz« des Klassischen Zeitalters infrage stellt und zu ihrer Rehabilitation nach einer neuen Synthese verlangt.
Auf welcher Grundlage geschieht dies? Béatrice Guion entscheidet sich – ohne Alternativen in Betracht zu ziehen – für die programmatischen Schriften der Epoche, d. h. für ein Aussagenkorpus aus »Artes historicae, Artes scribendi«, pädagogischen Werken, Vorworten und brieflicher Autorenkritik. Damit ist von vorneherein ein schlüssiger Zusammenhang gegeben, für den jedoch ein Preis entrichtet werden muss. Was nicht im Sektor präformierter thematischer Reflexion liegt, das erscheint auch nicht im theoretischen Fokus dieser Untersuchung.
Zehn umfangreiche Kapitel gliedern ein langsames diachrones Fortschreiten, das aber immer wieder von synchronen plateaux unterbrochen wird. Ein erstes Buch beschreibt die »Leçons traditionnelles de l’histoire«, d. h. 1. »Historia magistra vitae«, 2. »L’histoire, leçon politique und 3. »L’utilité des mauvais exemples«. Das zweite Buch befasst sich zunächst mit der Dichotomie »Histoire publique, histoire privée«, 2. Mit »L’histoire comme »anatomie spirituelle«, 3. der »Remise en cause de l’histoire héroȉque« sowie 4. ergänzend mit der »Histoire des particularités«, d. h. den Memoiren, der historischen Novelle und den »Geheimgeschichten«. Das dritte Buch »Leçons de la critique« behandelt 1. »La remise en cause des leçons traditionelles de l’histoire«, 2. »Relectures critiques de l’histoire« und endlich 3. Die Kehre von der »Exemplarité morale à l’histoire de l’esprit humain«. Auffällig an dieser Gliederung ist die häufige Verwendung des Präfix »re«. Guion deutet das historiographische 17. Jahrhundert generell als Wiederaufnahme bzw. Wiedervorlage älterer bewährter Fragestellungen. Dies führt dazu, dass ihre Untersuchung selbst Spiralform annimmt: Beispiel und Lehre/Lesart (leçon) kehren auf der »höheren Ebene« der Kritik, der Psychologie und säkularisierender philosophischer Synthese wieder.
Bei den Einzelkapiteln handelt es sich um eng verflochtene und sorgfältig dokumentierte Wissensstränge, die man mit großen Gewinn liest. Wer mit der humanistischen Theorieliteratur im allgemeinen vertraut ist und deren nationale Varianten kennt, der entdeckt zwar nicht viel grundsätzlich Neues, aber es gelingt Béatrice Guion, die jeweilige »klassische« Version plastisch herauszuarbeiten, d. h. die französische »Lokalfarbe« des diskursiven Kontextes aufzutragen. Diese Re-Disposition vertrauter Fragestellungen über z. T. wenig bekannte Autoren und abgelegene Äußerungen webt gleichsam einen bequem begehbaren »Theorieteppich« zwischen Humanismus und »Lumières«. Das französische 17. Jahrhundert tritt als eine an historiographischer Reflexion extrem reiche Epoche auf, die ihre eigene Synthese vollzieht, ohne sich für eine Teleologie bloßer Säkularisation oder Kontinuität der methodischen Verfahren herzugeben. Dabei sind es vor allem die unaufgelösten, aber eben »klassisch gemilderten« Spannungszustände der im Zeitalter des Rationalismus erweiterten humanistischen Aufgabentopik, die den Charakter der Synthese bezeichnen. Es ist die Kopräsenz von moralischem Exempel und politischem Einzelfall, von Vernunft- und Tatsachenwahrheit, von antiker und moderner Schreibweise, von Helden- und Alltagsgeschichte, von römischer Tugend und homme galant, die in diesem Buch das spezifische Gleichgewicht der historischen Perspektive garantiert.
Insgesamt überzeugt dieses Ergebnis, freilich stets unter der Prämisse, dass man die programmtheoretische Engführung akzeptiert. Folgt man ihr, dann erscheint die Untersuchung von Béatrice Guion wie ein Parallelstück zu Ulrich Muhlacks »Geschichtswissenschaft im Humanismus und in der Aufklärung« (1991), nur freilich unter umgekehrten Vorzeichen. Wo Muhlack eine Parallele zwischen Humanismus und Aufklärung konstruiert, dort fügt Guion ein differenzierendes Distanzstück, das klassische Zeitalter, ein, das keineswegs bruchlos in die Geschichtskonzeptionen der Aufklärung übergeht. Der Rezensent ist gerne gewillt, ihr hier zuzustimmen. Gleichzeitig sollten auch die Grenzen und inhärenten Probleme des exklusiv programmtheoretischen Ansatzes nicht verschwiegen werden.
Zunächst zeigen sich interne Probleme. Über die technischen Probleme des Schreibens von Geschichte und hier vor allem über den »historischen Stil« (stilus historicus) erfährt man in diesem umfangreichen Werk nicht viel, ebenso wie auch über die Gattungsdiskussion. Beide haben erhebliche Ausstrahlungen auf die möglichen moralischen wie politischen Inhalte der Geschichte. Die Kirchengeschichte wird kurzerhand ausgeklammert, aber das heißt denn doch, entgegen der thematischen Ankündigung der Autorin, das Klassische Zeitalter vorbeugend zu säkularisieren. Weiter bleiben Zweifel, ob man denn die historiographische Operation, gerade im »Grand Siècle«, von zentralen produktionstechnischen Rahmenbedingungen, wie dem Verhältnis zum Bild, und der Entwicklung der nationalen wie internationalen Presse losgelöst betrachten kann. Der Rezensent muss einräumen, dass er beim Holländischen Krieg Ludwigs XIV. so gut wie nicht an die »Éloge historique du roi« von Jean Racine denkt, die formidablen Kupferstiche von Romeyn de Hooghe aber stets vor Augen hat.
Seit gut 30 Jahren hat sich der Kontext für die Reflexion einer epochenspezifischen programmtheoretischen Selbstbeschreibung von Geschichte entscheidend verändert. Die Tendenzen der älteren Theorie lassen sich aufgreifen und vervollständigen, aber man kann heute nicht mehr an den Grenzen stehenbleiben, die sich sie selbst gesetzt hat. Als Beispiel sei Buch 2, Kapitel 3 genannt, das die »heroische Geschichte« erneut auf die Tagesordnung setzt. Hier kommt man nicht mehr an der grundsätzlichen Frage nach dem Verhältnis von »Geschichte und Macht« vorbei. Man muss dies nicht nach der Weise von Foucaults »Analyse der Macht« tun, aber gänzlich ignorieren lässt sich dieser Ansatz von einer modernen Historiographiegeschichte auch nicht. In analoger Weise gilt dies für das Konzept des »Ruhmes« (gloire), das für das Zeitalter Ludwigs XIV. so zentral ist. Die knappe Erwähnung von Chapelains »Dialogue de la gloire« genügt nicht, um einen adäquaten Kontext für dieses kapitale Problem zu liefern.
So ergibt sich in der Gesamtschau ein ambivalenter Eindruck. Béatrice Guion verweist unermüdlich auf die Widersprüche des Klassischen Zeitalters, balanciert sie aber auch ebenso beharrlich binnentheoretisch aus. Hätte sie zumindest in einigen Fällen den Weg zu konkreten Geschichtswerken und deren faktischer Genese gefunden, sie wäre von deren theoriebezogen oft extraterritorialen Position doch überrascht worden. Damit hätte sie den Rahmen ihrer Synthese doch erheblich erweitern, ja zuweilen überhaupt auf eine Synthese verzichten müssen. Sie wäre so auch näher an das implizite, aber nicht ganz erreichte Vorbild ihrer Studie herangerückt, nämlich Claude-Gilbert Dubois' »La conception de l’histoire en France au XVIe siècle« (1977). Dieses Werk lässt sich doch sehr viel stärker auf die Sprengkraft realer Geschichtswerke ein.
Was wir dagegen von Béatrice Guion erhalten, ist der theoretische Diskurs der im »Grand Siècle« historisch Interessierten. Das ist eine große Leistung, materialmäßig wie darstellerisch, aber doch um den Preis eines radikal beschnittenen Kontextes und der eigentümlich akademischen Einfärbung einer im 17. Jahrhundert noch weitgehend unakademischen Praxis. Es scheint, als wäre die Frage nach dem »guten Gebrauch der Geschichte« nicht imstande, ein ganzes historiographisches Zeitalter zu illuminieren. Es ist möglich, dass die Verfasserin einen so großen Anspruch gar nicht erhebt, aber dann hätte sie den auch jeder historiographischen Theorie innewohnenden impliziten Anspruch auf ein »Ganzes« deutlich abwehren und ihre »Lücken« zumindest reflektieren müssen. Diese einschränkenden Bemerkungen ändern aber nichts an der Einschätzung, dass es sich hier um ein unbedingt lesenswertes Buch handelt, um das man die französische Geschichtsforschung nur beneiden kann. Ein analoges Werk für das deutsche 17. Jahrhundert wird es noch längere Zeit nicht geben.
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