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B. Gordon, Calvin (Christian Mühling)

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Bruce Gordon, Calvin

Francia-Recensio 2010/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Bruce Gordon, Calvin, New Haven, London (Yale University Press) 2009, 398 S., ISBN 978-0-300-12076-9, GBP 25,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Christian Mühling, Reichelsheim

Mit seiner Lebensbeschreibung Johannes Calvins reiht sich Bruce Gordon, Kirchenhistoriker an der Universität von St. Andrews, im Jahr 2009 in die zahlreichen Neuerscheinungen zum 500. Geburtstag des großen Theologen und Reformators ein. Gordon interpretiert hier Calvins Werdegang vor dem Hintergrund des nordeuropäischen Humanismus und der damit einhergehenden religiösen Erneuerungsbewegung. Eingehend werden die verschiedenen intellektuellen und soziopolitischen Einflüsse von Calvins Studienjahren, Zufluchtsorten, Wirkungsstätten, persönlichen Kontakten und Korrespondenzen in Bezug auf Leben und Werk des Reformators dargelegt. Aus diesen Kontakten sollte sich später ein tragfähiges Netzwerk reformatorischer Kommunikation in Europa aufbauen, welches einerseits Calvins Werk stark beeinflusst hat, andererseits aber auch der Verbreitung seiner Ideen diente. Dieses Netzwerk trug maßgeblich zur Umsetzung von Calvins kirchenpolitischen Absichten im protestantischen Kosmos bei. Der Verfasser schreibt über Calvins gespaltenes Selbst »the confidence in his calling as a prophet and apostle set against his ever present sense of unworthiness and dissatisfaction« (S. 334). Dieses Selbstbild führte zu einem ungeheuren Arbeitseifer: Im Kampf um den rechten Glauben präzisierte, revidierte und erweiterte Calvin nicht nur seine theologischen Werke ständig, sondern ergriff auch immer dort das Wort, wo es ihm geboten schien. Großen Einfluss hatte hierbei neben dem Austausch mit seinen Gesinnungsgenossen auch die Abwehr der Angriffe seiner Gegner. Das erklärt auch sein Bestreben nach Einheit, von welchem freilich »Katholiken« und »Häretiker« schon per se ausgeschlossen waren. Abweichler im eigenen Einflussbereich versuchte der juristisch geschulte Calvin durch die von ihm geschaffene Kirchenzucht durch Abendmahlsentzug, nötigenfalls auch durch Kooperation mit der weltlichen Obrigkeit wieder auf die rechte Bahn zu bringen. Das Wirken Calvins wiederum stand im Mittelpunkt religiös-politischer Auseinandersetzungen, die durch vier Grundkonflikte gekennzeichnet wurden: das Verhältnis zwischen Calvin und dem Luthertum, der Fraktionskampf innerhalb Genfs, das spannungsvolle Verhältnis der beiden Stadtrepubliken Genf und Bern zueinander, und damit eng verbunden, auch zwischen Genf und der schwyzerdeutschen Reformation im Allgemeinen sowie die Grundkonstante einer Frontstellung gegen die »katholischen« Mächte und die »katholische« Kirche. Von zentraler Bedeutung für Calvin war neben seinem Hauptwirkungsort Genf und der protestantischen Ökumene vor allem sein Heimatland Frankreich.

Der allgemeine Nutzen einer zusammenfassenden, neuen Calvin-Biographie liegt auf der Hand, wenn man sich die enorme geistes- und religionsgeschichtliche Bedeutung von Calvins Leben und Wirken bewusst macht und sich dabei eingesteht, dass ein Werk wie die »Institutio Christianae Religionis« nicht ohne die persönliche und soziale Präsenz dieses Mannes hätte entstehen können. Selbiges gilt für den geistigen Einfluss, den er zeitlebens und darüber hinaus auf Europa und Nordamerika ausgeübt hat. Doch worin liegt darüber hinaus die Besonderheit der Arbeit Gordons? Der »Mehrwert« dieser Biographie liegt hauptsächlich darin, dass Gordon keine rein biographisch-chronologische Darstellung bietet, sondern seine Arbeit vielmehr mustergültig in den historischen Kontext einbettet, ohne sich dabei in unnötigen Details zu verlieren. Eindringlich werden Wechselwirkungen zwischen Religion, Theologie, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und persönlichem Umfeld aufgezeigt, soweit dies die stellenweise äußerst schmale Quellenüberlieferung zulässt. Gordon hält sich dabei mit Mutmaßungen über die Quellenlage hinaus stark zurück. Besonders das persönliche Umfeld findet in Gordons Darstellung großes Gewicht. So war Calvins jahrzehntelange Freundschaft mit seinen Kollegen Guillaume Farel in Neuchâtel und Pierre Viret in Lausanne, von denen beide nach dem Auseinanderbrechen der Trias durch Theodor Beza ersetzt werden sollten, förderlich bei der Durchsetzung seiner kirchenpolitischen Ziele. Großen Einfluss übten darüber hinaus Martin Bucer, Philipp Melanchthon und Heinrich Bullinger auf Calvin aus. Sie und andere waren maßgeblich an der Entstehung eines reformatorischen Netzwerkes beteiligt. Heftige Auseinandersetzungen mit Gegnern wie Jacopo Sadoleto, Jerôme Bolsec, Pierre Caroli, Sebastian Castellio, Michael Servet, Joachim Westphal oder Jean Morély schärften Calvins Profil. Sein Streben nach Orthodoxie und Ökumene führte dazu, dass sich sein Wirkungskreis hierbei nicht nur auf die eigene Gemeinde beschränkte, sondern um den gesamten Kosmos der Kirche bemühte. Hierin liegen zwei der Gründe für Calvins gesamteuropäisches Wirken. Die Herausarbeitung dieses Beziehungsgeflechts abseits rein dogmengeschichtlicher Darstellungen ist eines der Verdienste dieser Darstellung. Darüber hinaus arbeitet Grodon auch den Einfluss überpersonaler Strukturen auf Calvins Leben und Werk gewinnbringend in seine Darstellung ein. So findet Erwähnung, dass Calvin sich zeitlebens um eine Einigung zwischen dem deutschen Luthertum und der schweizerdeutschen Reformation bemühte. Calvin sah seine eigene Theologie hierbei als Mittlerposition. Die kompromisslose Haltung beider Parteien verhinderte aber eine Einigung und eine gemeinsame Frontstellung gegen die »Katholiken«. Vielmehr geriet Calvin selbst in den Verdacht dem jeweilig entgegensetzten Lager anzugehören. Zugespitzt wurde dieser Konflikt durch die Beziehung zwischen Genf und Bern. Das von Bern regierte Waadtland, welches auf der einen Seite immer wieder als Exil für Genfer Oppositionelle wie Articulanten oder Perrinisten diente, auf der anderen Seite aber auch zum Widerwillen Berns weitgehend von einer an Genf angelehnten franko-schweizerischen Geistlichkeit bestimmt wurde, blieb ein dauernder Krisenherd. Bern visierte sogar an, die Unabhängigkeit Genfs anzutasten. Genf auf der anderen Seite benötigte die Allianz mit Bern, um sich gegen das »katholische« Ausland Savoyen und Frankreich behaupten zu können. So griffen staaten- und kirchenpolitische Aspekte innerhalb des sich erst organisierenden reformierten Lagers ineinander über und führten aufgrund der skizzierten Genfer Abhängigkeit zum Consensus Tigurinus bezüglich der Abendmahlslehre zwischen dem »Kirchenpolitiker« Calvin und dem Zürcher Reformator Heinrich Bullinger, der dazu dienen sollte, Genf mit Bern auszusöhnen. Aber erst nach längerem, harten Widerstand folgte letztere Stadt, zusammen mit der anderen theologisch calvinfeindlichen Hochburg Basel, der Übereinkunft. Gleichzeitig war aber nun ein Kompromiss zwischen Calvin und dem deutschen Luthertum endgültig zu Nichte gemacht, auch wenn später durch den Übertritt der Pfalz zum reformierten Bekenntnis der Einfluss im Reich ausgeweitet werden konnte. Calvin galt fortan im Reich als entschiedener Vertreter Zürcher Positionen, wodurch lange, auch in der älteren Forschung, seine vermittelnde Rolle verkannt wurde. Diese komplizierten Wechselwirkungen werden von Gordon ausführlich herausgearbeitet und heben damit geläufige Vorurteile der Kirchengeschichtsschreibung auf, die den Kontext seines Wirkens hierbei oft zu stark vernachlässigen und Calvin entweder als Vorreiter eines reformierten Konfessionalismus oder als Vater der modernen Ökumene sehen wollen. Positiv fällt auch die Auseinandersetzung mit der calvinkritischen Historiographie auf. So lässt der Autor dem Prozess gegen Michael Servet eine grundlegende Neubewertung widerfahren, indem er anführt, dass Servet freiwillig und in vollem Bewusstsein nach Genf gekommen sei, um dort, als von seinem theologischen Hauptgegner verurteilter Märtyrer, zu sterben (S. 219). Trotz dieses Vorhabens war es, wie meist immer noch fälschlich beschrieben, nicht Calvin selbst, der den Antitrinitarier zum Tode verurteilte, sondern der zu diesem Zeitpunkt mit ihm im Streit stehende Rat. Auch wenn Calvin selbst den Tod Servets gewünscht haben mag, so war sein Anteil an der Entscheidung zu seiner Hinrichtung, laut Gordon, nicht ausschlaggebend (S. 224). Ein weiterer Vorzug von Gordons Monographie ist, dass er im Gegensatz zur älteren Forschung ein differenzierteres Bild vom europäischen Wirken Calvins zeichnet. Dies geschieht, indem er die Rolle des Reformators in einem internationalen Netzwerk protestantischer Theologen verortet und ihn keinesfalls als kirchenpolitisch einzigartige Persönlichkeit des 16. Jahrhunderts darstellt, auch wenn ohne Zweifel die konfessionelle Landkarte der folgenden Jahrhunderte weitgehend von Genfer Einflüssen bestimmt sein sollte. Eine Sonderstellung nimmt hierbei Calvins starke Beziehung zu seinem Heimatland Frankreich ein. In enger Zusammenarbeit mit den beiden anderen reformatorischen Zentren der französischsprachigen Schweiz Lausanne und Neuchâtel nahm Calvin an der Bildung und Festigung der reformierten Kirche Frankreichs Anteil, deren maßgeblicher Theologe er zeitlebens war und bis heute bleiben sollte. Genf und die französische Schweiz dienten als Zufluchtsort französischer Emigranten, als Zentrum französischsprachiger reformatorischer Buchproduktion und als Reservoir und Ausbildungsstätte für französische Pastoren, welche durch die Gründung der Genfer Akademie 1559 neuen Auftrieb erhielt. Spannungen blieben aber auch hier nicht aus, so um den Nikodemitismus, den Bildersturm, die Kirchenverfassung und das politische Widerstandsrecht. Entgegen landläufiger Populärdarstellungen präsentierte sich Calvin hierbei aber als ein Mann »of law and order, of properly functioning institutions« (S. 328) und wandte sich prinzipiell gegen jegliches gewaltsames Vorgehen. Die beschriebene Auseinandersetzung sollte auch für die weitere Geschichte der Frühen Neuzeit von großer Bedeutung sein. Allein schon deshalb lohnt sich die Beschäftigung mit dieser Calvin-Biographie. So steht abschließend auch für Gordon außer Frage, welche zentrale Bedeutung Calvin, Mitstreiter und Nachfolger für die Geschichte West-, Mittel, Ost-Europas und Nordamerikas zukommt.

Kleinere Mängel wie die versehentlich falsche Datierung eines Briefes Simon Grynaeus an Calvin aus dem Jahre 1538 auf das Jahr 1438 (S. 76) tun dem Gesamtwert der Darstellung nur wenig Abbruch. Die Reduktion der Integrationsproblematik reformierter Flüchtlingsgemeinden in lutherischen Territorien auf religiösen Zwiespalt ohne Einbeziehung wirtschaftlicher Konflikte (S. 266ff.) und die sich vermutlich einer populären Max-Weber-Rezeption anschließende Unterstellung, Calvin habe vermeint, die Erwählten aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage im irdischen Leben erkennen zu können (S. 147), erscheinen hingegen als noch weiter diskussionsbedürftig. Hingegen haben dem Rezensenten die Neubewertung des Falles Servet und des europäischen Wirkens Calvins sehr gut gefallen. Auch andere Calvin-Klischees wie der sprichwörtliche Asketismus und der mangelnde Einfluss auf die deutsche und skandinavische Reformation werden hier stellenweise neu bewertet. Besonders überzeugend ist die ganzheitliche Art der Darstellung, die nicht nur Themen der klassischen Geschichtswissenschaft aufgreift und in Beziehung zum Individuum Calvin setzt, sondern auch das Netzwerk an persönlichen Beziehungen und äußeren Umständen unter Augenschein nimmt, die Leben und Werk des großen Reformators beeinflusst haben. So kann man »Calvin« für eine gelungene Überblicksdarstellung zu Leben und Werk des großen Reformators anlässlich seines 500. Geburtstag halten, die trotz kleinerer Mängel einen gut lesbaren Abriss aktueller Forschungsergebnisse bietet und somit aus dem Wust der Neuerscheinungen durch ihre besondere Qualität hervorsticht.

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B. Gordon, Calvin (Christian Mühling)
In: Francia-Recensio, 2010-2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2010-2/FN/gordon_muehling
Dokument zuletzt verändert am: Jul 08, 2010 11:20 AM
Zugriff vom: May 25, 2012