M. Glozier, D. Onnekink, War, Religion and Service (Markus Meumann)
Matthew Glozier, David Onnekink (ed.), War,
Religion and Service. Huguenot Soldiering
1685–1713,
Aldershot, Hampshire (Ashgate Publishing) 2007, XIV–296 S.
(Politics and Culture in North-Western Europe, 1650-1720), ISBN
978-0-7546-5444-5, EUR 60,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Markus Meumann, Halle (Saale)
Das hugenottische Refuge erfreut sich spätestens seit dem Gedenkjahr 1985 des anhaltenden Interesses der interdisziplinären Frühneuzeitforschung und hat in den letzten Jahren im Zeichen von Migrations- und Kulturtransferforschung nochmals zusätzliche Aufmerksamkeit erhalten. Dessen ungeachtet ist ein bedeutender Aspekt des mit dem hugenottischen Exodus nach der Revokation des Ediktes von Nantes durch Ludwig XIV. verbundenen Wissens- bzw. Technologietransfers zumindest von der deutschsprachigen Forschung bislang eher wenig beachtet worden: der Anteil der reformierten Flüchtlinge an der Kriegführung und dem Aufbau der stehenden Heere in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, nicht zuletzt auch in den deutschen Territorien, allen voran Brandenburg-Preußen.
Zwar liegen neben älteren, meist von hugenottischen Gesellschaften und Geschichtsvereinen getragenen und daher biographisch orientierten Forschungen auch einige neuere Studien zu den größten Aufnahmeländern England bzw. Großbritannien, den Niederlanden und Brandenburg vor, die jeweils rund 30 bzw. 10–15% (Brandenburg) der insgesamt ca. 150 000 Flüchtlinge aufnahmen. Diese waren jedoch, wie die Herausgeber in ihrer Einleitung sowie Matthias Asche in seinem als Forschungsüberblick konzipierten Beitrag für Brandenburg bzw. die deutschen Territorien ausführen, lange Zeit überwiegend in Genealogie und Militärgeschichte situiert und sind von der allgemeinen Hugenottenforschung bislang allenfalls am Rande zur Kenntnis genommen worden. Dem vorliegenden Band kommt somit das Verdienst zu, dem Anteil exilierter französischer Protestanten am Militärwesen des späten 17. und frühen 18. Jahrhundert erstmals in einer europaweiten, komparatistischen Perspektive systematisch nachzugehen und damit diesen besonderen Aspekt kulturellen und technologischen Transfers einer breiteren Leserschaft bewusst zu machen.
Die Herausgeber, die neben der Einleitung und einem gemeinsamen Aufsatz jeweils auch noch einen eigenen Beitrag zu dem Band beisteuern, sind durch eine Reihe von Vorarbeiten für dieses Unternehmen bestens ausgewiesen; dasselbe gilt für die meisten der übrigen Autoren, die teils aus der Hugenottenforschung, teils aus der Militärgeschichte kommen. Was den komparatistischen Blickwinkel betrifft, so ist zwar der Großteil der insgesamt 14 Aufsätze Großbritannien (John Childs, Philip Rambaut, Randolph Vigne und David Onnekink) und Irland (Harman Murtagh), der Niederländischen Republik (Matthew Glozier/David Onnekink, Dianne W. Ressinger) und Brandenburg-Preußen (Helmut Schnitter, Detlef Harms und Matthias Asche) gewidmet. Dies spiegelt jedoch nicht nur die Zahl der von diesen Ländern aufgenommenen Flüchtlinge, sondern entspricht auch deren quantitativer wie qualitativer Bedeutung für das jeweilige Militär. Namentlich in der englischen Armee zählte nach der Glorious Revolution, während derer hugenottische Offiziere bereits eine tragende Rolle im Heer Wilhelms von Oranien gespielt hatten, eine Reihe von réfugiés zur Führungselite, wovon die beiden biographisch angelegten Aufsätze von Philip Rambaut zum Earl of Feversham und von Randolph Vigne zum Earl of Galway beredtes Zeugnis ablegen. Wie nachhaltig diese Tradition bis heute ist, demonstriert darüber hinaus höchst eindrücklich das Vorwort des vormaligen Kommandeurs der britischen Streitkräfte im Mittleren Osten, Sir Peter de la Billière, dessen Vorfahren nach der Revokation des Ediktes von Nantes nach England kamen.
Wie das Beispiel der Niederländischen Republik – »the biggest seventeenth-century employer of French Protestants up to 1688« (S. 25) – zeigt, begannen die militärischen Aktivitäten der Hugenotten im Dienst meist protestantischer Mächte indessen nicht erst im Jahr 1685 (David Trim). Vielmehr war die spezifische militärische Expertise der französischen Reformierten, die ihren Ursprung in den Religionskriegen rund 100 Jahre zuvor hatte, von den Generalstaaten bereits seit dem Frieden von Vervins 1598 beinahe durchgehend in Anspruch genommen worden. Ebenso hatten sich der Pfälzer Kurfürst und der schwedische König Gustav Adolf im Dreißigjährigen Krieg – neben englischen und schottischen Truppen – französisch-reformierter Kontingente bedient. Auch wenn viele Hugenotten erst im Refuge in die Armeen ihrer Aufnahmeländer eintraten, konnten sie dort also in der Regel bereits an eine gewisse Tradition französisch-hugenottischen Solddienstes anknüpfen. In Brandenburg beispielsweise dienten bereits seit den späten 1660er Jahren in größerer Zahl französische Offiziere, darunter auch Katholiken, in der kurfürstlichen Armee.
Während das militärtheoretische und -technologische Wissen der Hugenotten in den Aufnahmeländern wesentlichen Anteil am Aufbau der stehenden Heere hatte, z.B. bei der Etablierung der Regimentsstruktur in der brandenburgischen Armee, bedeutete das Revokationsedikt von Fontainebleau für Frankreich, die bedeutendste Militärmacht der Epoche, in militärischer Hinsicht einen wahren brain drain, zu dessen Nutznießern neben den bereits genannten Mächten auch Braunschweig-Lüneburg (Andreas Flick), Savoyen-Piemont (Paola Bianchi) und schließlich Russland gehörten, das von der Demobilisierung hugenottischer Truppen nach dem Ende des Pfälzischen Erbfolgekrieges profitierte (Matthew Glozier).
Für die réfugiés selbst brachte der Eintritt in »fremde« Militärdienste natürlich nicht nur Vorteile, sondern auch vielfältige Probleme hinsichtlich »nationaler« – die meisten Hugenotten wurden im Krieg gegen Frankreich eingesetzt – und, wie das Beispiel der Familie La Billière zeigt, familialer Loyalitäten mit sich: Während der damalige Seigneur de la Billière 1685 in Frankreich blieb und durch Konversion den Besitz der Familiengüter sicherte, gingen zwei seiner vier Sohne nach England und kämpften später im Dienste Wilhelms III. gegen die Armee Ludwigs XIV., in der ihre in Frankreich verbliebenen Brüder dienten. Zu den übergeordneten Fragestellungen, die den Band durchziehen, gehören daher neben der Bedeutung von »professionalism and experience« auch »the transfer of loyalties and the shifting of identities«. Die spezifische Identität der réfugiés verdankte sich weniger ihrer Sonderstellung innerhalb der Armeen ihrer Gastländer – die meisten hugenottischen Einheiten gingen bald in der allgemeinen Regimentsstruktur auf – als der Zugehörigkeit zu den reformierten Exilgemeinden, die noch auf lange Zeit weitgehend separiert von der autochthonen Bevölkerung lebten. Die Wahrnehmung der hugenottischen Militärs in den Aufnahmeländern war daher oft negativ, was zumindest partiell mit einem unverhohlenen Überlegenheitsgefühl der französischen Flüchtlinge sowie mit deren Protektion seitens der Landesherrschaft erklärt werden kann, wie besonders eindrücklich das Beispiel der welfischen Residenz Celle zeigt, die durch die Heirat Herzog Georg Wilhelms mit der reformierten Französin Éléonore d’Olbreuse zu einem Sammelbecken der réfugiés wurde.
Wie hier nur angedeutet werden konnte, handelt es sich bei dem vorliegenden Band um eine höchst anregende Lektüre, die nicht nur für Militärhistoriker und Hugenottenforscher von Interesse ist, sondern auch die Diskussionen um Kulturtransfer und kulturelle Integration um einige bislang wenig beachtete Facetten bereichert. Das Buch enthält zudem ein hilfreiches Glossar und ist erfreulicherweise durch ein umfassendes Register erschlossen. Nur das Literaturverzeichnis und die Fußnoten hätten – dies gilt insbesondere für die in einigen Fällen arg entstellten deutschen Titel – sorgfältiger lektoriert werden können.
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