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S. Friedrich, Drehscheibe Regensburg (Jörg Ulbert)

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Susanne Friedrich, Drehscheibe Regensburg. Das Informations- und Kommunikationssystem des Immerwährenden Reichstags um 1700

Francia-Recensio 2010/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Susanne Friedrich, Drehscheibe Regensburg. Das Informations- und Kommunikationssystem des Immerwährenden Reichstags um 1700, Berlin (Akademie Verlag) 2006, 656 S. (Colloquia Augustana, 23), ISBN 978-3-05-004204-6, EUR 59,80.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Jörg Ulbert, Mahalon

Nach 1663 machte der Reichstag grundlegende Veränderungen durch. Zum einen gingen die in Regensburg versammelten Ständevertreter nun bis zum Ende des Alten Reichs 1806 nicht mehr auseinander. Der Reichstag wurde »immerwährend«. Zum anderen büßte der Reichstag in der Folgezeit immer mehr von seiner Bedeutung als politischer Verhandlungsort ein. Grund dafür war die zunehmende Verlagerung der politischen Beziehungen der Reichsstände untereinander auf eine bilaterale Ebene. Damit verschob sich auch die Funktion des Reichstags. Im gleichen Zuge wie er an politischem Gewicht verlor, gewann er an Bedeutung als Ort des Informationsaustauschs. Die Vertreter der Stände, die sich nun vermehrt als Gesandte auf einem verstetigten Kongress begriffen, sammelten hier Nachrichten, deren ihre Regierungen anderweitig nicht habhaft werden konnten, und verteilten jene, die sie der Öffentlichkeit zu Gehör bringen wollten. Regensburg wurde zur »Publikationsstelle« (S. 527) und zum »Kommunikations- und Informationsknotenpunkt« (S. 538) des Reichsverbands. Die Funktionsweise dieser »Drehscheibe« zu untersuchen, hat sich Susanne Friedrich zur Aufgabe gestellt.

Untersuchungszeitraum ist die Zeit vom Regensburger Stillstand 1683/84 bis zur Verlegung der Versammlung nach Augsburg 1713. In diesen Jahren waren es im Schnitt 45 Gesandte (S. 273), die die Interessen – oft gleichzeitig mehrerer – der insgesamt 171 sitzberechtigten Stände (S. 543–546) wahrnahmen. Da eine systematische Auswertung aller von diesen Vertretungen hinterlassenen Akten ob ihrer schieren Fülle wohl niemandem zuzumuten ist, kommt Friedrich nicht umhin, aus dem ihr zur Verfügung stehenden Quellenmaterial auszuwählen. Sie entscheidet sich dabei dafür, sich mit drei Reichsständen zu bescheiden: 1) einem katholischen Flächenstaat mit europäischen Ambitionen, der in Regensburg eine gut ausgestattete Gesandtschaft unterhielt (das Kurfürstentum Bayern); 2) einem lutherischen Reichsstand mittlerer Größe, dessen außenpolitischen Ambitionen nicht über die Grenzen seines Reichskreises hinausgingen und dessen Regensburger Vertretung aus Kostengründen auf das Nötigste begrenzt blieb (die Markgrafschaft Ansbach); 3) einer bikonfessionellen und wirtschaftsstarken Reichsstadt ohne eigene Außenpolitik, deren Präsenz am Reichstag im Untersuchungszeitraum zwischen eigenen Gesandtschaften, Vertretungen durch Reichskreisgesandte und dem Unterhalt einfacher Korrespondenten schwankte (Augsburg). Sieht man einmal von ihrer Südlastigkeit ab, so ist an der Begrenzung dieser Auswahl nichts auszusetzen.

Friedrich wertet nicht nur die Schriftwechsel der betreffenden Gesandten mit ihren Entsendestaaten aus, sie unterzieht auch die 2032 Drucke, die sich in den Reichstagsakten der drei besagten Stände finden (S. 210), einer eingehenden Untersuchung. Dieser ohnehin schon beeindruckende Quellenkorpus wird noch erweitert durch eine beträchtliche Zahl von geschriebenen und gedruckten Zeitungen, Zeit- und Flug- und Amtsdruckschriften, Akteneditionen, Messrelationen und Chroniken. Trotz der vorgenommenen Reduzierung des Materials, bleibt also noch immer eine ansehnliche Menge an Quellen zu bewältigen.

Die Schwierigkeit eines solchen Unterfangens, bei dem politische Strukturen beschrieben, Handlungsstrategien analysiert und Kommunikationsströme nachvollzogen werden sollen, besteht selbstredend in der Art und Weise, wie die daraus entstehende Argumentation gegliedert werden kann. Friedrich entscheidet sich dabei neben einer Einleitung und einer Zusammenfassung für eine Unterteilung in fünf große Kapitel. Im ersten werden Rahmenbedingen geschildert, die für den Umgang mit Information am Reichstag von besonderer Bedeutung waren, etwa die herrschenden Kommunikationskonventionen, die Beschaffenheit der öffentlichen Meinung und das Angebot an Informationsmedien um 1700 (S. 25–64). Der zweite Teil beschreibt den Aufbau und die Funktionsweise des Reichstags (S. 65–123). Im dritten Kapitel untersucht Friedrich die institutionell bedingte (Diktaturen, amtliche Schreiben, Abstimmungen, Berichte, Reskripte usw.) und die außerinstitutionelle Informationsweitergabe und -beschaffung der Regensburger Gesandten (S. 125–285). Die Reichstagspolitik der drei ausgewählten Reichsstände Bayern, Ansbach und Augsburg ist Inhalt des vierten Teils (S. 287–404). Das abschließende fünfte Kapitel beschäftigt sich dann noch einmal ausgiebig mit den verschiedenen in Regensburg zirkulierenden Printmedien (S. 405–535).

Quellennah, präzise und detailversessen beschreibt Friedrich das Informationssystem Reichstag. Akribisch geht sie allen noch so kleinen Facetten des Regensburger Nachrichtenaustauschs nach. So zeigt sie überzeugend, wie sich die Funktion des Reichtags um das Jahr 1700 veränderte. Die durch die Verstetigung der Gesandtschaften bedingte Veränderung des Politikverständnisses (S. 537) ging um die Jahrhundertwende mit einem Anstieg der auf dem Regensburger Medienmarkt gebotenen Nachrichtenmenge einher (S. 524, 526). Und das, obwohl der Reichstag nicht intensiver arbeitete als zuvor. Der Reichstag wurde immer mehr zur »Publikationsstelle« des Reichs (S. 527). Aber nicht nur der Umfang der zur Verfügung stehenden Informationen wurde größer, auch deren Qualität veränderte sich ab 1700. Die Grenze zwischen Information und Geheimnis wurde nun immer öfter überschritten (S. 534). Bei ihrer Argumentation stellt die Autorin stets ihre eingehende Kenntnis der Quellen und der Sekundärliteratur unter Beweis. Eine weitere Stärke des Buchs liegt in der Klarheit, mit der die Autorin Licht in das oft verwirrende Dickicht der am Reichstag herrschenden Terminologievielfalt bringt. So wird etwa die Bedeutung von »Repliken«, »Dupliken«, »Tripliken« und »Quadrupliken« erläutert oder »kaiserliche Kommissionsdekrete« von »Reichsschreiben« unterschieden (S. 134–139). Beachtlich sind auch die statistischen Anhänge zu den Preisen von Drucken (S. 547–549), zur Beschaffenheit der gesandtschaftlichen Briefwechsel (S. 550–555) und Bedeutung des Reichstags in der politischen Publizistik (S. 556–563). Hier belegt die Autorin nicht nur ihren beachtlichen Fleiß, sondern liefert der Presseforschung wichtige neue Erkenntnisse.

Doch wird der Blick auf die überzeugenden wissenschaftlichen Einzelergebnisse der Arbeit zumindest teilweise von einigen formalen Mängeln verstellt. Die Stärken des Buchs – Akribie, Präzision, Quellennähe – bedingen auch seine Schwächen. Denn der Wille, alle Winkel der Regensburger Nachrichtenflüsse auszuleuchten, führt zu einer Ausfransung der Gliederung. 7 Kapiteln sind 20 Abschnitte zweiten, 45 dritten, 24 vierten und 3 Abschnitte fünften Ranges untergeordnet. Ein durchgehender Argumentationsstrang geht dabei fast zwangsläufig verloren. Zudem ist das Buch mit 530 Seiten Text entschieden zu umfangreich. Und das, obwohl es sich hier schon um die gekürzte Druckversion einer im Wintersemester 2003/2004 in Augsburg eingereichten Dissertation handelt. Eine Begrenzung auf 300 oder 350 Seiten hätte die Autorin gezwungen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, und dem Leser wohl eine kurzweiligere Lektüre beschert. Auch hätte die Argumentation noch zusätzlich an Klarheit und Eleganz gewinnen können, wenn Friedrich den überflüssigen Gebrauch von Fremdwörtern (etwa »Distributeure« [S. 23], »Indemnisation« [S. 78], »proponieren« [S. 92, 107], »paralysieren« [S. 94], »Ambassadeurs« [S. 97], »Dignität« [165], »Ondit« [S. 250], »solenn« [S. 493, 495] oder »ephemer« [499], um nur einige zu nennen) eingedämmt hätte.

Doch sollen diese Bemerkungen nicht den irrigen Eindruck erwecken, es handele sich hier um ein wirres, noch dazu in sozialwissenschaftlichen Kauderwelsch geschriebenes Buch. Das ist nicht der Fall. Es wirft vielmehr ein neues Licht auf das faszinierende Objekt Reichstag. Dies dürfte genügen, um weiterführende Studien anzuregen.

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S. Friedrich, Drehscheibe Regensburg (Jörg Ulbert)
In: Francia-Recensio, 2010-2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
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Dokument zuletzt verändert am: 08.07.2010 10:15
Zugriff vom: 07.02.2012