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B. Ertlé-Perrier, Agrippa d'Aubigné épistolier: des lettres à l'œuvre (Anne Begenat-Neuschäfer)

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Barbara Ertlé-Perrier, Agrippa d’Aubigné épistolier: des lettres à l’œuvre

Francia-Recensio 2010/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Barbara Ertlé-Perrier, Agrippa d’Aubigné épistolier: des lettres à l’œuvre, Paris (Honoré Champion) 2008, 565 S. (Bibliothèque littéraire de la Renaissance, 75), ISBN 978-2-7453-1678-3, EUR 85,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Anne Begenat-Neuschäfer, Aachen

Die vorliegende Untersuchung, welche die an der Université Marc Bloch in Straßburg und an der Rijskuniversiteit in Groningen vorgelegte thèse der Autorin zur Grundlage hat, bietet die erste umfassende Gesamtdeutung der Korrespondenz von Agrippa d’Aubigné (1552–1630). Als Referenzedition benutzt B. Ertlé-Perrier das Briefkonvolut des Manuskriptes Tronchin 152, das erstmals 1873 von E. Réaume und F. de Caussade in den »Œuvres complètes« herausgegeben wurde und dort in acht Bücher gegliedert ist. Von diesen hat die Autorin die ersten sechs berücksichtigt. Die beiden übrigen enthalten Briefe auch unsicherer Zuschreibung (»lettres de sources diverses«), die nicht aus dem Manuskript Tronchin stammen. Für das Buch der »lettres diverses« hingegen hat B. Ertlé-Perrier die Ausgabe der »Œuvres d’Agrippa d’Aubigné« (Gallimard, Paris 1969) in der »Bibliothèque de la Pléiade« von H. Weber mit den Anmerkungen von H. Weber, J. Bailbé und M. Soulié herangezogen. In ihrer sorgfältig gegliederten Einführung geht die Autorin auf den gegenwärtigen Stand der Briefforschung in der Renaissance ein, welche bisher die Briefe d’Aubignés keiner eigenen ausführlichen Betrachtung gewürdigt hat. Kritische Einzelstudien sind verstärkt erst seit 2000 zu verzeichnen. Im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit der Textsorte der lettre familière verweist sie auf die grundlegende Untersuchung von Luc Vaillancourt, »La lettre familière au XVIe siècle. Rhétorique humaniste de l’épistolaire« (Champion, Paris 2003). In einem zweiten Argumentationsschritt erläutert B. Ertlé-Perrier die Bedeutung der Korrespondenz d’Aubignés. Sie erkennt die Ordnung der Briefe nach Schwerpunkten und ihre Einteilung in Bücher als Anlage eines literarischen Werkes, das durch den Tod des Verfassers unterbrochen wurde und damit unvollendet geblieben ist. 1616, zeitgleich zur (anonymen) Erstveröffentlichung von »Les Tragiques«, hatte d’Aubigné seine Absicht kundgetan, seine persönliche Korrespondenz zu veröffentlichen. Die Unabgeschlossenheit verleiht dem mehrbändigen Werk Prozesscharakter, so dass B. Ertlé-Perrier im Sinne Umberto Ecos die Korrespondenz als »Werk im Werden« bestimmt, dessen Lektüre nach unterschiedlichen, einander ergänzenden Leitlinien möglich ist, welche sich in der Zusammenschau erschließen. Diese geben den Blick frei auf die komplexe und durch ihre fragmentarische Darstellung aus der Perspektive des Lesers immer wieder neu zu konstituierende Persönlichkeit des Verfassers, die sich in ihren sozialen, gesellschaftlichen und ideologischen Beziehungen wie auch im Umgang mit den Angehörigen und im Alltag zeigt und damit ein Porträt des Verfassers gleichsam aus sich selbst heraus erschafft, welches in der Lektüre zu ergänzen und zu aktualisieren ist. Sicherlich entspringt diesem formalen Aspekt der unabgeschlossenen Konzeption des letzten literarischen Werkes ein wesentlicher Reiz der gegenwärtigen Rezeption der Korrespondenz. Der zweite entscheidende Aspekt der Modernität dieser lettres familières liegt in der öffentlichen Preisgabe persönlicher Äußerungen und Verflechtungen an den Leser und an die Nachwelt, in der Verwandlung des Persönlichen ins Öffentliche. Zu Recht unterstreicht daher B. Ertlé-Perrier den für seine Zeit ungewöhnlichen Entschluss d’Aubignés, seine persönliche Korrespondenz literarisch zu überarbeiten und zu veröffentlichen. Auch aus den für den Druck bearbeiteten Briefen erschließt sich das individuelle und persönliche Porträt des hugenottischen Streiters und Kampfgefährten Heinrichs IV., welches durch die Publikation eine allgemeingültigere Bedeutung gewinnt und sich so in ein menschliches exemplum seiner Zeit wandelt: »Mais l’ouverture ultime reste celle vers la postérité et les lecteurs contribueront à leur tour à la construction de la galerie de portraits d’Agrippa d’Aubigné pour faire de l’homme un exemplum, pour témoigner d’un destin particulier et de la modernité d’une œuvre toujours en construction« (S. 18). Im dritten Unterkapitel der Einführung »Publier un écrit privé: une (r)évolution culturelle« stellt die Autorin die Veröffentlichung der in Französisch verfassten Briefe in den Kontext der Zeitgenossen. Briefe der Angehörigen des Königshauses, beispielsweise Heinrichs IV., Marguerite de Valois oder auch Marguerite de Navarres wurden erst im 19. Jahrhundert ediert. Hingegen erschien 1539 als erste Briefsammlung in französischer Sprache »Épistres familières et invectives de Madame Helisenne«, während die Briefe Étienne Pasquiers oder auch Philippe Duplessis-Mornays zu Beginn des 17. Jahrhunderts verlegt wurden. Vielleicht hat d’Aubigné sich Duplessis-Mornay zum Vorbild genommen, um als Protestant Zeugnis über seine Zeit an die Nachkommen zu überliefern. Im Gegensatz zu modernen soziologischen Definitionen dachte d’Aubigné nicht in den getrennten Kategorien von öffentlich und persönlich. Für ihn war das eigene Eintreten für die protestantische Sache nicht von den Auswirkungen auf den Protestantismus zu trennen. Sicherlich konnte die Veröffentlichung eines an einen persönlichen Adressaten gerichteten und gesiegelten Schreibens auch zu Beginn des 16. Jahrhunderts einen Vertrauensbruch bedeuten, der auf gesellschaftliche Ablehnung stieß: »D’un point de vue traditionnel et amical, la publication de la lettre privée reste choquante et l’on rencontre des oppositions à cette pratique au début du XVIe siècle« (S. 21). B. Ertlé-Perrier deutet die Veröffentlichung der eigenen persönlichen Briefe nun nicht als Eingriff in die Privatsphäre des Adressaten, sondern als Teil des Weges zu sich selbst, den der Briefeschreiber d’Aubigné zurückgelegt hat, durch den er zu der Persönlichkeit geworden ist, die zum Zeitpunkt der Vorbereitung der Briefsammlung für den Druck die Bilanz des eigenen Lebens zieht: »Petit à petit, l’objectif devient de se montrer tel que l’on est vraiment. La publication d’écrits personnels s’avère un moyen tout à fait efficace dans ce but. L’homme de qualité est, de plus, capable d’investir son être dans les affaires publiques et de devenir exemplaire« (S. 22). Dieser beispielhafte Weg soll die Leser als Anhänger der »Cause réformée« gewinnen. Die Korrespondenz als literarische Zeugnis-, Streit- und Missionsschrift enthält einen Auftrag für die nachkommenden Leser. Sie bewahrt nicht nur das Gewesene, sondern richtet ihren Appell zugleich an die Zukunft.

Im fünften und letzten Teil der Einführung erläutert B. Ertlé-Perrier den Aufbau ihrer Untersuchung, die in zwei große Teile gegliedert ist. Beginnend mit dem Nachweis, dass es sich bei der Briefsammlung um ein literarisches Werk handelt, beschäftigt sich der erste Hauptteil mit dem Werkbegriff bei d’Aubigné. Er trägt den Titel. »De la collection de lettres à l’œuvre épistolaire«. Dieser Teil befasst sich mit der Genese aus dem Kontext der »Tragiques« und den frühen wie modernen Ausgaben der Korrespondenz. Die ausführliche Beschreibung der Manuskripte bietet dem interessierten Leser wichtige Hinweise. Das zweite Kapitel dieses Teils verortet die Briefe d’Aubignés in der literarischen Tradition des Genus und legt in einem letzten Kapitel Mikro- und Makrostrukturen frei. Im zweiten Hauptteil »Des lettres à l’œuvre pour la postérité« geht es um den Briefautor d’Aubigné und um seine Selbstporträts, die der Nachwelt übermittelt werden sollen. Von einem Kapitel zum anderen entfaltet sich das Bild des Autors als Kriegsmann, als Theologe, als Mann der Wissenschaft und als Geschichtsschreiber zu einer Porträtgalerie, die eine Zusammenschau der Persönlichkeit ermöglicht. Eine sehr ausführliche Bibliographie, ein reich bestückter Anhang sowie ein Namens- und Werkregister d’Aubignés runden die Darstellung ab. Auch ein »Summary« auf Englisch fehlt nicht. Insgesamt eine gelungene und spannend zu lesende Einführung in das Werk d’Aubignés und seine Zeit.

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B. Ertlé-Perrier, Agrippa d'Aubigné épistolier: des lettres à l'œuvre (Anne Begenat-Neuschäfer)
In: Francia-Recensio, 2010-2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
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Dokument zuletzt verändert am: Jul 01, 2010 05:33 PM
Zugriff vom: May 25, 2012