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J. Durrant, Witchcraft, Gender and Society in Early Modern Germany (Martin Scheutz)

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Jonathan B. Durrant, Witchcraft, Gender and Society in Early Modern Germany

Francia-Recensio 2010/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Jonathan B. Durrant, Witchcraft, Gender and Society in Early Modern Germany, Leiden (Brill) 2008, 320 S. (Studies in Medieval and Reformation Traditions: History, Culture, Religion, Ideas, 124), ISBN 978-90-04-16093-4, EUR 99,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Martin Scheutz, Wien

Die in ihrer Verfolgungsdimension (ca. 240 Hinrichtungen bei 271 Prozessen) deutlich gegenüber der herrschenden Forschungsmeinung nach unten korrigierte Hexenverfolgung des noch wenig diesbezüglich bearbeiteten Fürstbistums Eichstätt – Verfolgungszeit 1590–1631 – bildet den Gegenstand der 2002 verteidigten Londoner Dissertation. Besonders auffällig ist die hohe Anzahl von männlichen, sozial hochrangigen Hexereiverdächtigen, die aber trotz massiver Bezichtigungen nicht verfolgt wurden. In kritischer Diskussion der Agrarkrisen-Hexereiverfolgungs-These von Pfister/Behringer kann der Autor keinen signifikanten Zusammenhang von Agrarkrise und Eichstätter Verfolgung ausmachen, Geständnisse von Wetterzauber sind zudem im Eichstätter Material rar. Auch das Walzsche, funktionalistische Modell von lokalen Konflikten, die ihren Austrag in Hexenprozessen erlebten, erfährt für Eichstätt deutliche Kritik; auch der Ausbruch der Pest mündet in keine größeren Hexenverfolgungen. Stärker angetrieben wurde die Ausrottung der »Hexensekte« vor allem von projesuitischen und bayernfreundlichen Gruppierungen im Eichstätter Kapitel (deutlich für die Verfolgung 1617), der Autor stellt seine Studie damit stärker in den Kontext der Konfessionalisierungsthese. »[I]t seems that Protestantisms, witchcraft, sin, superstition and irregular lifestyles were regarded as overlapping and complementary threats which needed to be rooted out together« (40f). Erst personelle Veränderungen im Eichstätter Kapitel und eine entstehende Opposition gegen die Jesuiten brachte die Verfolgung 1630 zum Erliegen.

Das Missverhältnis zwischen männlichen und weiblichen Hexereiverdächtigen sowie die Dominanz von weiblichen, gesellschaftlich meist hoch integrierten Angeklagten beschäftigen den Autor eingehender. Viele der wegen Hexerei angeklagten Personen wurden aufgrund ihres Geschlechts ausgesucht. Die misogynen Gerichtsbehörden scheinen Aussagen gegenüber männlichen Hexereiverdächtigen bewusst, vermutlich auch aufgrund von persönlichen Beziehungen zu den genannten Männern, abgeblockt zu haben. Als Fazit bleibt, »we [...] also have a confused and contested set of explanations why women were more likely to be accused of witchcraft« (XXIII). Unter Folter versuchten die angeklagten Frauen nicht entfernt bekannte Personen zu nennen, sondern sie führten Frauen an, mit denen sie gut bekannt waren, was ihre Aussagen wiederum auch für die Ankläger, denen das soziale Biotop der Angeklagten meist bekannt war, plausibel machte. Die Frauen konstruierten nach dem ersten grundsätzlichen Geständnis der Hexerei eine auch für die Gerichtsbehörden nachvollziehbare Geschichte, die man – anders als dies viele HistorikerInnen bislang taten – nicht als Konfliktgeschichte interpretieren sollte. Die Angeklagten wollten nach dem Hexereigeständnis rasch zu einem Ende ihres Geständnisses kommen und nannten Frauen aus ihrer Nachbarschaft bzw. »gute Nachbarn«, die man auf Hochzeiten oder etwa Festen getroffen hatten, als weitere Verdächtige. Marginalisierte Frauen (ca. 220 Frauen versus ca. 32 Männer) traten in den Prozessen kaum auf, was eine Grundannahme der Hexenforschung damit in Frage stellt. »What one does not get from the transcripts [...] is an impression of a society in conflict, a society in which some women became marginalized as a result of social change and consequently became vulnerable to accusation of witchcraft« (252f.). Die Hexenprozesse verstärkten die vorhandenen gegensätzlichen Geschlechterrollen zwar, aber sie fanden im Umfeld einer überraschend sozial kohärenten Gesellschaft statt. Der Autor vermutet, quellenmäßig schwer zu belegen, dass die Eichstätter Hexenverfolgungen – anders als dies die Hexenforschung oft vermuten lässt – nicht in einer konfliktträchtigen Gesellschaftsstruktur bzw. in Konflikten fußten, eher lässt sich ein kohärentes Gesellschaftsklima nachweisen, wie der Autor an einem close reading der in der Lebenspraxis der Angeklagten wurzelnden Geständnisse (analysiert hinsichtlich Sexualität, Gesundheitswesen, Hebammen, Festkultur) deutlich zu machen versucht. Sexuelle Geständnisinhalte dienen dem Autor einerseits zur Charakterisierung einer dynamischen »gendered society«, andererseits zur Verdeutlichung des engen Verwandtschafts-, Freundschafts- und Beziehungsnetzes.

Die Stärke der Arbeit liegt neben der eingehenden und kritisch auf das eigene Material angewendeten Diskussion gängiger Erklärungsmuster zur Hexenverfolgung (Macfarlane, Pfister/Behringer, Walz) in der Verdeutlichung der vielschichtigen Kontakte der Angeklagten untereinander und des Nachweises einer »stabilen« Gesellschaft, die das Vehikel der Hexenprozesse nicht zur Marginalisierung nutzte. Eine eindeutige und monochrome Aussage zu Hintergründen und Ursachen der Eichstätter Hexenverfolgung versagt sich der Autor, was schließlich auch den Leser etwas ratlos über den eigentlichen Antrieb der Eichstätter Hexenverfolgung in einer, so der Autor, wenig konfliktbereiten Bevölkerung zurücklässt. Der gesellschaftliche Hintergrund der Hexenverfolgung ist mir dabei nicht ganz klar geworden, die gegenreformatorische Verfolger waren insgesamt doch auch recht ambivalent in ihrem Agieren. Der im Titel statuierte Zusammenhang von Gender, Gesellschaft und Hexenverfolgung wird damit in weiterer Folge nicht ganz klar. Der Titel der vorliegenden Arbeit, vermutlich Verlagsinteressen geschuldet, impliziert zudem ein größeres Untersuchungsfeld, als letztlich von dieser verdienstvollen Arbeit eingelöst werden kann.

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J. Durrant, Witchcraft, Gender and Society in Early Modern Germany (Martin Scheutz)
In: Francia-Recensio, 2010-2, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2010-2/FN/durrant_scheutz
Dokument zuletzt verändert am: 08.07.2010 10:09
Zugriff vom: 07.02.2012