S. Bertière, Mazarin (Klaus Malettke)
Simone Bertière, Mazarin. Le maître du jeu,
Paris (Éditions de Fallois) 2007, 697 S., zahlr. Abb., ISBN
978-2-87706-635-8, EUR 24,00
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Klaus Malettke, Marburg
Nach den Mazarin-Biographien von Georges Dethan (Mazarin, un homme de paix à l’âge baroque, 1981), Pierre Goubert (Mazarin, 1990), Claude Dulong (Mazarin, 1999) und nach den profunden Studien von Madeleine Laurain-Portemer (Études mazarines, Bd. I, 1981, Bd. II, 1997) hat Simone Bertière im Jahre 2007 eine neue Biographie über den Kardinal und ministre principal vorgelegt. Man kann sich natürlich fragen, ob man nach den zahlreich erschienenen einschlägigen Publikationen noch wesentlich Neues über Leben und Werk dieses herausragenden Staatsmannes zu Tage fördern kann, der fast zwanzig Jahre lang nicht nur die Geschicke Frankreichs, sondern auch die Geschichte Europas in vielfältiger Weise geprägt hat. Um die Antwort auf diese Frage gleich vorwegzunehmen: Der Kenner der französischen Geschichte des 17. Jahrhunderts erfährt bei der Lektüre dieses Buches nicht fundamental Neues, aber er entdeckt bemerkenswerte, bisher weniger beleuchtete Facetten des Werdegangs und des Aufstiegs Mazarins von seiner Geburt bis zu seiner Berufung in die Position eines »Premierministers« unter Ludwig XIII. und Ludwig XIV sowie über sein innen- und außenpolitisches Agieren von 1642 bis 1661. Simone Bertière bietet eine äußerst einfühlsame und die vielfältigen »Weichenstellungen« im Leben Mazarins sehr nuancierend beurteilende Darstellung, die außerdem bemerkenswert anregend geschrieben ist. Die Biographie basiert nicht allein auf der Auswertung der einschlägigen publizierten Quellen, der vorliegenden Fachliteratur, sondern auch auf eigenen Recherchen, die die Verfasserin in den Archives du ministère des Affaires étrangères (Paris) und in Archivo Segreto Vaticano (Rom) sowie in den Manuskriptenabteilungen der Bibliothèque Mazarine (Paris), der Bibliothèque nationale de France (Paris) und der Bibliotheka Apostolica Vaticana (Rom) durchgeführt hat. Der Leser dieses Buches kann sehr gut nachvollziehen, dass Mazarin entgegen der von seinen zahlreichen zeitgenössischen Gegnern und von manchen späteren Historikern propagierten Legende nicht obskurer, gar niederer Herkunft war. Die Mutter des am 14. Juli 1602 in Pescina, in den Abruzzen, geborenen Giulio Mazarini, entstammte einer niederen, aber achtbaren Adelsfamilie aus Citta di Castello in Umbrien. Der Vater Pietro Mazarini, sizilianischer Herkunft, war keineswegs – wie früher oft behauptet – ein grober, mittelloser Lastenträger, sondern Eigentümer eines Gutes, das sich in der Nachbarschaft der großen sizilianischen Domänen des berühmten römischen Adelsgeschlechts der Colonna befand. Völlig zu Recht konstatiert Simone Bertière: »Famille sans éclat, donc, mais honorable« (S. 25). Sehr kenntnisreich und mit sicherem Gespür für die entscheidenden Weichenstellungen und Wendepunkte in der Kindheit arbeitet die Verfasserin heraus, wie bedeutsam die Förderung war, die der junge Giulio durch die Colonna erfuhr. Dank der Protektion durch den berühmten Patron seines Vaters, den Konnetabel Philippo Colonna, dank des Engagements seiner adligen Mutter und der Förderung durch seinen Onkel, einen Jesuiten, hat Giulio eine in jeder Hinsicht sehr gute intellektuelle, religiöse, physische und moralische Erziehung erhalten. Im Jahre 1628 erwarb er die Doktorate im Zivilrecht und im kanonischen Recht der spanischen Universität Alcalá de Henares, unweit von Madrid. Nach seiner Rückkehr nach Rom hatte der Mittzwanziger Giulio die Wahl zwischen einer Karriere als Kleriker – unter Inkaufnahme aller dafür erforderlichen Weihen und der daraus resultierenden Pflichten –, als Militär, als Administrator, als Diplomat oder als Politiker. Er umging die erstere, streifte die zweite, um sich mit großem Engagement und Erfolg den anderen beruflichen Perspektiven zuzuwenden. Als Prälat im Dienste der päpstlichen Diplomatie, die durch die Ereignisse im Veltlin sowie durch die Nachfolgeprobleme in den Herzogtümern Mantua und Montferrat, in die Kaiser Ferdinand II., die Spanier und Frankreich involviert waren, in vielfältiger Weise gefordert war, machte der neue Monsignore eine gute Figur. Die aus diesen Gegebenheiten resultierende höchst komplizierte politische Lage bot Giulio die Chance, seinen Scharfsinn und seine außerordentlichen Fähigkeiten als Diplomat ins Spiel zu bringen. Dabei machte er die Bekanntschaft zahlreicher der damals renommierten spanischen und französischen Militärs und lernte eine Reihe der beteiligten politischen Akteure kennen. Von entscheidender Bedeutung war aber, dass er Richelieu und Ludwig XIII. begegnete. All die damit hier nur angedeuteten Stationen im Aufstieg Mazarins schildert Simone Bertière meisterhaft mit Blick für das Wesentliche. Es geht ihr bei ihrer Analyse der verschiedenen Vorgänge und Ereignisse stets darum, die dabei jeweils gegebenen Rahmenbedingungen und die jeweiligen Entscheidungsprozesse herauszuarbeiten, die sich bei Mazarin und bei den für seinen weiteren Aufstieg in die höchste politische Position zentralen Persönlichkeiten abspielten. Natürlich widmet die Verfasserin dem vielfältigen Agieren Mazarins auf den Feldern der Innen- und Außenpolitik von 1642 bis zu seinem Tode im Jahre 1661 breiten Raum. Sie arbeitet in überzeugender Weise heraus, worin sich das politische Agieren des Kardinals von jenem seines Vorgängers in der Funktion des Prinzipalministers unterschied und wo die Gründe für diese Unterschiede zu suchen sind. Ebenso kenntnisreich und stets um ein nuancierendes Urteil bemüht, schildert Simone Bertière das Verhältnis Mazarins zu Anne d’Autriche und die Art der Beziehungen, die die Königin-Regentin zu ihrem Prinzipalminister pflegte. Gleiches gilt für die Analyse der Frage, welche Rolle Mazarin bei der Erziehung seines Patenkindes, Ludwigs XIV., sowie bei dessen Vorbereitung auf seine spätere eigenständige Tätigkeit als König von Frankreich gespielt hat. Breiten Raum nimmt im vorliegenden Buch verständlicher Weise Mazarins politisches Agieren während der Fronde (1648–1653), jener ernsten innenpolitischen Krise der absoluten Monarchie, ein und natürlich dessen außenpolitisches Wirken gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges, sein Handeln im Kontext mit den westfälischen Friedensverhandlungen sowie im Zusammenhang mit dem fortdauernden Konflikt mit Spanien bis 1659. Bei der Lektüre dieser Passagen hat man aber gelegentlich den Eindruck, dass Simone Bertière diese vielfältigen politischen Aktivitäten und Entscheidungen des Kardinals etwas zu stark von ihren Ergebnissen her beurteilt und dabei nicht immer hinreichend berücksichtigt, dass die jeweiligen politischen Situationen auch durch ihre Offenheit gekennzeichnet waren. Die Verfasserin hat indessen durchaus recht, wenn sie betont, dass Mazarins innen- und außenpolitisches Handeln in sehr starkem Maße von Pragmatismus geprägt war und dass er sich immer bewusst war, dass seine hohe Stellung in der Monarchie in letzter Konsequenz gefährdet und vom Wohlwollen der Königin-Regentin und später von Ludwig XIV. abhängig war und blieb. Als zentrales Anliegen ihres Werkes nennt die Verfasserin im Vorwort »deux objectifs, qui en réalité n’en font qu’un: éclairer la personnalité et expliquer le malentendu dont il est la victime« (S. 13). Dieses ist ihr in überzeugender Weise gelungen, auch wenn man gelegentlich den Eindruck hat, dass sie sich von ihrem »Helden« zu sehr hat beeindruckenden lassen. Völlig zu Recht betont sie, dass Mazarin ein lange Zeit in seiner wahren Bedeutung verkannter Staatsmann gewesen ist. Die Frage nach den Schattenseiten, den Misserfolgen und nach deren Gründen kommt in ihrem Buch jedoch manchmal etwas zu kurz. Kann man im wertenden Rückblick tatsächlich von seiner »victoire totale« (S. 9) sprechen? Etwas sehr pauschal – wenn nicht unpräzise – wirken die Ausführungen Bertières über das Reich und dessen politische, konfessionelle, verfassungsrechtliche und militärische Gegebenheiten zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges (vgl. S. 44–47, 56, 285, 518, 520). Gelegentlich ist man darüber irritiert, dass die Verfasserin sich etwas zu kühner Vergleiche mit den Verhältnissen unserer Gegenwart bedient (z. B. S. 99) oder Formulierungen wie »visées impérialistes« (S. 150) bzw. wie »une sorte d’équivalent des réserves actuelles de la Banque de France ou de Fort Knox« (S. 462) verwendet. Aber diese geringfügigen Ausstellungen vermögen den insgesamt sehr positiven Eindruck, den die Lektüre dieser Mazarin-Biographie beim Rezensenten hinterlassen hat, nicht zu beeinträchtigen. Das vorliegende Buch verfügt über eindrucksvolle Illustrationen, über Karten, über eine Zeittafel mit den wichtigsten Ereignissen, über ein Namenregister sowie über eine sehr knapp gehaltene Bibliographie, in der man die einschlägigen englischen, amerikanischen und deutschen Publikationen leider vermisst.
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