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V. Gruder, The Notables and the Nation (Bernd Klesmann)

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Vivian R. Gruder, The Notables and the Nation. The Political Schooling of the French, 1787–1788

Francia-Recensio 2010/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Vivian R. Gruder, The Notables and the Nation. The Political Schooling of the French, 1787–1788, Cambridge (Harvard University Press) 2007, XII–495 S., 11 Abb. (Harvard Historical Studies, 157), ISBN 978-0-674-02534-9, EUR 44,50.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Bernd Klesmann, Paris

Die Versammlung der französischen Notabeln 1787 bildet seit den ersten zeitgenössischen Stellungnahmen zur Revolutionsgeschichte (Fantin Desodoards, L.-M. Prudhomme) einen der Ausgangspunkte der historischen Analyse, wobei die neuere Wiederbelebung der entsprechenden Periodisierung auch umfassendere Darstellungen inspiriert hat (Peter M. Jones, The French Revolution, 1787–1804, London 2003; Michel Biard, Pascal Dupuy, La Révolution française: dynamiques, influences, débats, 1787–1804, Paris 2004). In kritischer Fortsetzung u. a. der Forschungen von Jean Egret, William Doyle, John Hardman, Joël Félix und Peter Campbell geht es um eine präzisere Bestimmung sozialer und kultureller Voraussetzungen der Anfangsphase der Französischen Revolution. Vivian Gruder, emeritierte Professorin der City University of New York, hat diesen Fragen seit Jahren immer wieder innovative und gehaltvolle Studien gewidmet, die nun, überarbeitet und um verschiedene Beiträge in Form zusätzlicher Kapitel ergänzt, als Monographie vorliegen.

Verfassungs- und sozialgeschichtliche Fragestellungen bestimmen den ersten Teil des Werks (S. 9–88), der von der Einberufung der ersten Notabelnversammlung Ende 1786 bis zu den Debatten um die Wahlen der Abgeordneten für die anstehende Versammlung der Generalstände in der zweiten Zusammenkunft der Notabeln im Spätherbst 1788 eine Art chronologischen Bogen schlägt, dabei jedoch nicht streng den politischen Abläufen folgt, sondern immer auf eine historische Strukturanalyse abhebt. Die Vertrautheit der Autorin mit den politischen Problemfeldern des späten 18. Jahrhunderts findet ihren Ausdruck in einer durchweg flüssigen Darstellung, der es scheinbar mühelos gelingt, verschiedenste Fragestellungen argumentativ und erzählerisch zusammenzuführen.

Der mediengeschichtliche Aspekt, Gegenstand des folgenden Hauptteils (S. 89–250), bildet dabei den roten Faden und zugleich eine der faszinierendsten und vielseitigsten Komponenten des Buches, wenn auch die programmatische Stilisierung zur lückenlosen Gesamtschau gerade auf diesem Gebiet etwas befremden mag (Einleitung, S. 5). Die Analyse wertet eine stupende Fülle unterschiedlicher Text- und Bildmaterialien aus, die einen einmaligen Einblick in die gesellschaftlichen Debatten der »prérévolution« (Égret) erlauben. Insbesondere das breite Spektrum der Presse- und Pamphletliteratur wird anschaulich präsentiert und systematisch auf politische Wertaussagen befragt. Fazit dieses Teils: die politischen Entwicklungen 1787/88 wurden trotz umsichtiger Publikationsrestriktionen auf unterschiedlichen Wegen von einem Großteil der Bevölkerung mit Interesse verfolgt und trugen gewissermaßen – eine Sichtweise, die auch im Titel anklingt – zur Politisierung der Massen bei (S. 250).

Der Schlussteil ist den »Grass Roots« der sozialen Dynamik gewidmet und erkundet die gesellschaftliche Verankerung politischer Denkmuster und Diskurse jenseits des bekannten Wirkungsbereichs prominenter Akteure (vgl. die zugrundeliegende Definition von »political culture«, S. 255). Dialektgebrauch, Alphabetisierungsgrad, Vermittlung lokaler Amtsträger werden zu Parametern einer sozialgeschichtlichen Einbettung der politischen Vorgänge in die konkreten Kommunikationszusammenhänge der Landbevölkerung.

Zwei Anhänge (zur Chronologie und zur regionalen Differenzierung der publizistischen Berichterstattung im Untersuchungszeitraum, S. 373–381), neun Reproduktionen zeitgenössischer Stiche sowie ein solider Index komplettieren das Werk; ein die Anmerkungen bündelndes Literaturverzeichnis fehlt hingegen. Neben wiederholten, mitunter kritischen Rekursen auf Tocqueville hätte vielleicht auch die Einbeziehung einiger älterer Spezialuntersuchungen deutscher Historiker (Ranke, A. Wahl, H. Glagau) die Argumentation wenigstens stellenweise bereichern können.

Man mag ebenfalls bedauern, dass die sehr lesenswerten Exkurse zu Persönlichkeit und sozialem Hintergrund einiger Protagonisten wie des Erzbischofs von Aix-en-Provence, Boisgelin de Cucé (S. 19–22), des premier président des Parlaments von Nancy, Coeurderoy (S. 22–25) oder des procureur général des Parlaments von Paris und älteren Bruders des zeitweiligen Finanzministers Joly de Fleury (S. 25–27), nicht wenigstens fallweise auf weitere Akteure ausgedehnt wurden, zumal zu einigen auch jüngere Biographien vorliegen (zu Godart de Belbeuf von Olivier Chaline, zum Comte de Thiard von Bernard Alis), die eine Kontextualisierung durchaus ermöglichen würden. Besonders wünschenswert wären etwa Hinweise auf einige Wortführer der »liberalen« Gruppierungen des Hochadels gewesen, etwa den Duc Du Châtelet (1727–1793, Sohn der Émilie Du Châtelet) oder den Duc de La Rochefoucauld (1743–1792), deren Wirken gerade durch die Kontinuität bis in die Verfassungskrise von 1788/89 hinein und ihr späteres Auftreten in der Constituante zweifellos von Bedeutung war. So bleibt die differenzierte Darstellung der Formierung einer effektiven Opposition gegen die Reformprojekte des Königtums teilweise hinter den in der Einleitung aktualisierten Ansprüchen (S. 1–8) zurück. Weniger überzeugende Interpretamente wie die Würdigung eines angeblich stimmigen Einvernehmens der oppositionellen Teilnehmer der Versammlung von 1787 (S. 33) oder die pauschale Zuweisung des linguistischen Modells eines alternativlosen »binary reasoning« bzw. »binary thinking« als geistiger Horizont der Notabeln insgesamt (S. 67) hätten so an Kontur gewinnen können. Es wird andererseits zu verstehen sein, dass die Fragestellung angesichts der Masse des Stoffs und des großen Reichtums der berücksichtigten Quellen nicht in allen Aspekten vertieft werden konnte. Allen Lesern, die sich für den Weg der französischen Gesellschaft in die Revolution interessieren, steht mit diesem Buch in jedem Fall eine äußerst facettenreiche, hervorragend dokumentierte und vielfach zum Weiterdenken anregende Darstellung zur Verfügung.

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In: Francia-Recensio, 2010-1, Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)
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Dokument zuletzt verändert am: May 10, 2010 05:25 PM
Zugriff vom: May 24, 2012