O. Courcelle, U. Kölving, Émilie du Châtelet (Ruth Hagengruber)
Ulla Kölving, Olivier
Courcelle (dir.), Émilie Du Châtelet. Éclairages & documents
nouveaux, Ferney-Voltaire (Centre international d’étude du XVIIIe
siècle) 2008, 410 S. (Publications du Centre international d’étude
sur le XVIIIe
siècle, 21), ISBN 978-2-84559-054-0, EUR 120,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Ruth Hagengruber, Paderborn
2006 jährte sich der Geburtstag der Philosophin, Physikerin und Mathematikerin Émilie Du Châtelet zum dreihundertsten Mal. Die 28 Beiträge des vorliegenden Bandes dokumentieren die Vorträge, die im Rahmen einer Festveranstaltung zu Du Châtelet’s Geburtstag an der Nationalbibliothek zu Paris vorgetragen wurden. Die Beiträge bilden das Kolloquium allerdings nicht vollständig ab. Die verdienstvolle Publikation von Kölving/Courcelle zeigt bereits im Titel, worauf das Hauptaugenmerk dieser Publikation liegt, die Sichtung und (Neu-)Bewertung von Dokumenten wurde von vielen der Beiträger mit Akribie erfüllt. Wissenschaftsgeschichtliche und historiographische »Erhellungen« finden sich in beachtlicher Anzahl. Besonders hervorzuheben sind hierbei die Beiträge, die sich mit der Herausgabe der Übersetzung und Kommentierung von Émilie Du Châtelets »Principes mathématiques« beschäftigen. Meine Anmerkungen beginnen damit.
Bislang ist die Anzahl der Publikationen zu Émilie Du Châtelet’s Übersetzung und Kommentierung der »Prinzipien« Newtons noch überschaubar. Der Grund hier für liegt sicherlich nicht nur in der Schwierigkeit der Materie per se, sondern vor allem auch in der schwierigen Editionsgeschichte. Die »Principes mathématiques de la philosophie naturelle« wurden erst zehn Jahre nach ihrem Tod publiziert, die Umstände und Ursachen dafür liegen weitgehend im Dunkel. Die noch weit schwierigere Frage, ob und wie Émilie Du Châtelet in ihrer Übersetzung und Kommentierung in das Original eingegriffen hatte, stand bislang mehr am Horizont der Forschung als sie ihr Gegenstand sein konnte. Mit einigen herausragenden Beiträgen zu diesem Thema ändert sich diese Situation erheblich.
Dass Émilie du Châtelet »nicht nur« eine Übersetzung von Newton’s »Principia« erstellte, ließ sich aus den Schriften, die bereits gut erforscht sind, vermuten. Émilie Du Châtelet sucht das philosophische Grundlagenproblem durch die Verbindung leibniz’scher und newton’scher Gedanken zu lösen. In ihrem kurzen aber höchst lesenswerten Artikel »Mme Du Châtelet traductrice« (S. 167–172) vergleicht Linda Gardiner die gedruckte Fassung der Newton-Übersetzung und das Manuskript und stellt erhebliche Abweichungen fest. Bei dem Manuskript handelt es sich um jene Unterlagen, die Émilie Du Châtelet kurz vor ihrem Tod im September 1749 an den Bibliothekar Abbé Sallier gesandt hatte. Gardiner zeigt, dass Émilie Du Châtelet auch ihre Newton-Übersetzung im Horizont ihrer von Leibniz inspirierten Metaphysik verfasst hat. Allerdings seien diese »modifications leibniziennes« in der Druckausgabe von 1759 verschwunden (S. 172). Die Suche nach einer Antwort auf die Frage, was zwischen der Erstellung der Manuskripte und dem Druck der »Principes« von 1759 geschehen ist, wird zum leitenden Motiv mehrerer Beiträge. So erfährt man von Michel Toulemonde aus seinem »Commentaire des Principes de la philosophie naturelle« ( S.309–315), dass der erste Teil von Du Châtelets Kommentar, der unter dem Titel »Exposition abrégée du système du monde« gedruckt ist, nicht unter den Manuskripten vorhanden ist, die in der Nationalbibliothek verwahrt werden (S. 312). Olivier Courcelle nimmt in seinem Beitrag »La publication tardive des Principes mathématiques« (S. 301–308) das Engagement des mathematischen Wunderkindes Alexis-Claude Clairaut unter die Lupe. Bei Clairaut, der seit 1734 im Umfeld der Marquise aufzufinden ist und schon für die Korrekturlektüre der »Institutions de physique« zur Verfügung stand, liegt nach der Überzeugung von Courcelle auch die Ursache der Verzögerung der Publikation der » Principes «. Anders sei nicht zu erklären, weshalb die Übersetzung Du Châtelets, die Clairaut bereits zwischen 1745 und 1747 redigiert hatte und die auch schon gedruckt vorlag, sich so sehr verzögerte. Courcelle bestätigt ferner, dass bereits zum Zeitpunkt von Émilie Du Châtelets frühem Tod nicht nur die Übersetzung, sondern auch der erste Teil des Kommentars gedruckt, der zweite Teil immerhin redigiert vorgelegen habe. Zwar fehle in dieser Fassung die »Théorie des mondes«, ein Umstand, den Courcelle auf die Tatsache zurückführt, dass Clairaut sich seit Ende 1747 mit dem Problem der Erklärung der Mondbewegung aus der newton‘schen Theorie beschäftige. Bis Ende der fünfziger Jahre forschte Clairaut am Dreikörperproblem und an der Mond- und Kometenbewegung. Diese Teile wurden aber auch später nicht in die Edition integriert. So läge es doch nahe, zu denken, Clairaut habe keine entscheidenden Veränderungen am Text vorgenommen. Was ist davon zu halten, dass die Druckplatten zwischenzeitlich verschwunden waren? Wenn 1749 der zweite Teil des Kommentars nur noch zu drucken war, weshalb erschien dieses Werk doch erst 1756 beziehungsweise 1759? Handelte es sich bei der Edition von 1756 überhaupt um eine kommerzielle Ausgabe, fragen die Autoren Frédéric Chambat & Dominique Varry, die in ihrem Beitrag einen Vergleich der Editionen von 1756 und 1759 anstellen: »Faut-il faire une description bibliographique des Principes mathématiques?« (S. 317–332) Sie stellen die in Frankreichs Bibliotheken vorhandenen Druckexemplare von 1756 und 1759 vor. Bereits bekannte und neu gesichtete Exemplare werden dokumentiert (S. 328–329). Michel Blay bestätigt den Eindruck, dass Émilie Du Châtelet wesentlich mehr als ›nur‹ eine Übersetzung anfertigte. Ihre Leistung und die Qualität ihrer Arbeit bestehe gerade darin, dass sie die Erkenntnisse und begrifflichen Entwicklungen nach der 3. Edition von Newtons »Principes« mit eingearbeitet habe. Er plädiert für eine neue Ausgabe ihrer Übersetzung und Kommentare, in der die konzeptionelle Entwicklung der nach-newtonschen Physik und das Ausmaß der von Émilie Du Châtelet geleisteten Arbeit deutlicht werde (S. 333).
Auch die Beiträge Nr. 17–23 beschäftigen sich mit dem metaphysischen und physikalischen Werk der Marquise. Hier stehen allerdings jene Schriften im Mittelpunkt, die in der Forschung weit besser aufgearbeitet sind, die »Institutions de physique«, die Exzerpte aus der »Encyclopédie« und die Diskussion mit Mairan. Judith P. Zinsser erweitert in ihrem Beitrag »Mme Du Châtelet: sa morale et sa métaphysique« (S. 219–229) zu Recht die metaphysische Debatte, indem sie deutlich macht, dass die Grundlagen bereits in den frühen moralphilosophischen Schriften um 1735 liegen. Moralische Fragestellung und physikalisches Weltbild werden im Denken Émilie Du Châtelets konfrontiert (S. 223). Die Bedeutung der cartesischen Philosophie für das Denken von Émilie Du Châtelet wird von Zinsser ebenso betont wie von Véronique Le Ru in ihrem Beitrag »Quand Voltaire et la marquise parlent métaphysique« ( S. 213–218); Le Ru zeichnet die Unterschiede zwischen dem Denken Émilie Du Châtelets und Voltaires nach, die mit der Publikation der »Institutions de physique« deutlich wurden und auf die Voltaire in seiner »Métaphysique de Newton ou parallèle des sentiments de Newton et de Leibniz« 1741 antwortete. Eine Rekonstruktion unternimmt Anne-Lise Rey in ihrem Beitrag »La figure du leibnizianisme dans les Institutions de physique« (S. 243–254), indem der »Leibnizianismus« der Du Châtelet abgegrenzt wird von anderen Interpreten , wie Willem Jacob’s Gravesande, Giovanni Poleni, Jacob Hermann und Christian Wolff. Dabei wird deutlich, wie sehr Émilie Du Châtelet mit den »Institutions de physique« auch in die Theorie von Leibniz eingreift – so etwa, wenn sie die Monade als »être simple« bezeichnet.
Patrick Guyot veranschaulicht den pädagogischen Impetus, der einher geht mit der hohen Rationalität der geometrischen Darstellungen in den »Institutions« (S. 267–281). Nicht unerwähnt lässt er die Ironie, die in der Ankündigung der Marquise liegt und die eine Umkehrung zur Belehrung einer Marquise in Fontenelles »Entretiens sur la pluralité des mondes« steht. Die bedeutsame Rezeption von Émilie Du Châtelet in Deutschland wird durch den Beitrag von Frauke Böttcher (S. 243–254) verdeutlicht, die sich mit der Rezeption der »Institutions de physique« beschäftigt. John Iverson (S. 283–299) schreibt über die deutsche Übersetzung des Briefwechsels der Marquise mit Mairan, nimmt dazu jedoch keineswegs inhaltlich Stellung, vielmehr kommentiert er die Eloge der Übersetzerin Luise Gottsched und unterstellt ihr nationale Interessen, ohne den Kontext der nationalen und internationalen Newton-Debatte mitzudenken. Im Gegensatz dazu erläutert Koffi Maglo in seinem Beitrag »Mme Du Châtelet, l’Encyclopédie et la philosophie des sciences« (S. 255–266) die ausgleichende Rolle von Maupertuis und Du Châtelet im virulenten Nationalismus der Newton-Debatte. Sein Beitrag untersucht die Artikel aus der »Encyclopédie«, die der Feder von Émilie Du Châtelet entstammen, konzentriert sich dabei aber auf die Hypothesenfrage.
Robert Adelson schreibt interessant zu Émilie Du Châtelet als Musikerin, Ulla Kölving & Andrew Brown stellen Dokumente vor, die Émilie Du Châtelet als Rezipientin von Homer ausweisen. Françoise Douay-Soublin analysiert die Schrift zur Grammatik und vergleicht diese mit der Logik von Port-Royal. Ihre Analyse des »Nouvel examen de la Grammaire raisonnée de Mme Du Châtelet« ist sicher ein wichtiger Beitrag, um die methodischen Überlegungen von Émilie Du Châtelet zu verfolgen, die sich hier mit der Sprachtheorie von John Locke beschäftigt. Schwarzbach behauptet (S.197–211), Châtelets Auffassungen zur Bibel hätten auf Newton und Euler blasphemisch gewirkt; Du Châtelet bezeichnet er als Ikonoklastin. Beides erscheint mir fragwürdig, dagegen wäre es eine Untersuchung wert, nachzufragen, ob Émilie Du Châtelet vertraut war mit den Schriften von Marie de Gournay, die 1622 die personenhafte Darstellung eines Gottes als »ebenso schlechte Theologie wie Philosophie« bezeichnete.
Die ersten elf Beiträge des Bandes widmen sich historischen bio- und bibliographischen Inhalten; das private und das institutionelle Leben der Philosophin wird eruiert. In ihrem einleitenden Artikel geht die verdienstvolle Mitherausgeberin des Bandes Ulla Kölving der Frage nach, ob in Voltaires Schriften nicht ein Grund für das Vergessen dieser bedeutenden Wissenschaftlerin und Philosophin liegt, wenngleich er sie in so vielen Zeilen rühmte. Sie präsentiert eine Sammlung hilfreicher bibliographischer Hinweise, die sie mit der kritischen Lektüre der Rezeptionsgeschichte ergänzt. Sie macht deutlich, wie sehr das opus der Philosophin durch die Forschung der letzten Jahre erweitert wurde, Texte ihrer Autorenschaft zugeschrieben und Handschriften gefunden wurden. Der Überblick über die Forschung wird ergänzt durch die kommentierte Bibliographie, mit der Ulla Kölving das Buch abschließt. Auf den Seiten 341–385 finden wir eine bibliographische Chronologie von 1736 bis 2007, in der sich zahlreiche hilfreiche Erläuterungen finden. Zu begrüßen ist ferner die mehrfach erwähnte erwartete neue Edition der Briefe, an der Ulla Kölving arbeitet. Ein weiterer Beitrag aus den umfassenden Forschungen von Ulla Kölving widmet sich gemeinsam mit Andrew Brown (S. 111–120) der Frage nach dem Verbleib der Bücher aus Châtelets Besitz. Mit psychologischen und bio-historiographischen Fragen beschäftigen sich Elisabeth Badinter (S. 13–23) und François Bessire (S. 25–35), der die Häufigkeit der Briefempfänger zwischen 1733 und 1749 anzeigt. Béatrice Didier stellt die Frage nach dem persönlichen Charakter der Briefe (S. 53–60) und Charlotte Simonin analysiert noch einmal das Verhältnis von Émilie Du Châtelet zu Françoise de Graffigny. Simone Mazauric stellt historische und biographische Verbindungen zwischen Émilie Du Châtelets Gatten und Geliebten heraus, die beide Lothringer waren. Jürgen Siess präsentiert in seiner Analyse der Briefe (S. 37–52) eine rationale und unprätentiöse Interpretation der Wandlungen und psychologischen Entwicklungen, die er ebenso sachlich wie ›gendersensitiv‹ erläutert.
Dokumente und Schlussfolgerungen zur institutionellen Existenz der Philosophin werden vorgestellt von Jean-Daniel Candaux, der zwei Reportagen aus dem »Journal helvétique de Neuchâtel« präsentiert (S. 85–91). In dem Beitrag »La marquise Du Châtelet et les institutions: L’Académie royale des sciences et la Bibliothèque du roi« von Francoise Bléchet (S. 99–109) wird das Verhältnis von Émilie Du Châtelet zu den Mitgliedern der königlichen Akademie der Wissenschaften untersucht – eine interessante Frage, auch in Bezug auf die Bewertung der Preisschrift über das Feuer (S. 101). Anschaulich werden die von Voltaire und Émilie Du Châtelet praktizierten Ausleihmodi dargelegt und eine Antwort auf die Frage gegeben, weshalb die berühmte Marquise ihre Manuskripte Abbé Sallier, dem Leiter der königlichen Bibliothek anvertraute. Massimo Mazzotti erläutert in dem informativen Beitrag »Mme Du Châtelet académicienne de Bologne« (S. 121–126) die historische und institutionelle Situation der Frauen in den Akademien, hier vor allem in Bezug auf Du Châtelets Aufnahme in die Akademie von Bologna im Jahre 1746, der auch die Mathematikerinnen Laura Bassi und Maria Gaetana Agnesi angehörten.
Der Leser, der dieses Buch zur Hand nimmt, erhält gründliche Auskunft über den gegenwärtigen Stand der Émilie Du Châtelet-Forschung. Wer sich künftig mit Émilie Du Châtelet beschäftigt, kommt um seine Lektüre nicht herum. Es ist zu erwarten, dass durch die zahlreichen anregenden Beiträge die Émilie Du Châtelet-Forschung weiter belebt wird.
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