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M. Vaïsse, Mai 68 vu de l'étranger (Reiner Marcowitz)

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Maurice Vaïsse (dir.), Mai 68 vu de l’étranger. Les Événements dans les archives diplomatiques françaises. Avec la collaboration de Colette Barbier

Francia-Recensio 2009/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Maurice Vaïsse (dir.), Mai 68 vu de l’étranger. Les Événements dans les archives diplomatiques françaises. Avec la collaboration de Colette Barbier, Victor Cassé, Thérèse Charmasson et al. Avant-propos de Jean Mendelson, Paris (CNRS Éditions) 2008, XXIV–225 S., ISBN 978-2-271-06678-7, EUR 15,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Reiner Marcowitz, Metz

Die 68er-Bewegung war einerseits ein Phänomen, das ganz Westeuropa und die USA erfasste, andererseits gab es gravierende nationale Unterschiede: In Frankreich stand die Chiffre 1968, anders als beispielsweise in der Bundesrepublik, weniger für den Kampf ge­gen den amerikanischen Vietnamkrieg – ein Thema, das Charles de Gaulles entsprechende Kritik neutralisierte –, als vielmehr für ein Aufbegehren gegen ein als unzeitgemäß empfundenes Gesellschafts- und Staatsmodell. Während man in West-Berlin, Frankfurt und anderen westdeutschen Städten: »Ho-Ho-Ho-tschi-minh« skandierte, schrie man in Paris: »Dix ans, ça suffit!« Das war ein Grund dafür, dass die französischen 68er kurzfristig sehr viel erfolgreicher waren als die deutsche 68er-Bewegung in der Bundesrepublik. Den französischen Aktivisten gelang es im Gegensatz zu den deutschen tatsächlich, die angestrebte Einheit von Studenten und Arbeitern zu schaffen, die den französischen Staat zeitweise an den Rand einer Revolution brachte.

Der von Mitarbeitern der Editionsgruppe der »Documents diplomatiques français« der 1960er Jahre herausgegebene Band widmet sich den damaligen Ereignissen auf indirekte Weise, indem er sie mit den Augen der anderen betrachtet: Was berichteten die diplomatischen Vertreter Frankreichs im Mai 1968 über die Reaktionen des Auslands auf das innerfranzösische Geschehen? Diese Fragestellung ist nicht nur originell, sondern auch in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich: Die unterschiedlichen Kommentare enthüllen nämlich die Wahrnehmung des französischen Mai 1968 ebenso wie die generelle Einstellung zu Frankreich, insbesondere zur gaullistischen V. Republik, sowie das eigene Selbstbild. Verdienstvoll ist auch, dass die Dokumentensammlung, der Maurice Vaïsse, der Leiter der Editorengruppe, eine instruktive Einleitung vorangestellt hat, den ganzen Kosmos der französischen Diplomatie absteckt – von Europa über Afrika, den Nahen sowie Mittleren Osten, und Asien bis nach Amerika. Allen Reaktionen gemeinsam ist zunächst Abwarten, danach (ungläubiges) Staunen sowie je nach kritischer Einstellung zum Land und seinem Staatspräsidenten eine gewisse Schadenfreude, sehr schnell jedoch auch Beunruhigung ob der sich anbahnenden Eskalation und schließlich Erleichterung über den Ausgang der Krise.

In dieses Modell ordnen sich auch die deutschen Reaktionen ein, denen der Band den größten Platz einräumt. Allerdings solidarisierten sich nur die Aktivisten des SDS und kommunistische Parteigänger offen mit der französischen Protestbewegung und begrüßten den sich Ende Mai vermeintlich abzeichnenden Sturz de Gaulles, ja vielleicht der V. Republik überhaupt. Ansonsten wurden selbst im de Gaulle kritischer gegenüberstehenden sozialdemokratischen Lager allenfalls die politische und soziale Rückständigkeit des gaullistischen Systems als Ursachen für die Unruhen haftbar gemacht, ohne dass man sich aber einen Systemwechsel gewünscht hätte. Dies hing natürlich mit der Sorge vor einer Zunahme der studentischen Unruhen im eigenen Land zusammen, aber auch mit dem Geist der Großen Koalition unter dem christdemokratischen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und dem sozialdemokratischen Außenminister Willy Brandt.

Diese waren Ende 1966 mit der Absicht angetreten, den unter Bundeskanzler Ludwig Erhard zum toten Buchstaben erstarrten Élysée-Vertrag wiederzubeleben. Dass sie gleichzeitig eine aktivere Ost- und Deutschlandpolitik betreiben wollten, sorgte für zusätzliche Entspannung zwischen Bonn und Paris, denn es entsprach alten Forderungen de Gaulles. 1968 waren die hochgemuten Hoffnungen angesichts des alten Streits über einen britischen EWG-Beitritt und de Gaulles Enttäuschung über vermeintlich unzureichende ostpolitische Flexibilität vor allem des Bundeskanzlers und seiner Partei zwar wieder zerstoben. Dennoch bestand Konsens in der Koalition, einen Beinahebruch der Beziehungen wie in der Zeit der Regierung Erhard um jeden Preis zu verhindern. Dies erklärt, warum Kiesinger dem französischen Botschafter in der Bundesrepublik, François Seydoux, Ende Juni versichern konnte, wie erleichtert man in Deutschland parteienübergreifend über den Ausgang der Mai-Krise sei: »L’Allemagne avait besoin d’une France calme et forte. Les socialistes pensaient, à cet égard, comme les chrétiens-démocrates«. (S. 42). Am Ende sollten dennoch jene Recht behalten, denen der Mai 1968 als ein Menetekel für de Gaulle erschienen war: Faktisch leitete er ein ›fin de siècle‹ ein, das mit dem Rücktritt des Generals im April 1969 und damit einem späten Sieg der Aktivisten des Mai 1968 endete.

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M. Vaïsse, Mai 68 vu de l'étranger (Reiner Marcowitz)
In: Francia-Recensio, 2009-3, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/ZG/vaisse_marcowitz
Dokument zuletzt verändert am: Feb 27, 2012 03:33 PM
Zugriff vom: May 24, 2012