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S. Kaudelka, T. Serrier, R. v. Thadden (Hg.), Europa der Zugehörigkeiten (Johan Grußendorf)

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Rudolf von Thadden, Steffen Kaudelka, Thomas Serrier (Hg.), Europa der Zugehörigkeiten. Integrationswege zwischen Ein- und Auswanderung

Francia-Recensio 2009/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Rudolf von Thadden, Steffen Kaudelka, Thomas Serrier (Hg.), Europa der Zugehörigkeiten. Integrationswege zwischen Ein- und Auswanderung, Göttingen (Wallstein) 2008 (Genshagener Gespräche, X), ISBN 978-3-8353-0186-3, EUR 17,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Johan Grußendorf, Berlin

Die Reihe Genshagener Gespräche ist eng mit der Persönlichkeit des ursprünglich aus Ostpommern stammenden Historikers und Mittlers zwischen Deutschland und Frankreich Rudolf von Thadden verbunden. Es ist daher nicht überraschend, dass der Tagungsband sein Thema »Zugehörigkeit« vielfältig behandelt und doch Frankreich, Deutschland und Polen bei vielen Beiträgen im Zentrum stehen. Der Begriff wird im Vorwort durch die drei Herausgeber von Konzepten der Identität abgegrenzt, eine Begriffsskizze von Heinz Wismann schildert am Beispiel der deutschen und französischen Sprache die unterschiedliche Perspektive auf Fragen von Zugehörigkeit bzw. appartenance.

Das erste Fallbeispiel des Hauptteils beschäftigt sich mit frühneuzeitlicher Glaubensflucht. Der Beitrag gliedert sich in vier Teile, die jeweils Umstände von religiöser Zugehörigkeit behandeln. In jedem Teil des Aufsatzes nimmt der Autor Martin Schulze Wessel Staaten als Akteure in den Blick, verweist darüber hinaus auf die Bedeutung konfessioneller Netzwerke und transnationaler Öffentlichkeiten sowie auf die Sicht der Betroffenen selbst. Schließlich zeigen seiner Meinung nach einige Diskussionen, dass der Begriff der Toleranz die Lagerbildungen der Konfessionen bis ins 19. Jahrhundert weiter trug. Im Gegensatz zu diesem fallzentrierten Ansatz, jedoch chronologisch an das konfessionelle Zeitalter anschließend, stellt Miroslav Hroch in seinem theoretischen Text anhand der Beschreibung nationaler Formierungsprozesse vor allem des 19. Jahrhunderts den Begriff Zugehörigkeit in den Kontext von Identität, Nationalismus und verschiedenen Typen von Migrationen. Zugehörigkeit versteht er dabei als lockerere, Identität als emotionalere Bindung, während Nationalismus in den konzeptionellen Bereich der bedingungslosen Hingabe eingeordnet wird. Hroch stellt eine Typologie der Migrationen auf und verweist auf die soziale Kommunikation, die in den vorab diskutierten Prozessen eine Rolle spielte.

Die folgenden drei Gesprächsbeteiligungen erzählen auf verschiedene Weisen Migrations-Geschichte(n). Michael Werner analysiert im seinem Beitrag, welche Rolle ideologische Bindungen bei der Einwanderung spielen, Piotr Madajczyk betrachtet eine polnische Sichtweise, während ein Autorenteam Migrationspolitik am Beispiel des Internationalen Arbeitsamtes (IAA) behandelt. Werners Untersuchungsgegenstand sind deutsche Immigranten in Frankreich im 19. Jahrhundert. Aus der Perspektive der deutsch-französischen Verflechtungsgeschichte zeigt der Autor, dass Ideologie im Fallbeispiel in zwei Richtungen wirkte, d. h. Inklusion und Exklusion von Deutschen mit unterschiedlichstem Hintergrund keine Alternative sein musste, sondern sowohl Nationalisierung, als auch Internationalisierung aus Migrations-Prozessen heraus vorangetrieben werden konnten. Madajczyk fokussiert seinen Text dagegen auf die Bedeutung von Zwangsmigrationen. Augenfällig ist die Tragweite solcher einschneidenden Krisen im Kontext vor allem des Zweiten Weltkrieges in Polen bis heute. Aber auch Frankreich und Deutschland werden in diesem Zusammenhang thematisiert, sodass der Beitrag in spezieller Weise auf den zweiten Abschnitt des Bandes vorbereitet. Zuvor behandeln Paul-André Rosental, Caroline Douki und David Feldman den Zeitraum der 1920er Jahre und das 1919 gegründete IAA. Sie sehen hier den Beginn der auch heute aktuellen Debatte um internationales Recht im Bereich der Migration. Am Ende des Beitrags wird ein Forschungsprogramm zur Untersuchung von Möglichkeiten und Risiken eben solcher Politik und Rechtssetzung entworfen.

Staatsangehörigkeit steht im Zentrum des zweiten Buchabschnitts. »Wie wird man Franzose/Deutscher/Pole?« heißen daher auch die korrespondierenden Titel, für die entsprechend Patrick Weil, Dieter Gosewinkel und Claudia Kraft verantwortlich zeichnen.

In diesem Zusammenhang zeigt schon die sprachliche Nähe der juristischen Kategorie Staatsangehörigkeit zum Titelbegriff der Tagung, dass es in allen drei Fällen um eine wesentliche Frage geht, die einem historischen Wandel unterworfen war und ist. Alle drei Autoren warnen vor der Gefahr, verschiedene Traditionen in diesem Bereich zu überzeichnen und Prozessergebnisse ohne den historischen Kontext zu betrachten. Schon im 19. Jahrhundert führte die Frage, »wie man Franzose, Deutscher oder Pole wird«, zu politischen Auseinandersetzungen unter unterschiedlichen Vorzeichen. Eine Steigerung der Brisanz dieser Frage ist mit vielgestaltigen Krisen im 20. Jahrhundert in allen Beiträgen abzulesen, die jeweils mit den Herausforderungen der Globalisierung für die althergebrachten Vorstellungen von Staatsangehörigkeit enden.

Hervorzuheben ist im Aufsatz von Patrik Weil seine eigene, aus der Beratungspraxis im Gesetzgebungsprozess stammende Kenntnis der französischen Umstände. Er nennt drei Krisen, die für die Entwicklungen maßgeblich waren: Vichy, Nachkriegskrise und algerische Krise in den 1980er und 1990er Jahren. Im deutschen Fallbeispiel wehrt sich Dieter Gosewinkel gegen einfache Deutungen des Übergangs vom Territorial- zum Abstammungsprinzip im Deutschen Reich mit dem Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz von 1913. Neben der Entwertung von subjektiv geäußerter Zugehörigkeit in der NS-Zeit zeichnet er die verschiedenen Pfade der Entwicklung in beiden deutschen Staaten nach 1945 sowie die Reformgesetzgebung des Jahres 2000 nach.

Ein interessantes Gegenstück in Hinsicht auf unterschiedliche Rechtsprinzipien bietet der Beitrag von Claudia Kraft zum polnischen Fall. Mit dem Jahr 1918 und der erneuten Existenz eines polnischen Staates weist die polnische Staatsangehörigkeit mit dem Rechtsgrundsatz der Abstammung, des ius sanguinis, Ähnlichkeiten zum deutschen Recht auf. Allerdings bilden sich in der Zeit von 1795 bis 1918 und nach dem Zweiten Weltkrieg in den Kontexten der Aufteilung Polens und der Polnischen Volksrepublik bzw. nach dem Systemwechsel zur Dritten Republik Eigenheiten aus.

Zu Beginn des dritten Abschnitts vergleicht Schirin Amir-Moazami die Integrationspolitik in Deutschland und Frankreich. Auf Grundlage eigener Feldforschungen im Umfeld frommer muslimischer Frauen argumentiert sie überzeugend gegen eine simple Gegenüberstellung deutscher und französischer Ansätze. Amir-Moazami kritisiert dabei sowohl den in Deutschland oft gebrauchten Begriff der Toleranz, als auch die französischen Praxen im Umgang mit den Konzepten von Gleichheit und Laizität.

Der letzte Beitrag des Bandes wählt einen gänzlich anderen Zugang. Mit dem Philosophen Leo Strauss steht ein Intellektueller im Mittelpunkt, der paradoxerweise als posthumer Vordenker der US-Neokonservativen genannt wird1. Marc de Launay schildert dessen Werdegang, um eine Zwischen-Zugehörigkeit (entre-appartenance) zu entwerfen. Daraus entwickelt er drei Möglichkeiten von Zugehörigkeit, von denen die innovative Zugehörigkeit, die Heterogenität nicht unbedingt zu lösen versucht, für ihn das Modell für die europäische Zugehörigkeit der Zukunft ist.

Das Buch überzeugt insgesamt mit vielfältigen Blicken auf das Thema der zehnten Genshagener Gespräche. Wie bei einem Tagungsband zu erwarten, werden die programmatischen Grundlagen der Einleitung nicht bei allen folgenden Beiträgen in gleicher Intensität aufgegriffen. Einiges muss auf Grund des Formates sehr knapp dargestellt werden, teilweise fehlen Hinweise auf interessante Verbindungen zwischen räumlich und zeitlich verschiedenen Beiträgen. Wo diese aufgezeigt werden, zeigt sich allerdings umso mehr das Potential des Konzeptes »Zugehörigkeit«.

1Sonja Zekri, Die Ideen werden bleiben, Süddeutsche Zeitung, 21.05.2007.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

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S. Kaudelka, T. Serrier, R. v. Thadden (Hg.), Europa der Zugehörigkeiten (Johan Grußendorf)
In: Francia-Recensio, 2009-3, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/ZG/thaden_grussendorf
Dokument zuletzt verändert am: 25.01.2010 13:17
Zugriff vom: 04.02.2012