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R. Self, Neville Chamberlain (Gottfried Niedhart)

— abgelegt unter:
Robert Self (ed.), The Neville Chamberlain Diary Letters. Volume One. The Making of a Politician; Volume Two. The Reform Years, 1921–27; Volume three. The Heir Apparent, 1928–33; Volume four. The Downing Street Years; Robert Self, Neville Chamberlain. A Biography

Francia-Recensio 2009/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Robert Self (ed.), The Neville Chamberlain Diary Letters. Volume One. The Making of a Politician, 1915–20, Aldershot, Hampshire (Ashgate Publishing) 2000, X–423 S., ISBN 1-84014-691-5, GBP 82,50; Volume Two. The Reform Years, 1921–27, 2000, X–461 S., ISBN 1-84014-692-3; Volume three. The Heir Apparent, 1928–33, 2002, XII–446 S., ISBN 1-84014-693-1, GBP 82,50; Volume four. The Downing Street Years, 1934–40, 2005, XI–588 S., ISBN 0-7546-5266-1, GBP 82,50; Robert Self, Neville Chamberlain. A Biography, Aldershot, Hampshire (Ashgate Publishing) 2006, XII–573 S., ISBN 0-7546-5615-2, GBP 35,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Gottfried Niedhart

Die Birminghamer Familie der Chamberlains hat im letzten Jahrhundert drei Spitzenpolitiker hervorgebracht. Joseph Chamberlain war an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als Kolonialminister eine Galionsfigur des britischen Imperialismus. Sein Sohn Austen war als Außenminister seines Landes einer der Architekten des Vertragswerks von Locarno. Dessen Halbbruder Neville bekleidete zu dieser Zeit das Amt des Gesundheitsministers, bevor er ab 1931 in höchste Ämter gelangte. Der 1869 Geborene trat erst nach einigen Umwegen in die Politik ein. Wie sein Vater war Neville Chamberlain für kurze Zeit Bürgermeister von Birmingham, gehörte 1917 für wenige Monate der Regierung Lloyd George an und wurde 1918 ins Unterhaus gewählt. Innerhalb weniger Jahre stieg er in die Führungsgruppe der Konservativen Partei auf, der er ein progressives Image als Reformpartei zu geben versuchte. Als Stanley Baldwin 1935 noch einmal Premierminister wurde, war Chamberlains Anwartschaft auf die 1937 fällig werdende Nachfolge unbestritten.

Ohne zu übertreiben, kann gesagt werden, dass Chamberlain der britischen Politik der 1930er Jahre seinen Stempel aufdrückte. Für den Historiker ist es ein Glücksfall, dass er nicht nur Aktenarbeit machte, sondern auch ein unermüdlicher Tagebuch- und Briefschreiber war. Wöchentlich berichtete er seinen beiden Schwestern über das politische Geschehen. Dieses Briefkorpus liegt jetzt in einer umfangreichen Edition vor. Der Herausgeber spricht von »Tagebuch-Briefen«, was nicht völlig abwegig ist, weil die Briefe detaillierter ausfallen als das eigentliche Tagebuch, das Chamberlain von 1913 bis zu seinem Tod 1940 geführt hat. Tagebuch und Briefe waren für den ungeachtet seines öffentlichen Lebens regelmäßig die Zurückgezogenheit suchenden Chamberlain das angemessene Medium, in dem er sich mitteilen und seine Weltsicht darlegen konnte. Für die politischen Weggefährten und erst recht für die breitere Öffentlichkeit blieb Chamberlain wenig greifbar. Der Herausgeber sieht seine Aufgabe darin, das »Rätsel« der komplexen Persönlichkeit zu erhellen und Chamberlain von der Aura des Scheiterns zu befreien, die ihn seit dem vergeblichen Versuch umgab, in den Krisen der späten 1930er Jahre eine Neuauflage des Weltkriegs zu vermeiden.

Zusammen mit einer Beschreibung von Chamberlains Einstieg in die Politik ist die persönliche Ehrenrettung das Hauptthema der umfangreichen Einleitung, die Robert Self zum ersten Band seiner Edition verfasst hat. Hier wie auch in den anderen Bänden liefert er einen ausführlichen Einblick in die politischen Netzwerke sowie die innen- und außenpolitischen Fragestellungen, mit denen Chamberlain als Minister konfrontiert war. Die Briefe selbst sind dagegen vor allem in den ersten Bänden recht sparsam kommentiert, sieht man einmal von den genauen Erläuterungen zu allen Persönlichkeiten ab, die Chamberlain erwähnt. Darin kommt die Fokussierung des Herausgebers auf die dramatis personae zum Ausdruck. Es gehört zu seinen großen Verdiensten, dass Self nicht weniger als 150 Nachlässe benennt und daraus zitiert, so dass das ganze Geflecht der politischen Klasse konservativer Prägung im England der Zwischenkriegszeit sichtbar wird. Hinzu kommen die Akten der Konservativen Partei und die in den National Archives (früher Public Record Office) liegenden staatlichen Archivalien sowie die einschlägigen Unterlagen in zwei amerikanischen Presidential Libraries (Herbert Hoover und F.D. Roosevelt). Hinter dem Dokumentar tritt der analytisch arbeitende Historiker meistens deutlich zurück. Die Auseinandersetzung mit der Forschung und der dichte Verweis auf sie finden eher am Rande statt.

Der zweite und dritte Band der Edition umfassen die Jahre von 1921 bis 1933. Als Gesundheitsminister in der Konservativen Regierung (1924–1929) errang Chamberlain großes Ansehen als Administrator und Sozialreformer in den Bereichen Altersversorgung, Sozialleistungen, Wohnungsbau und Gesundheitswesen. Schon in dieser Phase bestand ein gewisses Konkurrenzverhältnis zu Churchill, der als Schatzkanzler spezifisch finanzpolitische Gesichtspunkte in die Debatte einführte. Churchill sollte nach der Wahlniederlage der Konservativen aus der Führungsriege verschwinden. Neville Chamberlain hingegen konnte sich dort fest etablieren, als er 1931 maßgeblich an der Bildung der Krisenregierung des National Government beteiligt war und selbst in die Schlüsselposition des Schatzkanzlers einrückte. In den Nachwehen der Weltwirtschaftskrise hielt er strikt am Grundsatz des ausgeglichenen Haushalts fest. Vom deficit spending à la Keynes hielt er nichts. Dessen Vorstellungen seien noch abwegiger, als er schon vermutet hatte, schrieb Chamberlain nach einem Gespräch mit Keynes im März 1933: »He does definitely want to unbalance the Budget and the trouble is that he is so plausible & confident that people like the ordinary back bencher who have not much knowledge are very likely to be attracted …«.

Die Zwänge der Haushaltspolitik und die Sorge um die Stabilität des Pfunds prägten die folgenden Jahre, denen der vierte Band gewidmet ist. Schon bevor Chamberlain 1937 Premierminister wurde, galt er als der eigentliche Motor der Regierung. Im Innern war seine Politik darauf gerichtet, den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu begegnen und das Arbeitslosenproblem abzumildern. Die Außenpolitik stand zunehmend im Zeichen der Konfrontation mit Japan, Italien und nicht zuletzt Deutschland. Chamberlains Briefe sind ein eindrucksvolles Zeugnis für das von der Forschung, auf die Self in diesem Band dankenswerterweise stärker eingeht, wiederholt behandelte Dilemma: Krieg würde die nach der »Urkatastrophe« des Ersten Weltkriegs noch übrig gebliebenen Potentiale britischer Großmachtpolitik völlig verschlingen, so dass die Wahrung des Friedens im Zuge einer Politik des Appeasement zum nationalen Interesse wurde. Krieg wiederum war angesichts der japanischen, italienischen und deutschen Expansionspolitik letztlich unvermeidbar, so dass es eine Frage des richtigen Zeitpunkts war, zu dem Großbritannien der Herausforderung auch militärisch begegnen musste.

Darüber kommt es in der britischen Öffentlichkeit und Historiographie seit 1939/40 immer wieder zu Debatten, die Self geschickt resümiert. In ihr gab zunächst Churchill, den der Krieg 1940 an die Spitze der Regierung brachte (und den die Wähler 1945 bei Kriegsende wieder in die Opposition schickten), den Ton an. Chamberlain habe die Gefahren nicht erkannt und die Erfolge der deutschen Blitzkriegsstrategie fahrlässigerweise begünstigt. Seit den 1960er Jahren wurde diese personenfixierte Sichtweise durch eine Analyse der Strukturzwänge ersetzt, unter denen jede britische Regierung der Zwischenkriegszeit stand und die die Fortexistenz des britischen Empires an die Voraussetzung der Friedenswahrung gekoppelt erscheinen ließen. Eine gewisse Rückwendung erfolgte schließlich seit den späten 1980er Jahren, als wieder stärker nach persönlicher Verantwortung für die britische Vorkriegspolitik gefragt wurde und damit Chamberlain abermals ins Kreuzfeuer der Kritik geriet. Self versucht gegenüber diesen Konjunkturen eine mittlere Position einzunehmen, die seinen »Helden« nicht überhöht erscheinen lässt und maßvoller Kritik aussetzt, insgesamt aber darauf verweist, dass der Stand der britischen Rüstung erst 1939/40 eine militärische Antwort auf die deutsche Aggression zuließ.

Was nicht neu ist, aber in Selfs Edition noch einmal deutlich wird: Chamberlain folgte einer rational begründbaren und in sich konsistenten Strategie, in der die Wirtschafts- und Finanzkraft Großbritanniens als (neben den Teilstreitkräften) »vierter Arm« der Verteidigung, der Stand der dadurch determinierten Rüstungsmaßnahmen und die Analyse der internationalen Gefahrenlage im Gesamtzusammenhang gesehen wurden. Notgedrungen wurde Chamberlain dabei zum Gefangenen seiner Überlegungen und Vorstellungen. Kühnes politisches Handeln, wie es Churchill eigen war, kam für Chamberlain nicht in Betracht. Halt suchte er in Einschätzungen, die eindeutige Fehlwahrnehmungen waren und auch bizarre Züge annehmen konnten. So wähnte er sich Ende Mai 1939 zwar nach wie vor in einer »Gefahrenzone« und von einer Entspannung in den Beziehungen mit Deutschland weit entfernt. »But I myself still believe that Hitler missed the bus last September and that his generals won’t let him risk a major war now«. Und allen Ernstes fügte er hinzu: »But I can’t yet see how the détente is to come about as long as the Jews obstinately go on refusing to shoot Hitler!«

Damit sind schon die zentralen Themen der Biographie Chamberlains genannt, die Self auf die Briefedition folgen ließ. Die internationalen Krisenjahre mit der 1934 langsam einsetzenden britischen Aufrüstung und dem zunehmend rascher sich vollziehenden Verfall der internationalen Ordnung nehmen die Hälfte des Buches ein. Chamberlains Birminghamer Wurzeln, sein Weltbild und vor allem seine Amtszeit als Gesundheitsminister hätten eine etwas breitere Einbettung in Zeitströmungen und Lebensverhältnisse auf lokaler und nationaler Ebene verdient. In den letzten sechs Lebensjahren Chamberlains spiegeln sich die dramatischen weltpolitischen Veränderungen dieser Jahre, so dass die Sicherheits- und Außenpolitik Großbritanniens im internationalen System zum eigentlichen Gegenstand der Darstellung wird. Der gleichwohl biographisch bleibende Zugriff von Self schlägt sich darin nieder, dass der Autor überwiegend in der Perspektive Chamberlains auf das Geschehen verharrt und darüber anhand seines gewiss reichen, aber angesichts der Komplexität des Themas eben doch beschränkten Quellenmaterials handelt. Verweise auf die nur bruchstückhaft herangezogene Literatur fallen spärlich aus. Ein Literaturverzeichnis mit bibliographisch vollständigen Angaben fehlt, ebenso eine Auseinandersetzung mit der Forschung.

Wer die insgesamt 245 Seiten der Einleitungen zu den Briefbänden kennt, erfährt in der Biographie nichts substantiell Neues. Gleichwohl ist es sinnvoll, dass Self mit diesem Werk seine ausgedehnten Recherchen für eine breitere Leserschaft noch einmal aufbereitet. Gemessen an der vom Autor explizit formulierten Zielsetzung, das Geschehen, wie Chamberlain selbst es wahrgenommen hat, darstellen zu wollen, handelt es sich um eine respektable Leistung. Fraglich ist allerdings, ob damit das Geschäft des Biographen angemessen erfasst wird. Am Ende steht das Bedauern darüber, dass David Dilks auf den ersten 1984 erschienenen Band seiner groß angelegten Chamberlain-Biographie den zweiten nicht hat folgen lassen.

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R. Self, Neville Chamberlain (Gottfried Niedhart)
In: Francia-Recensio, 2009-3, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
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Dokument zuletzt verändert am: 11.12.2009 18:16
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