G. Scott-Smith, Networks of Empire (Helke Rausch)
Giles Scott-Smith, Networks of Empire. The US
State Department’s Foreign Leader Program in the Netherlands,
France, and Britain 1950–70, Bruxelles, Bern, Berlin et al. (Peter
Lang) 2008, 514 S. (Cité européenne – European Policy, 33), ISBN
978-90-5201-256-8, EUR 42,70.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Helke Rausch, Leipzig/Freiburg
Die Geschichte der Internationalen Beziehungen und die Diplomatiegeschichte neueren Zuschnitts verlassen sich schon lange nicht mehr ausschließlich auf die Strukturanalyse sozioökonomischer und politischer Machtverhältnisse, sondern haben dem ehedem für zu weich erachteten Faktor der »Kultur« eine hohe analytische Qualität zuerkannt. Auswärtige Kulturpolitik oder »Public Diplomacy« gewinnt damit zwar an Interesse in der historischen Forschung. Wie allerdings genau kulturelle Praktiken als Instrumente der Außenpolitik mit anderen Mitteln zu verstehen sind, ist kaum zu verallgemeinern und bedarf weiterhin der genauen Untersuchung im Einzelfall.
Mit diesem Ziel nimmt sich Giles Scott-Smith das 1949/50 initiierte und unter wechselnden Bezeichnungen (International Visitor Program seit 1965, International Visitor Leadership Program seit 2004) bis heute praktizierte US-amerikanische Foreign Leader Program (FLP) vor. Die vom State Department lancierte Strategie des »informal empire management« innerhalb der Atlantischen Allianz (S. 23) wird damit erstmals monographisch dicht untersucht. Um den amerikanischen Verfahren und staatlichen wie nichtstaatlichen Akteuren v.a. in Europa zwischen 1950 und 1970 beizukommen, präsentiert Scott-Smith drei Fallstudien. Im Mittelpunkt stehen mehrere Personen der insgesamt 167 niederländischen Teilnehmer am FLP, denen im letzten Viertel des Buches eine Analyse der Geschicke weiterer (insgesamt 648) französischer und (512) britischer Austauschkandidaten (alle in einem Anhang in chronologischer Ordnung namentlich genannt) zur Seite gestellt werden. Indem Scott-Smith das FLP in Europa einem US-amerikanischen Gesamtkonzept politisch und ökonomisch basierter kultureller Herrschaftssicherung zuordnet, wird schnell deutlich, dass sich hinter der offiziellen Rhetorik, wechselseitige Verständigung zu fördern, eine von »psychological warfare«-Taktiken und Kommunikationsforschung geprägte Politik politisch-ideologischer Werbung verbarg. Dies zeigt bereits der kurze Blick auf die Vorgeschichte des Programms und auf die immer schon über Europa hinausreichenden kulturpolitischen Anstrengungen der USA.
Drei Viertel des Buches behandeln die US-Aktivitäten in den Niederlanden, die Scott-Smith in zwei Phasen unterteilt. Während er für die erste Phase ab den 1950er Jahren das geförderte Personal den Bereichen Politik, Gesellschaft und Kultur/Medien zuordnet, geht diese hilfreiche Struktur in der Darstellung der zweiten Phase verloren, die mit der Entwicklung des Austauschprogramms in den 1960er Jahren unter den Bedingungen generell verschlechterter niederländisch-amerikanischer Beziehungen einsetzt. Überhaupt lässt Scott-Smith den Leser mit der Empirie recht allein und bietet (bis auf Andeutungen wie S. 324) kaum Synthesen an. Lässt man sich dennoch auf die Detailanalyse ein, ist manches Interessante zu erfahren über die US-amerikanische Strategie, vor allem die nichtkommunistische Linke in ihr Projekt einer Atlantischen Wertegemeinschaft einzubinden. Profile von Förderkandidaten (nach Alter, Sozialisierung, Geschlecht etc.) oder Typologien von Förderverfahren (z. B. pro Sektor, pro Profilgruppe, pro Zeitphase etc.) werden aber nicht angeboten. Konziser werden die Fallstudien im dem FLP in Frankreich und Großbritannien gewidmeten letzten Viertel des Buches präsentiert.
Scott-Smith bearbeitet sein Material intensiv, aber seine Studie enthält Engführungen, die der Reichweite seiner Untersuchung in doppelter Hinsicht deutliche Grenzen setzen. Zum einen scheint Scott-Smith geradewegs einen asymmetrischen Vergleich anzustreben, der die Niederlande in den Mittelpunkt stellt. Die Untersuchung der US-Kulturdiplomatie in Frankreich und Großbritannien bleibt dann allerdings mit dem ersten Fall weithin unverbunden. Worin der Mehrwert des Blicks auf die beiden zusätzlichen Fälle liegt, erschließt sich abseits der kurzen Schlussbemerkungen eher assoziativ. So bleibt offen, welche konkreten Unterschiede und Ähnlichkeiten die europäischen politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Kontexte im Vergleich aufweisen und ob sie zu charakteristischen Varianten kulturdiplomatischer Techniken der USA und ebenso zu charakteristischen Taktiken der selektiven Aneignung amerikanischer Werthaltungen auf europäischer Seite führten.
Scott-Smiths Buch ist bemerkenswert, weil es sich auf das Terrain der empirisch schwer fassbaren Austauschprogramme als Spezialfall US-amerikanischer Kulturdiplomatie auf der Basis umfassenden neuen Quellenmaterials vorwagt. Aufgrund seines sorgfältig reflektierten Instrumentariums an analytischen Begriffen bleibt Scott-Smith äußerst vorsichtig, wenn es um die in der Tat schwierige Frage eines nachweisbaren »impact« dieser US-amerikanischen »soft power«-Strategie geht. Dies auch dann, wenn er Einzelfälle vorführt, in denen wenig dafür spricht, dass das manipulative Ansinnen der US-amerikanischen Einflussstrategen bei den im FLP Geförderten automatisch seine Wirkung tat. Im dem niederländischen Aktionsfeld gewidmeten Hauptteil des Buches leistet Scott-Smith Kärrnerarbeit, die noch systematisch in die Erforschung der transatlantischen Geschichte im Kalten Krieg einzuspeisen ist.
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