J. C. G. Röhl, Wilhelm II. (Rainer Lahme)
John
C. G. Röhl, Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund 1900–1941,
München (C. H. Beck) 2008, 1611 S., ISBN 978-3-406-57779-6, EUR
49,90.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Rainer
Lahme, Boppard
Mit dem dritten Band seiner monumentalen Biografie hat John C. G. Röhl sein Werk über Leben und Politik des letzten Hohenzollern-Kaisers zum Abschluss gebracht. Er schildert darin vor allem die ereignisreichen Jahre von 1900 bis 1914/18 und damit den »Weg in den Abgrund« nicht nur für das Deutsche Kaiserreich, sondern zugleich für die europäische Zivilisation des 19. Jahrhunderts, die im Ersten Weltkrieg untergingen. Röhl konzentriert sich fast ausschließlich auf die außenpolitischen Vorstellungen und Handlungen Wilhelms II. vor dem Hintergrund des von ihm durchgesetzten und nun mit fatalen Wirkungen praktizierten »persönlichen Regiments«. Andere Bereiche der deutschen Politik (Innenpolitik, Wirtschafts- und Sozialpolitik, Kunst, Bildung und Wissenschaft), denen der Kaiser häufig zum Leidwesen der davon Betroffenen gleichfalls seine wie immer fordernde Aufmerksamkeit zuwandte, bleiben in diesem dritten Band weitgehend ausgespart. Dies führt dazu, dass die schillernde und so widersprüchliche Persönlichkeit des Kaisers in mancherlei Hinsicht nicht so weit ausgeleuchtet wird, wie es sich der Leser von einer derart umfangreichen Biografie vielleicht erhofft hatte.
Diese Einschränkung hängt mit der Zielsetzung des Autors zusammen: Röhl will in erster Linie die hohe Verantwortlichkeit des deutschen Monarchen für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs dokumentieren. Wilhelm II. ist für ihn ganz offensichtlich der Totengräber des alten Europa. Er wird – überspitzt formuliert – von Röhl zur Symbolfigur für die Urkatastrophe des 19. Jahrhunderts stilisiert. Daher verzichtet er weitestgehend darauf, die vorgegebenen politischen Strukturen, die das Handeln des deutschen Kaisers bedingten, in seine Darstellung und in seine Urteilsfindung einzubeziehen. Wilhelm II. erscheint daher als eine Persönlichkeit, die völlig autonom und selbstherrlich schalten und walten konnte, eine Vorstellung, die zwar ohne Zweifel dem Selbstbildnis entsprach, das der Monarch von seiner eigenen Bedeutung entworfen hatte und an dem er ungeachtet aller Rückschläge unbeirrt und unbelehrbar bis zum bitteren Ende festhielt, das aber dennoch nicht immer der komplexeren historischen Realität entsprach.
Röhl agiert in weiten Passagen seines Werkes eben nicht als Historiker, dem es darum geht, sich den Motiven und Handlungen des Kaisers verstehend anzunähern und dem Leser zu erklären. Er ist vielmehr Ankläger und Richter in einer Person, der durch den Nachweis einer erdrückenden Beweislast sein für alle Zeiten verdammendes Urteil über Politik und Charakter des Hohenzollern-Kaisers fällt. Die Unmenge des Materials, das Röhl bei seiner selbstlosen Arbeit in zahlreichen Archiven zutage gefördert hat und dem Leser nun in langen Auszügen präsentiert, ist in der Tat beeindruckend und bereichert die Kenntnisse über die oftmals bizarre Vorstellungs- und Gedankenwelt ungemein, in der der deutsche Kaiser dachte und leider auch handelte. Durch die immer wieder in den ansonsten sehr gut lesbaren Text aufgenommenen seitenlangen Zitate präsentiert der Kaiser höchstpersönlich das Urteil über seine Politik und seine Person, obwohl sich bestimmte Formulierungen und Gedankengänge häufig wiederholen und dem Leser eine gewisse Selbstdisziplin bei der Lektüre abverlangen. Zudem sollte eines nicht vergessen werden: Wilhelm II. war immer ein Mann der großen Worte und der großen Gesten, der seiner überbordenden Rhetorik aber nur selten die entsprechenden Großtaten folgen ließ und der daher auch in der Julikrise 1914 trotzig und auftrumpfend verkündete, dass er dieses Mal nicht erneut »umfallen« werde.
Ohne jeden Zweifel sind die zahllosen rassistischen Äußerungen Wilhelms II., vor allem im Wissen über den weiteren verhängnisvollen Verlauf der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, geradezu erschreckend. Immer wieder ist im unkontrollierten Wortschwall des Monarchen die Rede von der »gelben Gefahr«, der sich die zivilisierten Völker Europas stellen müssten, von der Dekadenz der lateinischen Nationen, die er in Italien und Frankreich auszumachen glaubte, der Unterlegenheit der slawischen Völker, was man am Beispiel Russlands und einiger Balkanstaaten erkennen könne und von seinem Ärger über das arglistige Verhalten der Briten, die seine kaiserliche Auffassung von der natürlichen Verbundenheit der Anglo-Germanen einfach nicht verstehen wollten. Inmitten dieser wortgewaltigen Tiraden Wilhelms II., in denen er Freund und Feind immer wieder unaufgefordert den Lauf der Weltpolitik erläuterte und seine überlegenen Kenntnisse ausbreitete, verbunden mit konkreten Handlungsanweisungen nicht nur für die deutsche Politik, sondern auch für auswärtige Monarchen und Staatsmänner, finden sich aber häufig auch kluge, abwägende und eher nachdenkliche Äußerungen, die ein anderes Bild von Wilhelm II. ergeben könnten, wenn Röhl ihnen mehr Aufmerksamkeit gewidmet hätte.
Der narzisstisch veranlagte Kaiser gierte nach beständiger Anerkennung durch seine Umgebung. Politisch bedeutete dies, dass er sich in der Nachfolge des Großen Kurfürsten, Friedrichs des Großen und Wilhelms I. dazu verpflichtet fühlte, die Dynastie der Hohenzollern und das Deutsche Reich zu neuen Gipfeln des Ruhmes und der Macht zu führen. Nachdem der von ihm bewunderte Großvater die Einheit des Reiches herbeigeführt hatte, wollte der Enkel das Deutsche Reich als gleichberechtigte Weltmacht neben den bestehenden oder aufsteigenden großen Mächten – dem Britischen Empire, dem Russischen Reich, den Vereinigten Staaten, Japan – etablieren. Der Aufbau einer schlagkräftigen Schlachtflotte in der Nordsee sollte Großbritannien dazu bewegen, diesem Anspruch Tribut zu zollen und damit zugleich auf seine traditionelle – und seinen Rang als Weltmacht absichernde – balance-of-power-Politik gegenüber dem europäischen Kontinent zu verzichten. In diesem Sinne war die deutsche Flottenpolitik neben ihren innenpolitischen Motiven und der persönlichen Begeisterung des Kaisers für »seine« Flotte eben durchaus das Herzstück der wilhelminischen Weltmachtpolitik. Wilhelm II. war sich des damit verbundenen Risikos für das Deutsche Reich durchaus bewusst. In grotesker Überschätzung seiner eigenen diplomatischen Fähigkeiten und der beschränkten strategischen, militärischen und auch ökonomischen Machtressourcen des Deutschen Reiches hielt der Kaiser an seiner Flottenpolitik auch dann noch unbelehrbar fest, als aufgrund der britischen Entente-Politik und der Aufrüstung der imperialen Flotte längst erkennbar war, dass London eisern gewillt war, der Herausforderung durch den deutschen »Emporkömmling« sowohl diplomatisch als auch militärisch zu begegnen.
Über eine langfristig angelegte und die machtpolitischen Realitäten ins nüchterne politische Kalkül einbeziehende Strategie für den beabsichtigten Aufstieg zur Weltmacht verfügte der Kaiser nicht. Allerdings fühlte er sich dazu verpflichtet, in allen weltpolitischen Fragen die Stimme des Deutschen Reiches zu erheben, sei dies nun in Südamerika (Venezuela), in Afrika (Marokko, Südafrika), in Asien (China) oder im Vorderen Orient (Bagdad-Bahn, Mesopotamien). Überall traf er mit seinem energisch und laut vorgebrachtem Anspruch auf Mitsprache allerdings auf die Interessen der konkurrierenden Mächte. So manövrierte er sich rasch in die unangenehme Rolle eines »Störenfrieds«, der bei der sich vollziehenden Aufteilung der Welt eben einige Jahre zu spät auf die globale Bühne getreten war. In Europa schwankte die kaiserliche Politik zudem unablässig und unentschieden zwischen Großbritannien und Russland und sorgte allein dadurch für wachsende Nervosität nicht allein in London und St. Petersburg, sondern auch in zahlreichen anderen Hauptstädten Europas, in denen die scheinbar unberechenbare Politik des wirtschaftlich mächtigen und hochgerüsteten Deutschen Reiches Besorgnis und Ängste auslöste. Bewegte sich Wilhelm II. auf dem innenpolitischen Terrain schwankend zwischen Moderne und Vergangenheit, so war seine Außenpolitik – ungeachtet seiner zahlreichen Appelle an die monarchische Solidarität – von unübersehbar revolutionären Zügen gekennzeichnet. Sie sprengte nicht nur den Rahmen der bisherigen preußisch-deutschen Kontinentalpolitik, sondern war als ultima ratio latent auch bereit, das Reich offensiv in einen Entscheidungskampf um Alles oder Nichts hineinzuführen. Insbesondere in der Flottenfrage stellte sich der Kaiser immer wieder auf die Seite konservativer Hasardeure vom Schlage eines Tirpitz und verstellte damit die außenpolitische Alternative einer Juniorpartnerschaft des Deutschen Reiches mit der britischen Weltmacht.
Keinen Zweifel erlaubt sich Röhl an seiner Auffassung, dass allein der Kaiser als Architekt der verhängnisvollen deutschen Weltpolitik zu sehen ist. Wilhelm II. sei »im außen- und militärpolitischen Bereich ganz ohne Frage bis zum Kriegsausbruch 1914 die entscheidende Kraft« gewesen. Der langjährige Reichskanzler Bernhard von Bülow wird von Röhl auf die Rolle eines reinen »Höflings« reduziert, der mehr oder weniger willfährig die Vorgaben des Monarchen exekutiert habe. An dieser Rollenverteilung zwischen Kaiser und Kanzler habe sich auch nach der für Wilhelm II. niederschmetternden Daily-Telegraph-Affäre von 1908 und dem Kanzlerwechsel von Bülow zu Bethmann Hollweg grundlegend nichts geändert. Doch Röhls Fixierung auf den Monarchen wirft Fragen auf. Denn spätestens seit der 2. Marokkokrise von 1911 war erkennbar, dass im Kanzler- und im Auswärtigen Amt Alternativen zur bisherigen »Weltpolitik« konzipiert wurden, um die bedrohte Position des Deutschen Reiches in Zentraleuropa zu entlasten. Die heftigen Debatten innerhalb der Reichsleitung im Vorfeld und während der Haldane-Mission von 1912 ließen deutlich werden, dass der Kaiser keinesfalls mehr unangefochten den Kurs der deutschen Außenpolitik dominierte.
In der Julikrise 1914 spielten der Kaiser und die Reichsleitung va banque. Die Kontrolle über den Gang der Ereignisse – selbst in Berlin – hatte der Kaiser zu diesem Zeitpunkt allerdings längst eingebüßt. Er war zu einem Getriebenen geworden, einem Zauberlehrling, der von der eigenen martialischen Rhetorik eingeholt worden war und nun eher zögernd und zaudernd über die Schwelle des Krieges gedrückt wurde. Folgerichtig trat er während des Krieges immer stärker in den Hintergrund, ein Prozess, den Röhl als »selbstverschuldete Ausschaltung« beschreibt. Im Unterschied zu seinem Vorbild Friedrich II., der in späteren Jahren zu Friedrich dem Großen wurde, verlor Wilhelm II. sowohl das Reich als auch seine Krone und den Rest an politischer und persönlicher Reputation, über die der Kaiser zu Beginn des Großen Krieges noch verfügte.
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