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N. Piquet, Charbon - Travail forcé - Collaboration (Johannes Schmid)

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Nathalie Piquet, Charbon – Travail forcé – Collaboration. Der nordfranzösische und belgische Bergbau unter deutscher Besatzung, 1940 bis 1944

Francia-Recensio 2009/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Nathalie Piquet, Charbon – Travail forcé – Collaboration. Der nordfranzösische und belgische Bergbau unter deutscher Besatzung, 1940 bis 1944, Essen (Klartext) 2009, 374 S. (Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen. Schriftenreihe C: Arbeitseinsatz und Zwangsarbeit im Bergbau, 6), ISBN 978-3-8375-0018-9, EUR 34,95.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Johannes Schmid, Paris/Augsburg

In der Publikationsreihe des Instituts für soziale Fragen der Ruhr-Universität Bochum liegt nun Nathalie Piquets Dissertationsschrift zum nordfranzösischen und belgischen Bergbau der Jahre 1940 bis 1944 vor. Die Autorin geht vor allem zwei Fragekomplexen nach: 1. Zu welchen Maßnahmen griffen die deutschen Besatzer, um die für die deutsche Kriegswirtschaft wichtige Kohleförderung nach dem Ende der Kämpfe 1940 wieder in Gang zu bringen bzw. zu steigern? 2. Inwiefern veränderten sich durch diese Maßnahmen die Arbeitsumstände und -beziehungen im Bergbau? Die Autorin stützt sich für ihre Arbeit auf Bestände der deutschen Militärverwaltung für das besetzte Belgien und Nordfrankreich, der Chambre des Houillères du Nord et du Pas-de-Calais und auf die Akten der Präfekturen. Ferner zieht Nathalie Piquet für Belgien Dokumente des Office du travail, der Bergbauunternehmen und der viele Zweige der belgischen Wirtschaft dominierenden Société Générale heran.

Zunächst geht die Autorin auf die historische Entwicklung des nordfranzösischen und belgischen Steinkohlebergbaus bis zum Zweiten Weltkrieg ein. Dabei kommen geografische, wirtschaftliche, politische und soziale Aspekte zur Sprache, die später für die Bewertung der Arbeitsbedingungen und -beziehungen und für ein Verständnis der Unterschiede zwischen den Bergbaugebieten in Belgien und Nordfrankreich während der deutschen Besatzung 19401944 unabdingbar sind. So erfährt der Leser, dass bereits während des Ersten Weltkrieges die Gruben im deutsch besetzten Belgien unter Mitwirkung der Unternehmensleitungen Kohle für die deutsche Kriegswirtschaft förderten, was ihnen nach 1918 den Vorwurf der Kollaboration einbrachte. Dieser Erfahrungshintergrund fehlte in Nordfrankreich weitgehend. Auch in den Arbeitsbeziehungen zwischen der Grubenleitung bzw. den Ingenieuren und den Bergleuten bestanden Unterschiede: Der nordfranzösische Bergbau war von rohen Umgangsformen und einem angespannten Verhältnis zwischen Bergleuten und Vorgesetzten geprägt. Obwohl die Arbeitsbeziehungen in Belgien mehr auf Konsens und Einvernehmlichkeit ausgerichtet waren, galten die Kohleabbaugebiete in Wallonien – nicht jedoch im ländlich geprägten Limburg – ebenso wie in Nordfrankreich als streikbereite »terre ouvrière par excellence«1. Die Gruben in beiden Ländern litten unter Arbeitskräftemangel, so dass in großem Umfang auch ausländische Arbeiter angeworben wurden, darunter viele Polen.

Des Weiteren entfaltet die Autorin die Grundzüge des deutschen Besatzungsregimes, die Zusammenarbeit mit den einheimischen Verantwortlichen und die enorme Bedeutung des Kohlebergbaus in Belgien und Nordfrankreich für die deutsche Kriegswirtschaft. Die nordfranzösischen Départements Nord und Pas-de-Calais unterstanden dabei der Zuständigkeit des deutschen Militärbefehlshabers in Brüssel. Dieser betrieb eine weitgehende Abschottung der beiden Départements vom restlichen Frankreich und der Regierungszentrale in Vichy, wodurch die Präfekturverwaltungen zum Hauptansprechpartner der Besatzer in Nordfrankreich avancierten und eng mit diesen zusammenarbeiteten. In Belgien waren die höchsten politischen Verantwortungsträger nach der Flucht der Regierung die Generalsekretäre der einzelnen Ministerien, die sich in einer insgesamt zurückhaltenderen Kooperation übten. Ähnliche Unterschiede lassen sich zwischen belgischen Bergbauunternehmen – die einen erneuten Kollaborationsvorwurf wie nach dem Ersten Weltkrieg vermeiden wollten – und den nordfranzösischen Grubenbesitzern beobachten.

Die Unterschiede zwischen Belgien und Nordfrankreich arbeitet Nathalie Piquet auch deutlich in ihrem Hauptkapitel heraus, welches sie den Arbeitsverhältnissen und den Arbeitsbeziehungen im Kohlebergbau widmet. Von Beginn der Besatzung an übte die deutsche Seite ständigen Druck auf die nordfranzösischen und belgischen Bergbaugesellschaften und die Arbeiterschaft aus, die Förderung zu erhöhen. Sie setzte dabei auf eine Mischung aus Anreizen und Zwang: Einerseits wurde die Kontrolle der Bergarbeiter verschärft, etwa durch Besuche bei krankfeiernden Arbeitern, Sonntagsschichten wurden eingeführt und für Nordfrankreich wurde zusätzlich eine Verlängerung der Arbeitszeit durchgesetzt, die jedoch in Belgien scheiterte. Andererseits bemühten sich die Besatzer (allerdings vergeblich) den Lohnvorsprung der Bergleute im Vergleich zu anderen Branchen zu bewahren, um so die Arbeitskräfte im Bergbau zu halten bzw. neu anzulocken. Zudem wurde ein Prämiensystem eingeführt. Die Gehaltssteigerungen erwiesen sich jedoch als zu gering um Reallohnverluste auszugleichen und auch die Lebensmittelversorgung verschlechterte sich und führte zusammen mit einer hohen Arbeitsbelastung zu einer zunehmenden Gesundheitsbelastung.

Als Folge kam es bereits ab Herbst 1940 trotz Verbotes immer wieder zu unpolitischen Streiks, die eine Verbesserung der Lage forderten und sich schließlich im Mai-Juni 1941 zum »Streik der 100 000« ausweiteten. Die Besatzungsmacht reagierte auf Arbeitsniederlegungen unterschiedlich: Während sie in Nordfrankreich hart durchgriff und mehrere hundert Streikende deportieren ließ, kam es in Belgien zu keinen solchen Maßnahmen. Hier wie dort war sich die Militärverwaltung jedoch der prekären Lage der Bergleute bewusst, so dass wiederholt die Löhne angehoben und die Rationen erhöht wurden, was jedoch die Situation nur unzureichend verbesserte. An dieser Stelle hätte sich eine intensivere Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der Regionalstudie Lynne Taylors angeboten, die sich eingehend mit den Protesten und den Reaktionen der Besatzer in Nordfrankreich auseinandersetzt2. Zur Steigerung der Förderquote setzte die Besatzungsmacht auch mehrere tausend bergunerfahrene ukrainische Zwangsarbeiter und sowjetische Kriegsgefangene in den Gruben ein.

Alle deutschen Versuche die Förderung zu steigern scheiterten jedoch, so dass in den nordfranzösischen Gruben lediglich das Vorkriegsniveau erreicht werden konnte, während in Belgien die Förderquote sogar sank. Ausschlaggebend ist nach Piquets Ansicht das unterschiedliche Verhalten der Bergbauunternehmer: In Nordfrankreich gaben die Grubenbetreiber den Druck der Besatzungsmacht an ihre Belegschaft weiter. Bei Arbeitskonflikten setzten sie nicht auf Ausgleich, sondern ließen es – im Bewusstsein, dass die Besatzer Repressionsmaßnahmen ergreifen würden auf einen Arbeitskampf ankommen. Diese Haltung führte zu einer weiteren Verhärtung des traditionell rohen Umgangs zwischen Belegschaft und Grubenleitung. Unter dem Eindruck des Kollaborationsvorwurfs aus dem Ersten Weltkrieg und der Doktrin des belgischen ›Wirtschaftskönigs‹, dem Direktor der Société Générale Galopin, schützten und unterstützten die belgischen Bergbauunternehmen ihre Belegschaften auf vielfältige Weise, so dass beispielsweise eine Erhöhung der gesetzlichen Arbeitszeit in Belgien verhindert werden konnte.

Im letzten Kapitel wird die Beschäftigungspolitik der Bergbaugesellschaften unter dem Eindruck der deutschen Förderprogramme, sowie des schon vor dem Krieg herrschenden Arbeitskräftemangels und den deutschen Anwerbungen für das Reich thematisiert. In einem kurzen Epilog finden die Auswirkungen der Befreiung, insbesondere die Säuberungen Eingang in die Darstellung. Nathalie Piquet legt mit ihrer – im Rahmen eines Cotutelle-Verfahrens zwischen der Ruhr-Universität und der Université Charles de Gaulle Lille III entstandenen – Dissertation eine gut strukturierte, eingängig geschriebene und schlüssig argumentierte Arbeit vor. Ihr Ansatz, Nordfrankreich und Belgien gemeinsam zu untersuchen, erweist sich – entgegen mancher grundsätzlicher Kritiker einer solchen Herangehensweise3 – als gerechtfertigt. Für einige längere Auszüge aus niederländischsprachigen Quellen wäre eine Übersetzung in der Fußnote wünschenswert gewesen und auch einige Begriffe aus der Bergmannsprache hätten eine kurze Fußnote verdient. Angesichts der Bedeutung der Studie für die belgische und französische Historiografie fällt die abschließende Zusammenfassung der Ergebnisse auch auf Französisch positiv auf, ein baldiges Erscheinen der Arbeit in einem französischsprachigen Verlag wäre daher sehr zu begrüßen.

1 Nathalie Piquet, Charbon – Travail forcé – Collaboration. Der nordfranzösische und belgische Bergbau unter deutscher Besatzung, 1940 bis 1944, Essen 2009, S. 52.

2 Lynne Taylor, Between Resistance and Collaboration. Popular Protest in Northern France 1940–45. London 2000.

3 Nico Wouters, Davantage la France que la Belgique. L’unicité du Nord-Pas-de-Calais, in: Cahiers-Bijdragen 15 (2005), S. 205–223.

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N. Piquet, Charbon - Travail forcé - Collaboration (Johannes Schmid)
In: Francia-Recensio, 2009-3, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
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Dokument zuletzt verändert am: 25.01.2010 13:33
Zugriff vom: 07.02.2012