A. Pinel, Une police de Vichy (Peter Lieb)
Alain Pinel, Une police de Vichy. Les groupes
mobiles de réserve (1941–1944). Préface de Philippe Braud, Paris
(L’Harmattan) 2004, 400 S. (Sécurité et société), ISBN
2-7475-6670-6, EUR 32,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Peter Lieb, Sandhurst
Die historische Bewertung des Vichy Regimes (1940–1944) hat seit 1945 viele grundlegende Paradigmenwechsel erlebt: Der »bouclier« verwandelte sich über die Jahrzehnte immer mehr fast schon zum Grund allen Übels für die »années noires«. Mittlerweile gilt das Vichy Regime weitgehend als gut erforscht, doch tun sich immer wieder grundlegende Forschungslücken auf. Vor allem hat man bisher den Organen des »Repressionsapparats« nicht immer die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt. Besonders frappierend ist hierbei, dass noch immer keine, wissenschaftlichen Ansprüchen voll genügende Studie zur Milice française vorliegt. Dasselbe hat sich auch lange über die Groupes mobiles de réserve (GMR) sagen lassen. Die vorliegende Studie von Alain Pinel versucht nun diese Lücke zu füllen.
Zunächst einmal stößt jeder Forscher, der sich diesem Themenfeld widmen möchte, auf ein schwerwiegendes Quellenproblem: Offiziell haben sich keine genuinen Akten der GMR erhalten, da sie möglicherweise kurz vor der Libération vernichtet wurden. Pinel versucht diesen Quellenmangel auf eine methodisch nicht unproblematische Weise zu umgehen, indem er sich auf Untergrundzeitungen der Résistance stützt, ohne dabei immer die nötige Quellenkritik walten zu lassen. Das führt freilich in der Bewertung seines Untersuchungsgegenstandes zu einigen Fehlbewertungen. Eine systematischere Erforschung der Bestände des Innenministeriums von Vichy oder auch lokaler Archive wäre sicher ratsamer gewesen, um dieses Problem der fehlenden Unterlagen zu lösen.
Das Buch selbst ist logisch aufgebaut und folgt einer chronologischen Linie. Im April 1941 stellte das Vichy-Regime die GMR neu auf, um neben der nur 100 000-Mann fassenden Waffenstillstandsarmee auf eine weitere paramilitärische Organisation zurückgreifen zu können. Mit gut 6000 Mann blieben die GMR aber vergleichsweise klein, bildeten aber bis 1943 eines der bevorzugten »Repressionswerkzeuge« des Regimes. Mit Joseph Darnands Übernahme des gesamten Polizeiapparats (Forces du maintien de l’ordre) Ende 1943 löste dann die deutlich radikalere Milice française die GMR in dieser Rolle ab. Anders als beispielsweise die Gendarmerie oder die Police rekrutierten sich die GMR nicht lokal, man kasernierte sie strikt getrennt von der Bevölkerung und ihre Einsätze erfolgten vor allem im Jahr 1944 hauptsächlich als »Feuerwehr« im Kampf gegen die erstarkende Résistance. Dabei waren die GMR aber stets chronisch unterbewaffnet, ihre Moral war in den letzten Monaten des Vichy-Regimes als gering zu veranschlagen. Die deutschen Besatzer stellten spätestens nach dem Versagen von Milice française und GMR bei Glières im Februar/März 1944 beide Gruppierungen für den weiteren Kampf gegen den Maquis ins Abseits. Die GMR wurden fortan nicht mehr geschlossen gegen die Aufständischen eingesetzt.
Welche Rolle spielte die GMR in diesem Kampf und der Repression? Dies ist die eigentliche zentrale Frage des Buches von Alain Pinel. Doch geht der Autor dabei sogar noch weiter: Basierend auf soziologischen Ansätzen möchte er mit seiner Studie die Gewalt von Seiten des Staates (»violence d’État«) als Bekundung des politischen Willens erforschen. Dabei stößt man schnell auf ein Definitionsproblem. Es handelt sich dabei um das Wort »répression«, das in der Wissenschaft zu Vichy und zur deutschen Besatzung generell sehr schwammig verwendet wird. Prinzipiell bedeutet »répression« die Unterdrückung von gegen den Staat gerichteter politischer Meinung. Dies alleine ist freilich noch nichts Verwerfliches, schließlich gehen im Prinzip auch demokratische Staaten gegen Organisationen vor, deren Ziel die Abschaffung des demokratischen Rechtsstaates ist. Die Frage ist viel eher, welche Mittel dabei angewandt werden. Handelt es sich um die polizeiliche Suche nach den Tätern mit rechtlichen Mitteln, handelt es sich um die Exekution von Staatsgegnern ohne bzw. nach einem Gerichtsurteil oder handelt es sich um die Massakrierung von unschuldigen Frauen und Kindern? Dies alles sind rechtlich und moralisch gewaltige Unterschiede, welche das Wort »répression« allein nicht zu fassen vermag.
So sind – nicht zuletzt auch wegen der oben erwähnten mangelnden Quellenkritik – Pinels Schlüsse an einigen Stellen nicht immer überzeugend. Gewiss, die GMR waren ein paramilitärischer/polizeilicher Verband, der einem autoritären Regime diente und der in der Verfolgung politischer Gegner ganz sicher nicht nach heutigen Rechtsmaßstäben vorging. Doch geht der Autor in seiner Analyse über die GMR und ihrer Beteiligung an der Terrorpolitik des Jahres 1944 an einigen Stellen deutlich zu weit. So ist es völlig überzogen, wenn Pinel suggeriert, die GMR hätten im Frühjahr und Sommer 1944 häufig geplündert, gefoltert und sich an Massenexekutionen beteiligt. Als Beweise kann der Autor nur ganz wenige Einzelfälle anführen; diese sind aber weder in Qualität noch Quantität mit Ausschreitungen der ungleich radikaleren Milice zu vergleichen. Pinel lastet GMR-Offizieren oder -Männern allein schon die Zeugenschaft von Exekutionen gefangener résistants als »passivité coupable« an.
Im Sommer 1944 galten die GMR als nicht mehr zuverlässig und konnten nur mehr zusammen mit der Milice eingesetzt werden. Gewiss, die Anzahl der Überläufer zum Maquis blieb geringer als bei der Police oder der Gendarmerie, doch insgesamt desertierten 20 % der GMR. Für ein angeblich exklusives Repressionsinstrument von Vichy ist das eine sehr hohe Zahl, vor allem wenn man auch all die Barrieren zum Überlaufen bedenkt, die Pinel selbst beschreibt. Es ist auch bezeichnend, wenn die neue Französische Republik nach der Libération die GMR nicht auflöste, sondern Ende 1944 in die heute noch existierenden Compagnies républicaines de sécurite (CRS) umwandelte. Über 50 % der Kommandeure, fast 70 % der übrigen Offizier und 80 % der Unteroffiziere wurden von der GMR in die CRS übernommen. Die GMR waren also in der Masse keine blind staatshörigen Vichyisten bis zum August 1944, zu der sie Pinel bisweilen machen will.
Insgesamt hat das Buch den Rezensenten mit sehr gemischten Gefühlen zurückgelassen. So konnte Pinel die Entwicklung der GMR vor allem in der frühen Phase des Vichy-Regimes gut nachzeichnen, doch letztlich gehen einige seiner Schlüsse vor allem für das Jahr 1944 zu weit. Man wird bei der Lektüre das Gefühl nicht los, als habe Pinel bereits vor der Abfassung seiner Studie eine vorgefertigte (und häufig zu negative) Meinung zu seinem Untersuchungsgegenstand gehabt. Eine solidere Grundlagenforschung zur GMR wäre hilfreicher gewesen als eine soziologisch angehauchte Studie über die »violence d’État«. Hinzu kommen mehrere Sachfehler, vor allem bezüglich des deutschen Besatzers. Das Buch ist sicherlich als solider Grundstein für eine weitere Erforschung der »Repressionsorgane« des Vichy-Regimes zu werten, doch sollte man zukünftig an einigen Stellen schärfer differenzieren als dies in dem vorliegenden Buch getan wurde.
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