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K. Marmetschke, Feindbeobachtung und Verständigung (Sebastian Liebold)

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Katja Marmetschke, Feindbeobachtung und Verständigung. Feindbeobachtung und Verständigung in den deutsch-französischen Beziehungen

Francia-Recensio 2009/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Katja Marmetschke, Feindbeobachtung und Verständigung. Feindbeobachtung und Verständigung in den deutsch-französischen Beziehungen, Köln, Weimar, Wien (Böhlau) 2008, 589 S., ISBN 978-3-412-20184-5, EUR 74,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Sebastian Liebold, Chemnitz

Alle Mühen um Verständigung glichen in der Stresemannzeit zerbrechlichen Pflänzchen. Edmond Vermeil brachte sich auf diesem Hoffnung weckenden Feld ein: Er dolmetschte zwischen Raymond Poincaré und dem deutschen Außenminister bei der Unterzeichnung des Briand-Kellogg-Paktes am 27. August 1928 in Paris (S. 228), schrieb in den parallel erscheinenden Zeitschriften »Revue d’Allemagne« und »Deutsch-Französische Rundschau« und sprach am 28. März 1930 als Carnegie-Gastdozent an der Hochschule für Politik in Berlin über deutsche und französische Demokratie­vorstellungen: Bemerkenswert ist der für beide Länder konstatierte Transformationsprozess, der eine Annäherung mit der Zeit erleichtern sollte (S. 317).

Katja Marmetschke hat sich in jahrelanger Arbeit mit dem vielschichtigen Werk Vermeils befasst, das von der ganzen Interessenbreite des französischen Germanisten zeugt: Ernst Troeltschs Religionsphilosophie, öffentliche Meinung im Elsass, Verfahrens- und Verfassungsfragen der Weimarer Nationalversammlung, das Leben Walther Rathenaus, Parteientwicklungen samt Aufstieg der NSDAP – aus Straßburger und (seit 1935) Pariser Perspektive bis heute spannend zu lesen. Als scharfer Gegner des Nationalsozialismus ging Vermeil 1942 ins Londoner Exil. Aufgrund seiner Erfahrungen beharrte er nach 1945 auf dem Misstrauen gegenüber Deutschland – politisch umgesetzt als Chef der »Commission de rééducation du peuple allemand«.

Die französische Politik des Misstrauens prägte Vermeil, und er assistierte: Als Nachrichten­offizier im Ersten Weltkrieg und mit Vorlesungen am Mainzer »Centre d’études germaniques« während der Rheinlandbesetzung, die er 1919 noch in Uniform abhielt. Er entwickelte geradezu eine »Germanistik des Misstrauens« (S. 201), die in Straßburg eine »Wachpostenfunktion» für Frankreich erfüllte. Sein »Bulletin de la presse allemande« gilt als Blatt zur »Feindbeobachtung«. Diese Haltung musste die deutsch-französischen Beziehungen belasten, wie die Autorin (zu) vorsichtig einschätzt; Vorbehalte auf beiden Seiten bedingten das Scheitern der Verständigung in der Radikalisierungsphase der Nationalismen nach 1930 mit. Die von Vermeil verfochtene These »von Luther über Bismarck zu Hitler« (etwa in »L’Allemagne du congrès de Vienne à la révolution hitlérienne» von 1934) bleibt umstritten (S. 410). Bleibende Verdienste hat Vermeil in der Hilfe für deutsche Emigranten, wie Marmetschke nachweist (S. 389).

Obgleich Vermeil vor deutschem Machtstreben warnen wollte, schuf er Analysen zum Extremismuspotenzial: 1923 über radikale Antworten auf die Inflation, nach 1930 über kommunistische und nationalsozialistische Antworten auf die Weltwirtschaftskrise. Vermeil ist Zeitdiagnostiker; so kann er auch als Politikwissenschaftler gelten, der mit klarer – leider wenig gehörter – Stimme Gefährdungen für die Demokratie in der Zwischenkriegszeit benannte (Christoph Gusys Band »Demokratie in der Krise« von 2008 zeigt die europäische Perspektive dieses Problems auf). Dem turn zu autoritären Staatsordnungen trat er entgegen, die europäische Modernitätskrise konnte er nicht beeinflussen.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfüllte sich Vermeils Hoffnung, die er 1923 geäußert hatte, als Friedrich Ebert mit Notverordnungen gegen die Inflation ankämpfte: »Il n’est pas dit, que la France ne puisse pas pousser sa voisine dans la bonne voie et lui montrer le choix à faire, le chemin à suivre«. Interessanterweise hat das Nachkriegsfrankreich, gebeutelt durch Algerienkrise, eine zersplitterte Parteienlandschaft und damit einhergehenden instabilen Regierungen das Weimarer Verfassungsgefüge 1958 erfolgreich zur Staatsräson erhoben.

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K. Marmetschke, Feindbeobachtung und Verständigung (Sebastian Liebold)
In: Francia-Recensio, 2009-3, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
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Zugriff vom: Feb 08, 2012