K. Kühlem, Hans Kroll (1898-1967) (Herbert Elzer)
Kordula
Kühlem, Hans Kroll (1898–1967). Eine diplomatische Karriere im
20. Jahrhundert, Düsseldorf (Droste) 2007, 697 S. (Forschungen
und Quellen zur Zeitgeschichte, 53), ISBN 978-3-7700-1904-5, EUR
48,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Herbert
Elzer, Andernach
Der aus dem oberschlesischen Grenzdorf Deutsch-Piekar bei Beuthen stammende Hans Kroll empfand schon als Kind die Faszination des damals nur einen Steinwurf entfernten Russland. Blutjung im Ersten Weltkrieg kämpfend, wurde Kroll bei Verdun schwer verwundet. Nach der langwierigen Genesung bildete der Abstimmungskampf in Oberschlesien seine erste Herausforderung, agierte er doch für den Pressedienst des deutschen Plebiszit-Kommissariates. Kroll engagierte sich für einen Verbleib Oberschlesiens beim Deutschen Reich, war aber Polen gegenüber versöhnungsbereit. Nach seinem Studium der Geschichte, Staatswissenschaft und Nationalökonomie in Breslau, Greifswald und Jena zog es ihn in den auswärtigen Dienst. Seine Laufbahn begann im November 1921 in Lissabon. Mitte 1923 lernte er als stellvertretender Generalkonsul in Odessa erstmals die Sowjetunion kennen. Fernab der großen Politik fühlte sich Kroll trotz spannender Erlebnisse mit Meutereien auf deutschen Schiffen im Schwarzen Meer unwohl. Im Oktober 1925 wurde er nach Chicago versetzt, wo es ziemlich langweilig zuging.
Am Ende des Jahrzehnts stand er dem in die Krise geratenen Parlamentarismus in Deutschland skeptisch gegenüber und hielt auch einen resoluteren Kurs der deutschen Außenpolitik für erforderlich. Den Stellenwert des 30. Januar 1933 unterschätzte Kroll – wie viele andere Angehörige des Auswärtigen Amtes. Die frühen 1930er Jahre verbrachte er in der Berliner Zentrale im Stab von Karl Ritter mit Problemen der deutschen Wirtschaft und der Reparationen. Im September 1936 avancierte Kroll zum Botschaftsrat in Ankara unter Friedrich von Keller bzw. Franz von Papen. Die wichtigste Aufgabe lautete, die Neutralität der Türkei zu wahren. Kroll stand im Schatten des eitlen von Papen, trug aber zum deutsch-türkischen Freundschaftsvertrag vom 18. Juni 1941 bei. Der stets forsche Kroll hatte mit dem Vertreter der Auslandsorganisation der NSDAP in Ankara schwere Zusammenstöße, glaubte aber, sich dessen Ansinnen nicht immer entziehen zu können. Kroll war ein Gegner der Eroberungspolitik des Dritten Reiches und fand nie Zugang zur Ideologie des Nationalsozialismus. Im Mai 1943 wurde er Generalkonsul in Barcelona. Die deutsch-spanischen Beziehungen waren ähnlich heikel wie die deutsch-türkischen, und Kroll vermochte der Versuchung zu politischen Aktivitäten nicht zu widerstehen – zum Verdruss von Botschafter Hans Heinrich Dieckhoff.
Kroll flog Ende 1945 von Spanien nach Deutschland zurück. Er wurde bis Oktober 1946 interniert und sagte in Nürnberg zugunsten von Papens aus. Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen engagierte ihn im Sommer 1947 als Beauftragten für das Referat »Frieden«. Kroll forcierte durch seine Streitlust den Konflikt mit dem konkurrierenden Stuttgarter Büro für Friedensfragen. Nach seiner Entlassung durch Karl Arnold nominierte ihn die CDU nicht für den Bundestag. Kroll wurde dann im Bundesministerium für Wirtschaft (BMWi) beschäftigt. Er war zunächst deutscher Repräsentant im Embargo-Ausschuss in Paris, der auf amerikanische Initiative den Osthandel überwachte. Seit März 1951 leitete Kroll in Bonn die neue Gruppe West-Ost im BMWi. Kroll gelang es, die alliierte Kontrolle des deutschen Außenhandels allmählich abzuschütteln.
Seit mehreren Jahren plädierten prominente Köpfe wie Heinrich von Brentano und Hans Globke für eine Verwendung Krolls im auswärtigen Dienst. Im Januar 1953 war es soweit: Er wurde Botschafter in Jugoslawien. Kroll koppelte von Tito gewünschte Kredite diskret mit einer Entlassung deutscher Kriegsgefangener und der Ausreise deutschstämmiger jugoslawischer Staatsbürger. Durch seine pragmatische Grundhaltung zum autoritären Regime und seinen »guten Draht« zu Tito verbesserte Kroll das gespannte deutsch-jugoslawische Verhältnis. Kroll hatte Verständnis für den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Belgrad, der im Oktober 1957 wegen der völkerrechtlichen Anerkennung der DDR gemäß der Hallstein-Doktrin erfolgte. Zu diesem Zeitpunkt war er längst Botschafter in Japan (Mai 1955 bis März 1958). Diese eher ruhige Tätigkeit füllte Kroll nicht aus. Die relativ wichtigen bilateralen Wirtschaftsfragen oblagen der Zuständigkeit des BMWi, so dass Kroll sich in Kulturangelegenheiten besonders ins Zeug legte.
Er blieb sensibel für die Frage der deutschen Einheit: Die Stalin-Note vom März 1952 schien ihm der Prüfung wert, und die europäische Integration bedeutete ihm eher taktisches Instrument denn Herzenssache. Erst als Adenauer im Frühling 1958 neue Akzente in seiner Ostpolitik setzte (»Österreich«-Vorschlag), schlug im Mai die Stunde von Krolls langersehnter Ernennung zum Botschafter in der UdSSR. Er hegte keine Illusionen: Eine Wiedervereinigung Deutschlands war in Moskau tabu; zunächst sollte eine Normalisierung des Verhältnisses angestrebt werden. In der Berlin-Krise tat Kroll sein Bestes, den Gesprächsfaden mit der sowjetischen Regierung nicht abreißen zu lassen, ohne unannehmbaren Postulaten wie der in Friedensvertragsentwürfen untermauerten Zwei-Staaten-Theorie und der Forderung einer Freien Stadt West-Berlin zu willfahren. Kroll baute auf das sowjetische Interesse an besseren (Wirtschafts-)Beziehungen zur Bundesrepublik und an Abrüstung allgemein. Er trachtete, sich der Wiedervereinigung in kleinen Schritten anzunähern. Dafür bedang er sich unter Berufung auf seine verblüffenden persönlichen Kontakte mit den Sowjetführern einen gewissen Spielraum aus und akzeptierte Instruktionen aus Bonn stets nur cum grano salis. Das führte zu erheblichem Misstrauen des Auswärtigen Amtes, welches durch den Aplomb des Botschafters angefacht wurde. Sein einstiger Förderer Außenminister von Brentano wandelte sich zum Gegner Krolls, und auch dessen Nachfolger Gerhard Schröder lehnte ihn im Chor mit vielen subalternen Beamten ab. Immer wieder versuchte Kroll, ein Treffen von Nikita Chruschtschow mit Adenauer anzubahnen. Die Grobheit des sowjetischen Ministerpräsidenten inklusive persönlicher Beleidigungen Adenauers erleichterte Kroll sein Vorhaben nicht gerade.
Entgegen der Fama war Krolls Verhältnis zu Adenauer schwankend. Im November 1961 legte Kroll kraft eigenen Entschlusses Chruschtschow ein Konzept vor, das zur Rettung West-Berlins eine tendenzielle Bereitschaft zum Abschluss eines Friedensvertrages offerierte. Das Auswärtige Amt zeigte sich empört über diese – inhaltlich brisante – Eigenmächtigkeit eines Botschafters. Er schien Adenauer aber durch seinen kessen Schneid zu imponieren. Der Kanzler spürte, dass Bewegung gen Osten erforderlich war, und Kroll verkörperte dies. Als der Gegenwind im März 1962 zu stark wurde, ließ der Kanzler ihn fallen. Sein erzwungener Abgang wurde durch zeitliche Streckung bis September 1962 und eine Beraterstelle für Ostfragen im Auswärtigen Amt gemildert. Im Sommer 1963 führte der soeben pensionierte Kroll im vagen Einverständnis mit Adenauer nochmals fruchtlose Sondierungsgespräche mit Botschafter Andrej Smirnow, die an Adenauers »Burgfriedensplan« aus dem Jahre 1962 anschlossen. Krolls »Lebenserinnerungen« stießen in der Öffentlichkeit auf große Resonanz. Kroll konnte den Erfolg nicht mehr auskosten, denn er starb im August 1967 unmittelbar vor deren Erscheinen.
Insgesamt scheint Kroll bei der von ihm als Krönung seiner Karriere begriffenen »Mission« in Moskau zu sehr auf Maximalpositionen Chruschtschows eingeschwenkt zu sein, die der Bundesrepublik große Opfer aufgebürdet hätten, ohne West-Berlin zu sichern. Krolls Angriffe auf das »«unflexible« Auswärtige Amt, ständige Schlagzeilen in den Medien und Pressefehden besonders mit Georg Schröder (»Die Welt«) machten Krolls Absetzung als Botschafter überfällig. Er hatte gewiss die besten Intentionen, agierte aber zu sprunghaft und risikofreudig. Er wollte als Patriot weder die deutsche Einheit noch die deutschen Grenzen preisgeben, doch just dieses Resultat drohte in jener von sowjetischen Ultimaten geprägten Periode, in der es für Bonn um die Verteidigung deutschlandpolitischer Bastionen ging. Krolls überbordender Ehrgeiz und sein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis erhöhten die Gefahr eines Fiaskos.
Dank einer großartigen Rechercheleistung von Kordula Kühlem liegt Krolls abwechslungsreiches Diplomatenleben nun offen zutage. Sie hat alle Stationen Krolls mit einschlägigem Archivmaterial bei fundierter Eruierung des jeweiligen Hintergrundes beleuchtet. Es war nicht tragisch, dass Krolls tastender Avantgardismus in der Ostpolitik um 1960 nicht zum Zuge kam, aber es ist gut, dass die Nachwelt von den kühnen Gedankenflügen eines unbequemen Außenseiters erfährt, der zum Beamten mit naturgemäß begrenztem Handlungsspielraum nicht recht taugte. Über den Diplomaten Kroll erfährt der Leser alles, vom Menschen Kroll und seinem Privatleben hätte er gerne ein zumindest vages Bild gewonnen. Obwohl die Autorin darauf verzichtet hat, ist ihr eine nüchtern urteilende und höchst informative, auch die deutsche Sowjetforschung bereichernde Biografie einer vom Westen weniger als vom Osten in den Bann geschlagenen Botschafterpersönlichkeit der Bundesrepublik zu verdanken.
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