S. Kalman, The Extreme Right in Interwar France (Klaus-Jürgen Müller)
Samuel
Kalman,The
Faisceau and the Croix de Feu, Aldershot, Hampshire (Ashgate
Publishing) 2008, XII–265 S., ISBN 978-0-7546-6240-2, GBP 55,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Klaus-Jürgen
Müller, Hamburg
Seit Jahren hält die zeitweilig recht lebhafte Debatte um die Frage an, ob Frankreich in der Zwischenkriegszeit gegen den »Faschismus« immun gewesen sei oder ob dieses politische Phänomen gar französische Wurzeln besessen habe. Unterschiedliche methodische Ansätze sind erprobt worden. Eine Schwäche dabei war fraglos die Fixierung auf einen generellen Faschismusbegriff. Das hat vielfältige, oft höchst geistvolle Begriffsdefinitionen hervorgebracht, die jedoch alle – nicht zuletzt aufgrund unzureichender empirischer Untermauerung – in die eine oder andere Sackgasse führten1. Alternativen Denkschulen sahen alsbald solche auf einem klassifikatorischen Faschismusbegriff beruhende Ansätze angesichts der komplexen Phänomene, um die es ging, als unangemessen an. Ihre Vertreter, die statt ideengeschichtlicher Zugriffe eher struktur- und sozialgeschichtliche Analysen bevorzugten2, bemühten sich fortan um eine hinreichende empirische Grundlegung der Debatte3.
Einen bedeutsamen und gewichtigen Beitrag bei dem Bemühen um eine erforderliche solide Erfassung der historischen Erscheinungen, die man oft ebenso vorschnell wie nichtssagend als »faschistisch« bezeichnet hat, stellt die Dissertation des kanadischen Historikers Samuel Kalman (Saint Francis Xavier University) dar. Er untersucht auf breitester Quellengrundlage und in konstruktiver Auseinandersetzung mit der einschlägigen Literatur zwei extremistische Bewegungen im Frankreich der Zwischenkriegszeit: den von Georges Valois 1924 begründeten Faisceau und die Croix-de-Feu, welche der Colonel de La Roque in den dreißiger Jahren zu einer beachtlichen Massenbewegung machte und die er ab 1938 zu einer sich in das politisch-parlamentarische Spiel eingliedernden Partei, den Parti social français (PSF), umwandelte. Beide Gruppierungen wurden in der Literatur bereits ausführlich behandelt. Dabei wurden sie häufig als »faschistisch« qualifiziert. Das lag bei dem Faisceau durch dessen Selbstbezeichnung auf den ersten Blick nahe, war bezüglich der Croix-de-Feu jedoch von Anfang an umstritten. Kalman schlägt nun eine neue Interpretation vor. Er ordnet diese beiden extremistischen Gruppierungen in einen größeren Zusammenhang ein, indem er sie zu extremistischen Vorläufern seit der Boulanger- und der Dreyfus-Affäre sowie dann zu der Entwicklung in der Vichy-Ära in Beziehung setzt. So vermag er Kontinuitäten und Brüche aufzuzeigen. Nach Kalman hätten diese beiden Gruppierungen im Gegensatz zu anderen analogen Erscheinungen umfassende Konzepte für eine grundlegende Transformation von Staat und Gesellschaft Frankreichs entwickelt.
Dementsprechend analysiert er in fünf Kapiteln die Vorstellungen des Faisceau und der Croix-de-Feu/PSF zur Reform von Staat und Regierung, zur Erneuerung des ökonomischen Systems, zur Frauen- und Familienpolitik, zur Jugendpolitik und zur Politik des Ausschlusses von Juden und Fremdländischen. Wesentliches Ergebnis der eingehenden und umfassend angelegten Untersuchung ist die Erkenntnis, dass beide Organisationen zwar in der Kontinuität von 55 Jahren rechtsextremen bzw. rechtskonservativen Ideenkonglomerates gegen die Dritte Republik standen, aber in ideologischer Hinsicht keineswegs monolithisch waren. Sie standen in der Tradition eines französischen Nationalismus; gleichzeitig lehnten sie als »reactionary modernizers«4 sowohl liberalen Kapitalismus als auch Sozialismus zugunsten eines technologisch, gesellschaftlich und ökonomisch modernisierten, autoritären Staatswesens ab. Sie nahmen dabei Anregungen aus französischen Ideentraditionen, und zwar linken wie sozialkatholischen (Sorel, Proudhon, de Mun, La Tour du Pin) auf, aber auch von ausländischen Modernisierern (Ford, Taylor) sowie inländischen Technokraten (Mercier, LeCorbusier, Vertretern des »planism«).
Im Gegensatz zu Auffassungen in bisherigen Arbeiten gab es – wie Kalman zeigt – innerhalb des Faisceau wie auch der Croix-de-Feu/PSF nicht nur die von Valois bzw. de La Rocque entwickelten Doktrinen zum Umbau von Staat, Gesellschaft und Ökonomie, sondern mancherlei alternative, auch durchaus einander entgegen gesetzte Konzeptionen. Im Faisceau zum Beispiel stellte eine konservative Fraktion ihre verschiedenen autoritären Staats- und Gesellschaftsideen der progressiven Modernisierungsideologie des Georges Valois entgegen. Umgekehrt gab es innerhalb der Croix-de-Feu/PSF weit radikalere Konzepte als nur das des eher konservativ-traditionalistischen de La Rocque. Sozial- und wirtschaftspolitisch standen modernisierende Technokraten den Vertretern traditionalistischer oder sozial-katholischer Auffassungen ebenso gegenüber wie rabiate Antisemiten den Vertretern einer gemäßigten Ausländerpolitik. Ähnliche ideologische Unterschiede gab es in der Frauen- und Jugendpolitik.
Abgesehen von einem massiven Nationalismus und radikalen Antikommunismus gab es innerhalb dieser beiden Gruppierungen kaum eine ideologische Gemeinsamkeit. Um jedoch die Macht im Staat zu erlangen – die Voraussetzung zur Realisierung ihrer jeweiligen Ideen – stellte man die konzeptionellen Differenzen weitgehend zurück; nur der Anschein ideologischer Geschlossenheit und eine populistische Taktik ermöglichten Mitgliederzuwachs und öffentliche Anerkennung als Voraussetzung für die erstrebte Machtergreifung. Die innere Fraktionalisierung im Faisceau und in den Croix-de-Feu/PSF entsprach nach Kalman ab 1940 einem entsprechenden kontroversen Pluralismus innerhalb des Vichy-Regimes: Auch in Pétains »État français«, dem sich Vertreter beider Organisationen anschlossen, standen ökonomische Modernisierer gegen konservative Handwerks- und Landwirtschaftsvertreter, Vorkämpfer einer jugendlichen »Neuen Ordnung« gegen katholische Moralisten, Eugeniker gegen Vertreter einer traditionellen Familien- und Geburtenförderungs-Politik. Sie alle sahen in Vichy die Chance, ihre jeweiligen Vorstellungen zu realisieren. Ihr Erfolg war unterschiedlich: Der Faisceau scheiterte nahezu vollständig, die Croix de Feu/PSF konnten ihre Vorstellungen nur begrenzt durchsetzen.
Kalman hat eine überaus anregende Arbeit vorgelegt, die der fortdauernden Debatte um den Rechtextremismus in Frankreich nicht nur neue Aspekte bietet, sondern auch zur besseren Grundlegung beiträgt.
1 Vgl. dazu meine Rezensionen in Francia 26/3 (1999), S. 250–252 und Francia 32/3 (2005), S. 273f. sowie in Francia 34/3 (2007), S. 287–289.
2 Vgl. etwa Michel Dobry, Février 1934 et la découverte de l’allergie de la société française à la ›révolution fasciste‹ (Revue française de sociologie, juillet–décembre 1989), und Ders., (Hg.), Le mythe de l’allergie française, Paris 2003. Wie Dobry hat der Rezensent gleichfalls alternative methodische Vorschläge im Sinne eines mentalitäts- struktur- und sozialgeschichtlichen Zugriffs gemacht: Klaus-Jürgen Müller, French Fascism and Modernization, in: Journal of Contemporary History 2 (1976), S. 75–107; Ders., Protest – Modernisierung – Integration. Bemerkungen zum Problem faschistischer Phänomene in Frankreich 1924–1934, in: Francia 8 (1980), S. 466–152; Ders., Fascism in France? Some Comments on Extremism in France Between the Wars, in: Haim Shamir (Hg.), France and Germany in an Age of Crisis 1900–1960, Leiden, New York, Kopenhagen, Köln 1990, S. 275–301, Ders., Ambition, argent et protestation. Remarques sur un phénomène d’extrémisme dans la France de l’entre-deux-guerres (1934–1939), in: Gilbert Merlio (Hg.), Ni gauche, ni droite: les chassés-croisés idéologiques des intellectuels français et allemands dans l’entre-deux-guerres, Talence1995, S. 229–244 sowie Ders., »Faschismus« in Frankreichs Dritter Republik? Zum Problem der Überlebensfähigkeit der französischen Republik zwischen den Weltkriegen, in: Horst Möller, Manfred Kittel (Hg.), Demokratie in Deutschland und Frankreich 1918–1933/40. Beiträge zu einem historischen Vergleich, München 2002, S. 91–130.
3 So etwa William D. Irvine, French Conservatism in Crisis. The Republican Federationof France in the 1930s, Baton Rouge 1979 und Kevin Passmore, The Construction of Crisis, in: Brian Jenkins, (Hg.), France in the Era of Fascism. Essays on the French Authoritarian Right, New York, Oxord 2005, S. 151–199; vgl. auch Ders., From Liberalism to Fascism. The Right in a French Province 1928–1939, Cambrigde 1997.
4 Diesen Begriff entwickelte der Verf. in Anlehnung an Jeffrey Herf, Reactinary Modernism: Technology, Culture and Poltics in Weimar and the Third Reich, Cambridge 1984.
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