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R. F. Hamilton, H. H. Herwig, Decisions for War, 1914-1917 (Peter Lieb)

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Holger H. Herwig, Decisions for War, 1914–1917

Francia-Recensio 2009/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Holger H. Herwig, Decisions for War, 1914–1917, Cambridge (Cambridge University Press) 2005, XVI–266 S., ISBN 0-521-54530-7, GBP 12,99.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Peter Lieb, Sandhurst

Eine der längsten und früher auch leidenschaftlich geführten historischen Debatten ist die Schuldfrage für den Beginn der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg. In Artikel 231 des Versailler Friedensvertrags drückte man die Schuld einseitig dem Deutschen Reich und seinen Verbündeten auf, ehe Ende der 1920er Jahre der ehemalige britische Premier Minister David Lloyd George von einem ungewollten »Hineinstolpern« der Großmächte in diesen Krieg sprach. Diese Sichtweise wurde bald zum Konsens und gefiel der internationalen Gemeinschaft lange Zeit als allgemeines Entlastungsargument. Anfang der 1960er Jahre sprengte dann der Hamburger Historiker Fritz Fischer mit seinen Büchern »Griff nach der Weltmacht« und später »Krieg der Illusionen« diese Harmonie und schob die Schuldfrage – wie schon im Versailler Vertrag – ausschließlich auf das Deutsche Reich. Fischer glaubte überdies eine gezielte deutsche Kriegsplanung in den Jahren vor 1914 zu erkennen. Diese Thesen lösten bekanntlich die erste große Historiker-Kontroverse in (West-)Deutschland aus und blieben dort lange Zeit überwiegende Lehrmeinung. Daneben kamen von Fischer selbst sowie der Sozialgeschichte neue Impulse. So sah man geistige Strömungen wie Militarismus oder Imperialismus sowie soziale und innenpolitische Spannungen in den einzelnen Staaten als die Hauptmotoren zum Waffengang. Viele dieser Thesen wurden mittlerweile wieder stark relativiert oder sogar widerlegt, doch bleibt das Thema Kriegsschuldfrage – fast hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs – ein viel diskutiertes und spannendes Forschungsfeld.

Das vorliegende Buch ist eine deutlich verkürzte Fassung ohne Fußnoten des 2003 erschienenen Sammelbandes »The Origins of World War I« und soll den Zugang zu diesem kontroversen Thema erleichtern. Den Autoren Richard F. Hamilton und Holger H. Herwig – beide anerkannte Experten in der Ersten Weltkriegsforschung – ist damit der große Wurf gelungen. So besticht bereits der Aufbau des Buches durch seine Benutzerfreundlichkeit. Nach zwei einleitenden Kapiteln werden die Motive der fünf europäischen Großmächte für den Waffengang einzeln abgehandelt. Anschließend folgen Analysen zu den Nachzüglern wie Japan, Italien, den Vereinigten Staaten und kleineren Staaten. Gerade eine ausführlichere Behandlung von Ländern wie dem Ottomanischen Reich, Bulgarien oder Griechenland ist eine willkommene Erweiterung und sprengt die häufig ausschließlich auf die Großmächte beschränkte Sichtweise. Lediglich zu Serbien hätte sich der Rezensent eine tiefere Analyse gewünscht, war doch auch dieses kleine Land direkt am Kriegsausbruch beteiligt.

Die erste Seite der Darstellung beginnt reichlich kontrovers und stimulierend: Der Erste Weltkrieg war gar nicht der erste Weltkrieg. Diese These ist zwar nicht ganz neu, doch sicherlich die Zählung. Nimmt man Hamiltons und Herwigs Definition eines Weltkriegs (fünf oder mehr Großmächte beteiligt mit Kämpfen auf zwei oder mehr Kontinenten) so ist man beim Ersten Weltkrieg bereits beim Siebten Weltkrieg angelangt. Es folgen kurze und abwägende Gedanken über häufig genannte tiefere Kriegsursachen wie aggressiver Außenpolitik zur Ablenkung innenpolitischer Missstände, Geheimbündnisse, Militarismus, Nationalismus, Sozialdarwinismus, Presse und wirtschaftlicher Imperialismus. Hamilton und Herwig leugnen nicht deren Einfluss, warnen aber gleichzeitig davor, diese Gründe überbewerten zu wollen und als Massenphänomen zu betrachten. Vor allem verweisen sie auf die Schwierigkeit, den Wirkungsgrad dieser Ideologien messen zu können. Der Bedeutung des letztgenannten Punkts, dem wirtschaftlichen Imperialismus, erteilen die Autoren sogar eine klare Absage. Überzeugend legen sie die Haltung der Finanz- und Wirtschaftswelt in den Jahren vor dem Kriegsausbruch und der Julikrise dar. Diese favorisierte nämlich nicht den Krieg, sondern Ausgleich und Frieden, schien doch eine politische Stabilität in Europa und der Welt der beste Garant für höhere Gewinne. Besonders die deutschen Industriellen sahen ihr Land schon in wenigen Jahren als klar dominierende Wirtschaftsmacht in Europa – ohne kriegerische Aktivitäten.

Hamilton und Herwig distanzieren sich somit von Deutungsmustern der Sozialgeschichte und kehren zu einer eher traditionellen Sichtweise zurück. Für sie wurden die Entscheidungen zum Waffengang in den jeweiligen Ländern von einer kleineren Koterie um die Monarchen bzw. Staatsoberhäupter getroffen. Maßgebend waren eindeutig machtpolitische Gründe für das Wohlergehen des einzelnen Staates. Generell machen »Männer« vielleicht nicht allein die Geschichte, doch haben sie einen nachhaltigen Einfluss auf Ereignisse, denn letztendlich treffen sie die Entscheidungen. Richtigerweise verweisen die Autoren auf einen offenen Widerspruch vieler Sozialhistoriker: Wenn man die Monarchen Russlands, des Deutschen Reichs und Österreich-Ungarn stets als autoritär darstellt, so würde es im Umkehrschluss wenig Sinn machen, ihre Verantwortung ausgerechnet im Juli 1914 klein reden zu wollen.

Auch bei einer Abhandlung der Kriegsschuldfrage bzw. des Kriegseintritts zeichnet sich das Buch durch Ausgewogenheit bei gleichzeitig klarer Thesenbildung aus. So trugen im Juli 1914 alle Mächte ihren Scheffel zum Ausbruch der Kriegs bei, allerdings mit einem nicht ungewichtigen Unterschied: Die drei monarchistischen Staaten Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland agierten, die beiden demokratischen Staaten Frankreich und Großbritannien hingegen reagierten. Bezeichnend bleibt dabei freilich, dass alle fünf Staaten aus defensiven Gründen handelten und im Juli 1914 keine Annexionsbestrebungen hegten. Alle fühlten sich von den Nachbarstaaten bedroht: Österreich-Ungarn sah in dem kleinen Serbien mit seinen südslawischen Einigungsbestrebungen eine große Gefahr für die Einheit der maroden Habsburger-Monarchie und hoffte mit einem lokalen Krieg dieses Problem zu lösen. Das Deutsche Reich ängstigte sich seit Jahren um die Einkreisung durch ein immer mächtiger empfundenes Russland und Frankreich und glaubte in der Julikrise mit einer »Besser-jetzt-als-später«-Mentalität den Waffengang zu rechtfertigen. Und Russland hatte seit dem Krimkrieg fast nur Niederlagen einstecken müssen und so galt die frühe Rückendeckung für Serbien in der Julikrise schon fast als letzte Verteidigungslinie vor dem Untergang des Zarenreichs. Großbritannien und Frankreich konnten auf diese Entwicklung nur noch reagieren, freilich nicht in einer mäßigenden Weise. Vor allem Frankreich war um jeden Preis an einer engen Allianz mit Russland gelegen.

Überwogen bei den fünf Großmächten im Juli 1914 ganz klar die defensiven Motive, so galt dies nicht für die späteren Kriegsteilnehmer. Japan, Italien, die Vereinigten Staaten und auch weitere kleinere Staaten traten fast allesamt aus offensiven Beweggründen in den Krieg ein, denn sie erwarteten von vornherein territoriale Gewinne. Eine Ausnahme bildeten hier natürlich die Vereinigten Staaten, deren Kriegseintritt sogar von noch weiter reichenden Forderungen begleitet war: Die Monarchien im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn sollten gestürzt werden, ja im Falle Österreich-Ungarns forderte US-Präsident Wilson sogar die komplette Vernichtung des Staatsgebildes.

Insgesamt gehört dieses konzise Buch mit zur besten Überblicksdarstellung über das komplizierte Feld der Kriegsschuldfrage. Es erlaubt einen exzellenten Zugang und regt zu vielen neuen Gedanken an. Die beiden Autoren bringen die Diskussion um die Entscheidung für Krieg oder Frieden auf feste Standbeine. So lange es Staaten gibt, werden sie immer von strategischen und nationalen Interessen geleitet sein. Die Entscheidungen hierzu trifft letztlich ein kleiner Kreis von Regierungsmitgliedern. Warum sollte dies gerade 1914 anders gewesen sein?

Bezüglich der Haltung des Deutschen Reichs sprechen Hamilton und Herwig von einer strategisch-defensiven Grundausrichtung, schließen sich also explizit den Thesen Andreas Hillgrubers an. Die Thesen Fritz Fischers hingegen sind in dieser Studie ein ums andere Mal widerlegt worden. Zwar befinden sich dessen Bücher noch in der (leider ausschließlich englischsprachigen) Forschungsliteraturliste, doch eigentlich ist das nicht mehr der richtige Platz: »Griff nach der Weltmacht« und »Krieg der Illusionen« sind selbst Geschichte geworden.

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R. F. Hamilton, H. H. Herwig, Decisions for War, 1914-1917 (Peter Lieb)
In: Francia-Recensio, 2009-3, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/ZG/hamilton-herwig_lieb
Dokument zuletzt verändert am: Feb 29, 2012 01:26 PM
Zugriff vom: May 24, 2012