A. Guyader, La Revue des idées 1941-1944 (Albrecht Betz)
Antonin Guyader, La Revue des idées
1941–1944. Des non-confirmistes en révolution nationale, Paris
(L’Harmattan) 2006, 358 S., ISBN 2-296-01038-5, EUR 31,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Albrecht Betz, Aachen
Als im Frühjahr 2007 Olivier Cariguels hervorragendes »Panorama des revues littéraires sous l’Occupation« im Verlag des IMEC erschien, hegten viele die Hoffnung, dem würde eine homologe Übersicht über die nicht-literarischen Zeitschriften folgen: jene, die die »Nationale Revolution« Vichys während ihrer vierjährigen Existenz politisch, sozial, ideologisch propagierten. Vor allem auch: wem von ihren ›Tenören‹ (zum Teil sehr bekannten Autoren und Publizisten) und wie es ihnen gelang, sehr rasch nach Kriegsende erneut gedruckt zu werden; meist dank Konversion ins liberale oder katholische Milieu.
Eine solche summa ist aber vorläufig nicht in Sicht, wie Umfragen im zeithistorischen Milieu ergaben. So wird man sich vorerst mit Einzelstudien zufrieden geben müssen und versuchen, ein – notwendig lückenhaftes – Mosaik zusammenzusetzen. Immerhin brachte »La Revue des revues« 1997 eine Nummer mit Aufsätzen zu wichtigen, unterschiedlich ausgerichteten Zeitschriften der Vichy-Periode heraus, die eine erste Übersicht erlaubte.
Einen Baustein zu jenem erhofften Panorama hat Antonin Guyader mit seiner Examensarbeit geleistet; sie versucht, die ideologische Entwicklung der in den 1930er Jahren nach einem Dritten Weg suchenden ›non-konformistischen‹ jungen Intellektuellen nachzuzeichnen, genauer: zu analysieren, welche mentalen Dispositionen und Argumentationsmuster sie mehrheitlich dahin führten, ab 1940 die »révolution nationale« – als unter den gegebenen Umständen einzig akzeptable Umsetzung eigener Konzepte – zu unterstützen. Der »neue Staat« hatte, zwecks Selbstdarstellung seiner Ziele und seines Wertekanons, zwei »revues de doctrine« lanciert, in denen sie – neben anderen – publizierten: »Idées« und »France, revue de l’État nouveau«. Die erste ist Gegenstand der Untersuchung von Guyader.
Wie nicht selten bei akademischen Pflichtarbeiten, wird viel schon Bekanntes reproduziert um zu bezeugen, welch umfangreiches Feld zur Kenntnis genommen wurde. So braucht Guyader selbst im zur Buchform gestrafften Text seines ursprünglichen mémoire de maîtrise hundert Seiten, eher er zur Monographie seiner Revue gelangt. Die darf deshalb Interesse beanspruchen, weil – wie Pascal Ory im Vorwort betont – bisher die beiden Extreme im Zentrum der Intellektuellengeschichte der vier »schwarzen Jahre« standen: jene, vor allem linksorientierten »politischen Familien«, die aus der Konfrontation als Sieger hervorgingen, und den erklärten Kollaborationisten wie Drieu la Rochelle oder Brasillach; hingegen war das Feld dazwischen, jenes der Vichy-Intellektuellen, das aus dem Zusammenfluss konterrevolutionärer und ›spiritueller‹ Ideen gespeist wurde, unterbelichtet geblieben. Spannend ist, wie sich gerade hier eine reaktionäre Grundhaltung mit einer revolutionären Pose und entsprechendem Diskurs verschränkte.
Wie sehr die Monatsschrift »Idées« , die knapp drei Jahre lang – bis zum Sommer 1944 – existierte, den Geist von Vichy repräsentiert, geht schon aus dem pikanten Detail hervor, dass ihr Herausgeber, René Vincent, in Personalunion Chef der Zensur war. Dies wiederum konnte den Spielraum auch für (in Maßen) kritische Beiträge gewährleisten, die sich etwa mit der zögerlichen Umsetzung oder den selbstproduzierten Hemmnissen der »Nationalen Revolution« auseinandersetzten; gelegentlich auch solche, die die collaboration unorthodox auffassten. Solche Schattierungen und Differenzierungen innerhalb des offiziell legitimierten nationalistischen Diskurses aufzufächern ist die eigentliche Leistung der Arbeit Guyaders.
Dass sie im ideologiekritischen Rahmen bleibt, gewährleistet eine durchaus zu lobende Kohärenz. Andererseits kommt dadurch eine Reihe von Fragen zu kurz, wie die nach der Diskussion der konkreten gesellschaftlichen Bedingungen nach dem traumatisierenden Zusammenbruch von 1940, innerhalb derer die »révolution nationale« umgesetzt werden sollte; oder die der Reaktionen auf die Machtdurchsetzung des neuen Staats. Wie bedeutsam war politischer und/oder materieller Opportunismus bei den Vichy-Intellektuellen? Wie (wenn überhaupt) diskutierten sie in »Idées« die Rolle der staatlichen Repression und Gewalt? Welche gesellschaftlichen Zustimmungspotentiale gab es?
Guyader stützt sich stark auf die seinerzeit Neuland erschließende, zurecht bekannte Studie von Louis Loubet del Bayle über »Les non-conformistes des années trente« und, etwas mehr als er deutlich macht, auf die kanadische Arbeit von Michel Bergès »Vichy contre Mounier. Les non-conformistes face aux années quarante« (1997). Sie haben den Raum der Anpassungen und Abspaltungen, der Akzeptanzen und Dissidenzen, der Feindbilder und der Identifikationen bereits umrissen.
Die Zuspitzung des Kampfes der »deux France« hatte seit der Dreyfus-Affäre nur zeitweilige Retardierungen erfahren. Für die Rechte war die Krise des Februar 1934 ein Menetekel; die jetzt spürbaren Folgen der Weltwirtschaftskrise, die Angst vor nationaler Dekadenz und drohendem Kommunismus, die Volksfront-Regierungen – all dies verdichtete sich bei ihr zu einem anti-republikanischen Syndrom, das die débâcle von 1940 erfahrbar zu machen schien als Strafe für die eineinhalb Jahrhunderte im Zeichen der Ideen von 1789. Das »ancien régime« – das war in der Propaganda nach 1940 die IIIe République in ihrer Endphase. Nur durch ein Arrangement an der Seite Deutschlands als neuer europäischer Führungsnation, durch die Verteidigung des Empire als Ergänzung des Hexagons war in dieser Perspektive der Statusverlust auf der internationalen Bühne in Grenzen zu halten und waren im Innern egalitäre Tendenzen – dank eines korporativ verfassten Staates – abzuwehren, schien der Verlust einer für selbstverständlich gehaltenen Privilegienstruktur vermeidbar.
Europa, in der Zange zwischen »amerikanischer und asiatischer Barbarei« (›Sowjets‹ werden in »Idées« als »motorisierte Mongolen« bezeichnet), habe abendländische, christliche Werte zu verteidigen und müsse angesichts des doppelten Angriffs zur Einheit finden. Über diese empfindliche und keineswegs von Vorbehalten freie Balance, die die Autoren der Zeitschrift versuchen: Notwendigkeit der europäischen Integration und Anerkennung der Hegemonie Nazi-Deutschlands, hätte man von Guyader gern Detaillierteres erfahren; es war eine Schlüsselfrage in fast allen Ländern des Kontinents und ein zumindest kursorischer Vergleich mit den Positionen entsprechender offizieller – ähnlich an die Eliten der jeweiligen Nationen sich wendender – Zeitschriften in Italien, Spanien, Belgien, etc. hätte sicher Erhellendes zutage gefördert. So hingegen leistet Guyader dem Vorurteil jener Zeithistoriker Vorschub, demzufolge der französische Blick sich noch immer zu wenig von der traditionellen Nabelschau emanzipiert habe. Gerade bei Studien zur Phase des Zweiten Weltkriegs, der vor allem ein ideologischer europäischer Krieg war, sollte ein komparatistischer Ansatz künftig Verpflichtung sein.
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