B. Durieux, Clausewitz en France (Winfried Heinemann)
Benoît
Durieux, Clausewitz en France. Deux siècles de réflexion
sur la guerre, 1807–2007, Paris (Éditions Economica) 2008,
861 S. (Bibliothèque stratégique), ISBN
978-2-7178-5577-7, EUR 49,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Winfried
Heineman, Potsdam
Es ist ein mächtiges Buch, immerhin 861 Seiten, und das für eine Rezeptionsgeschichte. Es ist also harte Kost, und – um im Bild zu bleiben – zwar nicht immer mundgerecht serviert, aber doch nahrhaft.
Wann beginnt man im Frankreich des 19. Jahrhunderts, Clausewitz zu lesen, und wie wird er verstanden? Der Autor findet es erstaunlich, dass eine echte Rezeption erst spät beginnt, obwohl doch schon Jomini sich mit Clausewitz auseinandergesetzt hat. Allerdings gehen die ersten französischen Kritiker eher hart mit dem preußischen Autor um: sie vertreten alle eine fast naturwissenschaftliche, jedenfalls an Zahlen und geometrischen Formen, an der »Ratio« orientierte Militärwissenschaft, die mit Clausewitz’ Begriffen etwa von »Friktionen« nichts Rechtes anzufangen weiß. So etwas wird in dieser Periode als typisch deutsche Schwärmerei und Romantizismus abgetan. Auch Clausewitz’ militärgeschichtliche Arbeiten, vor allem über die napoleonischen Kriege, finden wenig Zustimmung: naturgemäß stellt sich vieles von dem, was Clausewitz aus der Perspektive des deutschen Nationalisten und Offiziers der Freiheitskriege schildert, aus französischer Perspektive etwas anders dar.
Das Urteil wandelt sich nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Jetzt gilt Clausewitz als der Denker, der Moltke und Bismarck den Sieg ermöglicht habe. Foch etwa befasst sich in seiner Zeit als Lehrer an der Kriegsschule ausführlich mit Clausewitz, aber die französischen Denker der Zeit (und leider auch der Autor dieses Bandes) übersehen etwas, dass längst nicht alle deutschen Militärs der Zeit Clausewitz gut kannten oder sich gar sein Gedankengut zu Eigen gemacht hatten.
Es mag etwas überraschen, dass der Autor eine Epochengrenze in der Clausewitz-Rezeption beim Jahr 1930 zieht, aber Durieux weiß das gut zu begründen: Bis dahin wird Clausewitz eher als Lektüre für Militärs gesehen, werden die Vor- und Nachteile von Angriff und Verteidigung, seine Aussagen zur Reservenbildung oder zum Einsatz von Vorhuten diskutiert. Danach aber beginnt seine Einordnung als Philosoph des Krieges. Hier geht es darum, wie Benedetto Croce, Lenin oder Ludendorff über seine Thesen gedacht haben, immer im Spiegel der französischen Literatur. In der Tat gibt es eine eigene marxistische Clausewitz-Rezeption, deren französischen Teil der Autor hier darlegt. Jetzt geht es vor allem um die Aussagen über das Wesen des Krieges an sich, über den Zusammenhang von Militär und Politik, aber auch darum, ob die Thesen eines Autors aus dem frühen 19. Jahrhundert im Zeitalter der nationalen Befreiungskriege und der nuklearen Bedrohung noch einen Wert haben können. Ein eigenes Kapitel widmet der Band der »Ère aronienne«, ist es doch Raymond Aron, der sich mehr als jeder andere französische Autor der Nachkriegszeit mit dem preußischen General und seinen Schriften auseinander gesetzt hat.
Durieux zieht seine Betrachtung dann bis fast in die Gegenwart: Welche Ansätze zum Verständnis von Clausewitz gab es nach dem Ende des Kalten Krieges, angesichts neuartiger Bedrohungen und asymmetrischer Konflikte? Galt Clausewitz jetzt erst recht als veraltet, oder gewann er gar neue Aktualität?
Das Buch ist in fast enzyklopädischer Weise auf Vollständigkeit angelegt; es behandelt sein Thema in jeder Hinsicht erschöpfend. Zugleich verzerrt die Beschränkung auf die Clausewitz-Rezeption in französischer Sprache ein wenig die Perspektive. Gelegentlich stellt man sich beim Lesen unwillkürlich die Frage, ob und wie die französischen Clausewitz-Interpreten mit den angelsächsischen und den deutschen interagiert haben. Wie hat man sich – gegenseitig? – wahrgenommen, wie sich aufeinander bezogen?
Trotz solcher Desiderata (deren Behebung den ohnehin gewichtigen Band noch mehr hätte anwachsen lassen) ist Durieux eine wichtige und grundlegende Akkumulation der Clausewitz-Rezeption in der französischsprachigen Welt gelungen. Ein Wort aber doch noch: Die vorliegende Arbeit ist als Dissertation eines französischen Oberstleutnants bei niemand geringerem als Hervé Coutau-Bégarie entstanden. Bemerkenswert aus deutscher Sicht, dass dem Prüfungsausschuss dann nicht nur Hew Strachan, sondern mit dem Général d’Armée Jean-Louis Georgelin auch der Generalstabschef der französischen Streitkräfte angehörte – das wäre in Deutschland undenkbar gewesen. Andererseits waren keine deutsche Historikerin und kein deutscher Historiker beteiligt – angesichts des Themas bedauerlich, haben doch auch deutsche Fachkollegen (und -kolleginnen!) in den letzten Jahren über Clausewitz und seine Rezeption publiziert.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

