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G. Duchenne, Esquisses d'une Europe nouvelle (Albrecht Betz)

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Geneviève Duchenne, Esquisses d’une Europe nouvelle. L’européisme dans la Belgique de l’entre-deux-guerres (1919–1939)

Francia-Recensio 2009/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Geneviève Duchenne, Esquisses d’une Europe nouvelle. L’européisme dans la Belgique de l’entre-deux-guerres (1919–1939), Bruxelles, Bern, Berlin et al. (Peter Lang) 2007, 712 S., 6 Abb. (Euroclio. Études et documents, 40), ISBN 978-90-5201-367-1, EUR 59,80.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Albrecht Betz, Aachen

Auf ihre zugleich geographische und politisch-kulturelle Sonderstellung inmitten Europas – am Schnittpunkt von latinité und germanité – hat die belgische Selbstdarstellung im Verlauf ihrer noch nicht zweihundertjährigen Geschichte ungleich großen Wert gelegt. Nicht immer lagen die Dinge so (vermeintlich) klar, wie seit den 1950er Jahren, als die vordem flandrische Stadt Brüssel, zusätzlich zu ihrem Status als belgische Hauptstadt, zugleich Hauptstadt der kommenden EU wurde. Vielmehr hatte der – für viele nur künstliche – Staat Belgien sich unterschiedlichen Vereinnahmungs- und Spaltungsversuchen zu widersetzen und seine nationale Emanzipation zu verteidigen – gegen Gelüste seiner Nachbarn: der Niederlande ebenso wie Deutschlands oder Frankreichs. Die eigene Spaltung in Flamen und Wallonen, das kombinierte ethnische und Sprachproblem, setzte das Land inneren Zerreißproben aus, die bis heute anhalten. Zugleich schuf die exponierte Lage eine besondere Mentalität, ein Bewusstsein für die Unvermeidlichkeit von Widersprüchen und notwendigen Kompromissen, durchmischt mit einer gewissen Dosis »je-m’en-foutisme«. Im europäischen Konzert rangiert man unter den kleineren Spielern; man muss darauf bedacht sein, nicht zum Spielball der großen Nachbarn zu werden und hoffen, Chancen auch für die Festigung der eigenen Identität in einer Rolle als Mittler finden.

Elemente eines Europa im Kleinen waren stets präsent. Sie zu erweitern in der Perspektive einer Integration des Kontinents lag nach der Katastrophe der Grande Guerre, des Ersten Weltkriegs, zwingend nahe. Sollte es nicht der letzte aller Kriege gewesen sein? Hatte die Zivilisationskrise in ihm nicht ihren Kulminationspunkt erfahren? War nicht die deutsch-französische Aussöhnung ein historisches Gebot der Epoche? Jedenfalls gingen viele der politischen Akteure wie auch der Publizisten von einer von Pazifismus dominierten Nachkriegsphase und nicht von einer Zwischenkriegsphase aus.

Bei den Entwürfen für ein neues Europa erwies sich Belgien in den zwei Jahrzehnten des l’entre-deux-guerres als besonders fruchtbar. Die entwürdigende Zeit der Besatzung während des Krieges war in frischer Erinnerung: welche Strategie war zu verfolgen, um nicht noch einmal in die Rolle des hilflosen Opfers zwischen den aggressiven »Erbfeinden« zu geraten? Wie ließ sich zur Entschärfung des Konfliktpotentials auf dem Kontinent beitragen? Wie waren die in den Köpfen weiter bestehenden Frontlinien abzubauen, ein hegemoniales durch ein föderales Denken zu ersetzen?

Dieses Geflecht von konkurrierenden, parallelen oder gegenläufigen Bestrebungen zu rekonstruieren – während der beiden Jahrzehnte von 1919 bis 1939 und im Rahmen der vom Versailler Vertrag bestimmten Konstellation – ist das Ziel der umfangreichen Doktorarbeit von Geneviève Duchenne. Um es vorweg zu sagen: vergleichbar detailliert und sorgfältig gegeneinander abgewogen sind die Europadiskurse eines Landes in einer klar umrissenen Periode bisher nicht dargestellt worden.

Die Autorin, die an der Université catholique de Louvain lehrt und forscht und bereits mehrere Arbeiten und Aufsätze zu Aspekten der belgischen Europakonzepte veröffentlicht hat, unterscheidet gleich zu Beginn zwischen der eher vagen , bei zahlreichen Schriftstellern beliebten und kulturell akzentuierten »Idee eines vereinten Europa« (sie wird seit Locarno ein Modethema auch in den Brüsseler Salons) – und dem »Europäismus«: dem Willen, Europa institutionell zu einigen und dafür zu militieren.

Duchenne gliedert ihr opus in sechs Kapitel. Am Anfang steht die Skizze der historischen Rahmenbedingungen eines kleinen Staates, der mit Blick auf die Großen des Kontinents, Frankreich und Deutschland, weniger agieren kann als re-agieren muß, gleichwohl aber eigene Ambitionen entwickelt. Wenig bekannt ist etwa der Versuch, in den zwanziger Jahren einen »lateinischen Block« zu bilden, dem Italien, Frankreich und Belgien angehören sollten.

Besonders nuancenreich stellt Duchenne die belgische Rezeption der zeitweilig dominierenden Paneuropa-Idee Coudenhove-Kalergis dar, einschließlich der unterschiedlichen Motivationen ihrer Anhänger und Kritiker. Ein breites Panorama von Gruppierungen, Strömungen, Milieus, Netzwerken und Zeitschriften wird aufgefächert –mehrere der belgischen Gründungsväter der späteren Union profilieren sich bereits, so Paul-Henri Spaak, Emile Vandervelde und Paul van Zeeland. Viele der kontrovers diskutierten Widerstände und Hemmnisse der Integration werden sichtbar, die in Varianten bis heute existieren. Brüssel war indes keineswegs von Beginn an Zentrum der Diskussion: sie hatte ihre Schwerpunkte zunächst in Genf, Wien und Paris, hinzu trat das Berlin der Weimarer Republik.

Für kurze Zeit, in den Jahren unmittelbar vor 1933, bündelten sich die Diskussionen im Brüsseler Bloc d’action européenne. Jedoch behinderten die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise – mit ihren schweren Restriktionen und dem Rückfall in die jeweiligen Nationalismen im Gefolge – die Ausbreitung des »Europäismus«.

Das Hauptkapitel ihrer Studie widmet Duchenne der Union Jeune Europe mit ihrem Zentrum im Brüsseler Salon Didier und dem Versuch, vor allem die akademische Jugend des europäischen Kontinents durch Austausch, gemeinsame Treffen, Ferienlager und Konferenzen einander näherzubringen. Ähnliche Feindbilder (angelsächsischer Materialismus und sowjetischer Bolschewismus), die Betonung personalistischer und spiritueller Werte, aber auch körperliche Ertüchtigung sollten als Fundament geteilt und vor allem die Deutschen als Opfer von Versailles nicht länger isoliert werden. Die Deutschen waren aber seit 1933 die des Dritten Reichs (das Exil blieb ausgeblendet). Der Nationalsozialismus wurde als Sozialismus missverstanden und das Scheinheilige der pazifistischen Avancen und idealistischen Appelle aus Berlin (in der Perspektive nicht eines europäischen Deutschland sondern eines deutschen Europa) wurde nicht durchschaut. Im Verlauf der dreißiger Jahre wurden in Brüssel – durch Gestalten wie Otto Abetz, Max Liebe und Friedrich Sieburg – jene Kontakte auf- und ausgebaut, die dann ab 1940, mit der zweiten Besetzung Belgiens, ihre »Früchte« in der Kollaboration tragen sollten. Genauer: die Akzeptanz eines »Neuen Europa« unter deutscher Hegemonie wurde hier psychologisch vorbereitet. Darauf geht die Autorin in ihrer abschließenden Zusammenfassung ein. Zu knapp bleibt in ihrem Ausblick freilich die Diskussion der Optionen innerhalb der belgischen Exilregierung in London während des Zweiten Weltkriegs.

Das letzte Kapitel widmet Duchenne dem »Institut d’économie européenne«. Die hier entwickelten Konzepte konnten erst nach dem Krieg zum Tragen kommen; von einer stärkeren wirtschaftlichen Öffnung der Staaten kann in der Zwischenkriegszeit noch nicht die Rede sein.

Die Studie von Geneviève Duchenne bestätigt und belegt die Vermutung, dass sehr viele der Themen, die die aktuelle Europadebatte bestimmen, bereits im Belgien der Zwischenkriegszeit in zahlreichen Varianten diskutiert wurden. Die Verbiegung dieses Diskurses während der NS-Okkupation, die hegemoniale Pervertierung des Konzepts einer europäischen Revolution, die von nicht wenigen Intellektuellen der besetzten Länder mitgetragen wurde, bedarf einer eigenen Studie. Sie wird auf dieser aufbauen können.

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G. Duchenne, Esquisses d'une Europe nouvelle (Albrecht Betz)
In: Francia-Recensio, 2009-3, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/ZG/duchenne_betz
Dokument zuletzt verändert am: Feb 22, 2012 11:19 AM
Zugriff vom: May 24, 2012