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H. Camarade, Écritures de la Résistance (Corinna v. List)

— abgelegt unter:
Hélène Camarade, Écritures de la Résistance. Le journal intime sous le Troisième Reich, préface de Peter Steinbach

Francia-Recensio 2009/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Hélène Camarade, Écritures de la Résistance. Le journal intime sous le Troisième Reich, préface de Peter Steinbach, Toulouse (Presses universitaires du Mirail) 2007, 423 S. (Interlangues), ISBN 978-2-85816-875-0, EUR 24,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Corinna von List, Berlin

In den vergangenen Jahren wuchs stetig das Interesse an Tagebüchern als einer wichtigen Quelle, die Einblicke in die persönlichen Lebensumstände von Menschen gewährt, die während der NS-Herrschaft Opfer politischer oder rassischer Verfolgung waren. In diese Entwicklung reiht sich das Buch von Hélène Camarade ein, das aus ihrer Doktorarbeit an der Universität Toulouse hervorgegangen ist, und für die sie 2004 mit dem »Prix Pierre Grappin« der Association des germanistes de l’enseignement supérieur ausgezeichnet wurde.

Für ihre Untersuchung wählte die Autorin einen interdisziplinären Ansatz der Geschichtswissenschaft und Philologie verknüpft und damit ein methodisches Vorgehen, das in der deutschen Universitätslandschaft nicht immer selbstverständlich ist. Insgesamt wurden 9 Tagebücher ausgewählt, deren Verfasserinnen und Verfasser hauptsächlich im Kaiserreich sozialisiert worden waren und die alle – mit Ausnahme der Frauen – den Ersten Weltkrieg als Soldaten erlebt hatten.

Die Arbeit gliedert sich in fünf übergeordnete Abschnitte. Im Mittelpunkt des ersten Teils stehen methodische und quellenkritische Fragen zur Textgattung des Tagebuchs, zur Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte sowie zur Rezeption der Tagebücher im geteilten Nachkriegsdeutschland. Ausführlich erläutert werden außerdem die Kriterien, auf denen die Auswahl der einzelnen Tagebücher basierte: Alle Diaristen waren ausgewiesene Gegner des Nationalsozialismus, ihre Tagebücher wurden nach 1945 in Deutschland veröffentlich und es durften keine nachträglichen Überarbeitungen vorgenommen worden sein. Ferner diskutiert die Autorin die Frage, ob die Niederschrift eines Tagebuches eine Form widerständigen Handeln war, was sie vor dem Hintergrund der eingegangenen Risiken bejaht. Sie betont zu Recht die Gefahr, die jeder Einzelne auf sich nahm, wenn er oder sie regimekritische Positionen oder Zweifel am Endsieg niederschrieb.

Überschrieben mit »Écriture de soi comme résistance individuelle« werden im zweiten Teil die Tagebücher jener Personen vorgestellt, die aus rassischen oder politischen Gründen in die Fänge der NS-Diktatur geraten waren. Hierzu zählen das in der Haft von Elfriede Paul verfasste Tagebuch, die Aufzeichnungen von Irene Hauser und Oskar Rosenfeld über das Leben – oder besser das Existieren – im Ghetto von Lodz und das bereits im Alter von 10 Jahren begonnene »journal-sanctuaire« von Élisabeth Block, in dem sie ihre 1933 beginnende und sich bis zu ihrer Deportation stetig anwachsende soziale Ächtung und Ausgrenzung festhält. Im Mittelpunkt steht in allen Fällen die Selbstbehauptung der Autoren als eine Form der Überlebensstrategie im Angesicht von Leid, Erniedrigung und Tod.

Im Anschluss daran werden im dritten Abschnitt mit der Überschrift »L’esprit, la foi et le langage, instrument de résistance« die Tagebücher von Viktor Klemperer (Professor für Romanistik in Dresden), Theodor Haecker und Friedrich Reck-Malleczewen (beide waren Journalisten und Schriftstellen) untersucht. Alle Diaristen wollen gegenüber der Nachwelt Zeugnis ablegen angesichts der schwersten historischen und zivilisatorischen Krise Europas. Ferner erläutern sie aus ihrer Sicht die Ursachen und Gründe für den erlebten gesellschaftlichen und politischen Niedergang.

Im vierten Teil thematisiert die Autorin die Frage, inwieweit ein Zusammenhang zwischen dem Abfassen eines Tagebuches und dem Engagement im Widerstand besteht. Sie unterscheidet dabei zwei Kategorien: Erstens, die Nutzung des Tagesbuchs, um persönliche Überlegungen und programmatische Entwürfe für die Zukunft Deutschlands und Europas nach Krieg und Nationalsozialismus festzuhalten, was beispielhaft anhand des Tagebuches von Friedrich-Reck-Malleczewen untersucht wird. Zweitens, jene Aufzeichnungen, die als eine Art Chronik die Beteiligung des Verfassers an den Aktivitäten des Widerstandes darstellen. Hierfür analysiert sie das Tagebuch Ulrich von Hassells, der zu den Hauptakteuren des konservativen Widerstandes im Umfeld des Kreisauer Kreises gehörte. Der Begriff der Verschwörung (conspiration) ist jedoch für die Vorbereitung und Durchführung des Attentats vom 20. Juli 1944 von der Autorin unglücklich gewählt.

Im fünften und letzten Teil erfolgt eine abschließende philologische Analyse der ausgewählten Diarien. Für Vergleichszwecke wurden die Tagebücher der Offiziere und Widerstandskämpfer Helmuth Groscurth und Herrmann Kaiser herangezogen sowie die Aufzeichnungen von Walter Tausk und Chaim Aron, die beide Opfer der nationalsozialistischen Rassenverfolgung waren.

Die zahlreichen Zitate geben dem Leser einen lebendigen Eindruck der ausgewählten Tagebücher. Die gelungene Einbettung in den historischen Kontext und die ausführlichen biografischen Angaben zu den Diaristen ermöglichen es außerdem, sich mit der Person des Verfassers vertraut zu machen und so die verschiedenen Tagebuchaufzeichnungen zu entschlüsseln.

Es ist ein besonderes Verdienst von Hélène Camarade mit ihrer Arbeit einem interessierten französischen Publikum die Innenseite des deutschen Widerstandes, die Beweggründe seine Akteure und nicht zuletzt die persönlichen Lebensumstände von Gegnern des NS-Regimes in Deutschland aufzuzeigen. Sie lenkt damit den Blick auf ein Kapitel der deutschen Geschichte, dass erst seit kurzem die Aufmerksamkeit der französischen Forschungs- und Verlagslandschaft findet. Die thematisch gegliederte Bibliografie und eine Übersicht weiterer Tagebücher und Erinnerungen geben dem Leser die Möglichkeit seine Interessenschwerpunkte zu vertiefen.

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H. Camarade, Écritures de la Résistance (Corinna v. List)
In: Francia-Recensio, 2009-3, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/ZG/camarade_list
Dokument zuletzt verändert am: 11.12.2009 17:52
Zugriff vom: 07.02.2012