M. Bergère, L'épuration économique en France à la Libération (W. Bührer)
Marc
Bergère (dir.), L’épuration
économique en France à la Libération, Rennes
(Presses universitaires de Rennes) 2008, 343 S., ISBN
978-2-7535-0624-4, EUR 22,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Werner
Bührer, München
Der deutsche Unternehmer Günter Henle, selbst unbelastet, zog im September 1945 in einer Denkschrift für Konrad Adenauer eine ernüchternde Bilanz: Den Anteil derjenigen unter seinen befähigten und erfahrenen Kollegen, die nicht in irgendeiner Weise mit dem Nazi-Regime wenigstens rein äußerlich verbunden gewesen waren, schätzte er auf höchstens 10 bis 20 %. Ganz so schlimm dürfte es in Frankreich nicht gewesen sein. Aber Henry Rousso zufolge, der einige einschlägige Arbeiten, auch in deutscher Sprache, zur Säuberung allgemein vorgelegt hat, war dort die ökonomische Kollaboration immerhin die am weitesten verbreitete Form – und wurde, so seine These, praktisch überhaupt nicht geahndet.
Herausgeber Marc Bergère, maître de conférences an der Universität Rennes 2 und ausgewiesen durch eine Dissertation zum Thema, versteht sein Buch auch als Beitrag zur Auseinandersetzung mit dieser These. Angesiedelt an der Schnittstelle zwischen zwei Forschungsfeldern – dem Komplex »Wirtschaft und Unternehmer unter deutscher Besatzung« auf der einen und dem Komplex »Säuberung« auf der anderen Seite – stellt es das erste in Frankreich publizierte Werk dar, das sich ausschließlich dem Problem der wirtschaftlichen Säuberung widmet. Es bietet neue und höchst differenzierte Einblicke in den Verlauf des Säuberungsprozesses, die regionalen, prozeduralen und branchenspezifischen Unterschiede sowie in die Veränderungen im zeitlichen Ablauf. Hervorgegangen ist der Band aus einer Tagung, die von einer beim CNRS angesiedelten Forschungsgruppe in Zusammenarbeit mit dem Centre de recherches historiques de l’Ouest an der Universität Rennes 2 im März 2007 veranstaltet wurde. Dass der Band bereits im darauffolgenden Jahr veröffentlicht wurde, verdient übrigens großes Lob.
Der Herausgeber hat die Beiträge zu drei Kapiteln zusammengefasst. Im ersten geht es um die Abgrenzung des Untersuchungsgegenstands und um die Frage der »unstatthaften« Gewinne. Thematisiert werden sowohl die Zusammenhänge zwischen Krieg und ökonomischen Gewinnen im langfristigen Vergleich und unter politischen und moralischen Gesichtspunkten als auch die konkreten Praktiken der Konfiszierung solcher »unstatthafter« Profite zwischen 1944 und den 1960er Jahren. Das zweite Kapitel befasst sich mit den Akteuren und Verfahren der wirtschaftlichen Säuberung, unterschieden nach Regionen und Departements von Bordeaux bis ins Elsass. Im Interesse internationaler Vergleichsmöglichkeiten wurden auch Beiträge über Belgien und die Sowjetische Besatzungszone bzw. die DDR aufgenommen. Im dritten Kapitel geht es erneut um unterschiedliche Akteure und Praktiken, diesmal allerdings nach Branchen und Unternehmen differenziert. Zum Schluss fasst Marc Olivier Baruch die Einzelbefunde dahingehend zusammen, dass es den Weg der wirtschaftlichen Säuberung in Frankreich nicht gegeben habe und man sich daher von den überkommenen Schwarzweißdarstellungen und -deutungen verabschieden müsse.
Der Band besticht durch die Vielzahl von Blickwinkeln und thematischen Zugriffen. Er zerstört die Legende von den »unschuldigen Opfern«, das die unternehmernahe hagiographische Literatur gezeichnet hat, ebenso wie die entgegengesetzte Sicht einer nahezu unterlassenen oder doch weitgehend folgenlosen wirtschaftlichen Säuberung. Wie »schmerzhaft« und nachhaltig die Säuberungsversuche ausfielen, hing von mehreren Faktoren ab: von den regionalen oder lokalen Gegebenheiten, den Besonderheiten in einer Branche oder einem Unternehmen, der Dauer und den handelnden Personen. Dass die collaboration économique kaum geahndet worden sei, wird man jedenfalls nach der Lektüre dieses gelungenen Bandes nicht mehr behaupten können.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

