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C. G. Anta, Les pères de l'Europe (Henning Türk)

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Claudio Giulio Anta, Les pères de l’Europe. Sept portraits. Avec une présentation d’Arturo Colombo

Francia-Recensio 2009/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Claudio Giulio Anta, Les pères de l’Europe. Sept portraits. Avec une présentation d’Arturo Colombo, Bruxelles, (P.I.E. Peter Lang) 2007, 180 S., ISBN 978-90-5201-069-4, EUR 23,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Henning Türk, Essen

Die europäische Integration ist kein automatischer Prozess, sondern wird von Menschen gestaltet, vorangetrieben oder auch verzögert. Dementsprechend hat sich die Forschung auch frühzeitig mit dem Einfluss der politischen Persönlichkeiten auf die europäische Einigung beschäftigt. Der daraus resultierende Mythos der »Gründungsväter« wurde anschließend zum Teil stark kritisiert. So warnte etwa Alan Milward vor der Verklärung der »European Saints« als Anhänger eines supranationalen Europas, deren Ziel es gewesen sei, die Nationalstaaten zu überwinden. Von diesen Diskussionen erfährt der Leser des Buches allerdings nichts. Stattdessen beschreibt der italienische Ideenhistoriker Claudio Anta in seiner Einleitung zunächst die Entwicklung der europäischen Einigung von der Zwischenkriegszeit bis zum Verfassungsvertrag. Da Anta diese politischen Entwicklungen in den jeweiligen Kapiteln erneut nennt, ergeben sich zahlreiche Wiederholungen, die auf die Dauer etwas ermüdend wirken. Der Vorteil dieser Methode liegt allerdings darin, dass man die einzelnen Kapitel auch jeweils für sich lesen kann.

Anschließend zeichnet Anta sieben knappe Porträts von Persönlichkeiten, die seiner Meinung nach den Integrationsprozess entscheidend beeinflusst haben. Dazu gehören sowohl die »Gründungsväter« Jean Monnet, Robert Schuman, Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und Paul-Henri Spaak als auch der »Föderalist« Altiero Spinelli und der EWG/EU-Kommissionspräsident Jacques Delors.

Als erstes porträtiert Anta Jean Monnet. Zurecht würdigt der Autor dessen Leistung, Ideen und Visionen mit Pragmatismus verbunden zu haben. Monnet habe starke Institutionen als das Herzstück der europäischen Einigung angesehen und frühzeitig erkannt, dass die Integration im wirtschaftlichen Bereich beginnen müsse. In dem Aufbau geeigneter Institutionen zur Lösung bi- bzw. multilateraler Probleme war Monnet bereits geübt, seit er während des Ersten Weltkriegs die gemeinsame Versorgung der französisch-britischen Armeen organisiert hatte. Zudem sah Monnet die Lösung des deutsch-französischen Gegensatzes als Voraussetzung für den Frieden in Europa an. Diese Ansicht teilte er mit Robert Schuman. Anta porträtiert den französischen Außenminister als Protagonisten der deutsch-französischen Aussöhnung, die das Fundament der europäischen Einigung bilden sollte. Schuman war für diese Problematik besonders sensibilisiert, da er im deutsch-französischen Grenzgebiet aufgewachsen war. Die frühe Prägung durch die Grenzregion teilte er mit Konrad Adenauer und Alcide de Gasperi. Darüber hinaus erleichterte das gemeinsame christliche Weltbild dieser drei »Gründungsväter« eine Verständigung.

Wie Monnet, Schuman, de Gasperi und Adenauer war auch der Belgier Paul-Henri Spaak sehr pragmatisch veranlagt. Dieser Pragmatismus hing, wie Anta betont, damit zusammen, dass Spaak die europäische Einigung sehr stark als Bollwerk gegen den sowjetischen Kommunismus verstand. Daher war es sein Anliegen, nicht die perfekte Lösung zu finden, sondern über das zunächst Mögliche einen immer engeren Zusammenschluss Westeuropas zu erreichen. Dagegen zeichnet Anta Altiero Spinelli als eine Art »Don Quichotte« (S. 119), der, getrieben von seiner Vision eines demokratischen europäischen Bundesstaates nach Vorbild der Vereinigten Staaten von Amerika, immer wieder gegen die funktionalistische Konstruktion Europas anging, um letztendlich an ihr zu scheitern.

Mit Spinelli, der als italienischer Politiker die Europäischen Gemeinschaften bereits in ihrem Entstehen beeinflusste und in den 1980er Jahren noch als Abgeordneter des Europäischen Parlaments aktiv war, schlägt Anta den Bogen zu Jacques Delors, der von 1985–1995 als Kommissionspräsident fungierte. Delors war ein Anhänger der Methoden Monnets und konnte in seiner Amtszeit zahlreiche institutionelle und finanzielle Reformen initiieren, welche die EWG auf dem Weg zur Europäischen Union handlungsfähiger machen sollten. Zudem versuchte er mit der Formel »Föderation der Nationalstaaten« zu verdeutlichen, dass der Nation nach wie vor eine wichtige Bedeutung im Integrationsprozess zukommt.

Nach der Lektüre des Buches müsste man eigentlich als achten Vater noch Charles de Gaulle nennen, der die europäische Integration in den 1960er Jahren auf seine Weise entscheidend beeinflusste. Alle Porträts, bis auf die Skizze Delors, laufen irgendwann auf die Auseinandersetzung mit dem französischen Staatspräsidenten zu. De Gaulles Europavorstellungen wirken somit als eine Art Gegenfolie zu den europapolitischen Vorstellungen der Porträtierten. Dadurch wird de Gaulles Europapolitik zum Teil etwas vereinfacht dargestellt, und es fällt völlig unter den Tisch, dass de Gaulle mit seiner Politik auch deutlich machte, welche Probleme dem europäischen Einigungsprozess anhafteten.

Zudem zeichnet Anta ein teilweise idealisiertes Bild seiner Protagonisten, wie es vor allem im Zusammenhang mit den britischen EWG-Beitrittsbemühungen deutlich wird. So thematisiert Anta nicht den Widerspruch, dass ausgerechnet Spaak, den Anta als zunehmend überzeugteren Föderalisten charakterisiert, in den 1960er Jahren zum Anwalt des britischen Beitritts avancierte, obwohl deutlich war, dass es ein Ziel der Briten war, den Supranationalismus zurückzudrängen. Zu pauschal urteilt Anta auch, wenn er alle »Gründungsväter« als Unterstützer eines britischen Beitritts hinstellt. Das darf zumindest für Adenauer angezweifelt werden, der einem britischen Beitritt mit gemischten Gefühlen, wenn nicht gar ablehnend gegenüberstand.

Somit erhält man mit Antas Werk zwar einen ersten Einstieg in die europapolitische Vorstellungswelt zentraler Persönlichkeiten des Integrationsprozesses. Zur vertiefenden Beschäftigung mit diesen Persönlichkeiten wird man jedoch auf weitere Lektüre zurückgreifen müssen. Dafür steht dem Leser eine große Auswahl an Literaturhinweisen im abschließenden Literaturverzeichnis zur Verfügung.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

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C. G. Anta, Les pères de l'Europe (Henning Türk)
In: Francia-Recensio, 2009-3, 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/ZG/anta_tuerk
Dokument zuletzt verändert am: 11.12.2009 17:38
Zugriff vom: 07.02.2012