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B. Schneidmüller, S. Weinfurter (Hg.), Salisches Kaisertum und neues Europa (Uta-Renate Blumenthal)

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Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter (Hg.), Salisches Kaisertum und neues Europa. Heinrich IV. und Heinrich V.

Francia-Recensio 2009/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter (Hg.), Salisches Kaisertum und neues Europa. Heinrich IV. und Heinrich V., Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2007, X–438 S., ISBN 978-3-534-20871-5, EUR 79,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Uta-Renate Blumenthal, Washington D.C.

Der Sammelband, der auf ein Symposium zurückgeht, das von der »Europäischen Stiftung Kaiserdom zu Speyer« 2006, 900 Jahre nach dem Tod Heinrichs IV., getragen wurde, ist in vieler Hinsicht anregend. Ein Grund dafür ist die oft hohe Qualität der achtzehn Aufsätze, aber wesentlicher noch ist der Ausblick auf ein »neues Europa«, den sie in ihrer Gesamtheit bieten. Das allgemeine Gelehrtengerede vom Umbruch des späten elften Jahrhunderts ist inzwischen eine Leerformel, aber nicht in diesem Band. Dem weit ausgreifenden Symposium ist es tatsächlich gelungen, nicht im Investiturstreit und beim Tod Heinrichs IV. stecken zu bleiben, sondern sowohl den geistigen und sozialen Hintergrund als auch die weitere Wirkung dieser Ereignisse deutlich werden zu lassen. Die Wandlung zum neuen Europa, sehr elegant von Stefan Weinfurter im Schlusskapitel im Kontrast zum Europa der alten, einschließlich der karolingischen, Welt definiert(S. 411–413), wird schlagartig sichtbar, wenn Bernd Schneidmüller in der Einführung die europaweite Reaktion auf den Canossagang Heinrichs IV. mit der Reaktion auf die Gefangennahme Papst Paschalis’ II. 1111 durch Heinrich V. vergleicht: » […] im Vergleich zur Gewalttat Heinrichs V. blieb die Resonanz auf Canossa dürftig, beschränkt auf Anhänger der Reformkirche, vor allem auf deutsche und italienische Chronisten« (S. 2). Die Reichweite der Kommunikation hatte sich bereits um 1111 grundlegend verändert. Diese und ungefähr gleichzeitige Veränderungen auf anderen politischen, soziologischen und religiösen Gebieten waren allmählich eingetreten, doch gab es auch völlig Neues wie unter anderem die Errichtung des Erzbistums Lund (Helmuth Kluger, »Die neue Ordnung im Norden«, S. 291–305) und die Entstehung von Polen, Böhmen und Ungarn (Jerzy Strzelcyk, »Frühstaatliche Formierungen im Osten: Polen und Ungarn um 1100«, S. 273–289). Neu war auch die Rolle der Fürstin als Herrscherin und Mäzen, dargestellt in einem sehr gelungenen Aufsatz von Elke Goez (S. 161–193).

Den Übergang vom Alten zum Neuen zeigen besonders die Aufsätze von Rudolf Schieffer (»Das Papsttum als Autorität für die europäische Ordnung des Hochmittelalters«, S.47–63), von Wilfried Hartmann (»Wahrheit und Gewohnheit: Autoritätenwechsel und Űberzeugungsstrategien in der späteren Salierzeit«, S. 65–84) sowie von Gerd Althoff (»Vom Konflikt zur Krise: Praktiken der Führung und Beilegung von Konflikten in der spätsalischen Zeit«, S. 27–45), der »aufgrund einer einigermaßen vollständigen Sammlung von Beispielen« (S. 30) aus dem 10., 11. und 12. Jahrhundert zeigt, dass sich Heinrich IV. und Heinrich V. im Ritual der deditio nicht mehr wie gewohnt an Absprachen mit Vermittlern hielten. Wilfried Hartmann verfolgt neben methodischem Fortschritt in der Textbehandlung, zum Beispiel bei Bernold von Konstanz, den »revolutionären Akt« des Rückgriffs auf den Begriff der Wahrheit, wie er zuerst in den Schriften der Kirchenväter auftauchte. Diese Wahrheit wurde in Papstbriefen und in der Literatur der Kirchenreform als Gegensatz zur consuetudo dargestellt, die nicht mehr geduldet werden konnte. Die Veränderung in der Stellung des Papsttums nach dem Eingriff Heinrichs III. 1046 und einer Reihe von Päpsten, »die persönlich ohne jede Prägung durch die römische Kirche waren, sich deren traditionsreichen Primatsanspruch jedoch zu eigen machten« (Schieffer, S. 50), war phänomenal. Was auch heute noch überrascht ist die Tatsache, dass die alten Ansprüche der Päpste in verhältnismäßig kurzer Zeit verwirklicht werden konnten. Die lateinische Christenheit wurde nunmehr »als eine Gemeinschaft prinzipiell gleichrangiger, dem apostolischen Stuhl ergebener Reiche, strukturiert nach denselben überall gültigen Normen des Kirchenrechts« (S. 57) durch die Päpste geleitet. »Der wahre Kaiser ist der Papst« (S. 63) schließt Schieffer mit Worten Horst Fuhrmanns. Die beherrschende Stellung des Papsttums im 12. Jahrhundert beschäftigt auch Thomas Wetzstein im Hinblick auf Kommunikation und Vernetzung durch ganz Europa, wobei er auch auf die Einführung der Rota durch Leo IX. verweist (»Europäische Vernetzungen: Straßen, Logistik und Mobilität in der späten Salierzeit«, S. 341–370). Die Zentralisierung des neuen lateinischen Europas beeinflusste Denkmodelle und gesellschaftliche Strukturen. Dies ist besonders offensichtlich für die neuen Orden wie die Zisterzienser und Prämonstratenser, gilt aber auch für eidliche Gemeinschaften wie Stadtgilden. Alfred Haverkamp betont einen wichtigen Punkt, wenn er schreibt, dass die Bruderschaften und Konvente, »die aus der pauperes Christi-Bewegung erwuchsen und somit in jeder Hinsicht offen waren, für lokal gebundene Gemeinschaften weitaus attraktiver« waren, als die herrschaftlich fundierten Benediktinerklöster (»Neue Formen von Bindung und Ausgrenzung: Konzepte und Gestaltungen von Gemeinschaften an der Wende zum 12. Jahrhundert«, S. 85–122, S.114). Haverkamp analysiert als Beispiel Robert von Arbrissel und seine Dei nova familia, die er als neue Phase der bruderschaftlichen Institutionalisierung bezeichnet (S. 94). Robert nannte sich einfach magister, seine Mitbrüder waren fratres. Genau denselben Titel und die gleiche Bezeichnung benutzte Papst Gregor VII. in einem seiner letzten Briefe aus Salerno vom Juli-November 1084, den er als frater an alle Getreuen richtete: ego, qualiscumque frater et indignus magister vester1.

Nicht immer sind es jedoch die einzelnen Aufsätze des Bandes selbst, die sich dazu hergeben, neue Perspektiven zu eröffnen, sondern Vergleiche, die der Leser zwischen den Beiträgen anstellt, so zum Beispiel der Vergleich zwischen französischem und deutschem König in den Beiträgen von Rolf Große (»Frankreichs neue Überlegenheit um 1100«, S. 195–215) und von Gabriel Zeilinger (»Salische Ressourcen der Macht. Grundherrschaft, Silberbergbau, Münzprägung und Fernhandel«, S. 143–160). Große konstatiert zutreffend, dass der Kapetinger sich niemals als Partner für die Päpste angeboten hätte, »wäre er tatsächlich ein unbedeutender, auf die Île-de-France beschränkter Herrscher gewesen …« (S. 214). Philipps I. Einflussbereich erstreckte sich zwar nur auf die kleine Krondomäne, doch ist diese nicht als »ein Territorium mit festen Grenzen, sondern [als] ein Bündel von Rechten, Einkünften und Besitzungen« (S. 196) zu definieren. Gerade was im 11. Jahrhundert im Vergleich zu den Saliern Schwäche bedeutete, ermöglichte den Kapetingern den langsamen Aufstieg im zwölften, man denke nur an Sugers Vita Ludwigs VII. Selbstverständlich besaßen auch die Salier »Bündel von Rechten«, obwohl Zeilinger nicht darauf eingeht, aber im Gegensatz zu den Königen Frankreichs konnten weder Heinrich IV. noch Heinrich V. diese verwirklichen. Die westfränkischen Großen fühlten sich ihrer Unabhängigkeit sicher und von königlichen Rechten nicht bedroht. Im Osten des alten Reichs Karls des Großen war das genaue Gegenteil der Fall. Der von Zeilinger untersuchten Wirtschaftspolitik der Salier war ebenfalls kein Erfolg beschieden (S. 158), und man sucht vergebens nach etwas, das den ideellen Verlust der kaiserlichen Vormachtstellung der deutschen Könige damals aufgewogen hätte. Ernst-Dieter Hehl diskutiert diesen sehr wesentlichen Punkt in seinem überzeugenden Beitrag (»König – Kaiser – Papst: Gedankliche Kategorien eines Konflikts«, S. 7–26).

Es ist leider unmöglich und auch nicht nötig, auf alle Aufsätze einzeln einzugehen, oder auch die Spezialliteratur anzuführen, die man hier und da vermisst. Die Vielfalt und der umfassende Charakter des wertvollen, inhaltsreichen Bandes gehen aus obigen Bemerkungen hervor2. Zum Abschluss muss aber noch auf die anspruchsvolle Arbeit von Dethard von Winterfeld, »Der Dom Heinrichs IV. und sein Rang in europäischer Perspektive« (S. 371–409, mit Tafeln und Modellen) erwähnt werden, in der Winterfeld aufgrund von Literaturzeugnissen, die von anderen Kunsthistorikern beiseite geschoben werden, zeigen kann, dass Bauphase II des Doms von Speyer zum allergrößten Teil auf Heinrich IV. zurückgeht und ihm so ein einzigartiges und zum Glück bleibendes Denkmal schafft.

1 H. E. J. Cowdrey (ed. and transl.), The Epistolae vagantes of Pope Gregory VI., Oxford 1972, Ep. 54, S. 128–134, hier S. 134.

2 Autoren und nicht erwähnte Titel seien kurz angegeben: C. Ehlers, Räumliche Konzepte europäischer Monarchien. Itinerare, Grablegen, Zentrallandschaften, H. Vollrath, Der Investiturstreit begann im Jahr 1100: England und die Päpste in der späten Salierzeit, T. Broekmann, Wegbereiter neuer ›Staatlichkeit‹: Das Beispiel der Normannen in Süditalien, N. Jaspert, Die Wahrnehmung der Muslime im lateinischen Europa der späten Salierzeit.

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In: Francia-Recensio, 2009-3, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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Dokument zuletzt verändert am: Feb 10, 2012 11:47 AM
Zugriff vom: May 24, 2012