C. Raynaud (dir.), Villes en guerre XIVe–XVe siècles (Gisela Naegle)
Christiane Raynaud (dir.), Villes en guerre
XIVe–XVe
siècles, Aix-en-Provence (Publications de l’université de
Provence) 2008, 247 S., ISBN 978-2-85399-691-4, EUR 24,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Gisela Naegle, Gießen/Paris
Der von Christiane Raynaud herausgegebene Band präsentiert die Ergebnisse einer 2006 in Aix-en-Provence veranstalteten Tagung. Von Einleitung und Schlussbemerkungen der Herausgeberin umrahmt, befassen sich neun Autoren mit unterschiedlichen Facetten der mitunter sehr komplexen Wechselbeziehungen zwischen Städten und Krieg. In geographischer Hinsicht liegt der Schwerpunkt eindeutig auf dem Mittelmeerraum, unter chronologischen Gesichtspunkten auf dem 14. und 15. Jahrhundert. Behandelt werden katalanische Städte im Zeitalter der Grandes Compagnies (1365–1366) und im Bürgerkrieg von 1462–1472, Auseinandersetzungen zwischen Florenz und Pisa, das Verhältnis von Städtern und Militär in den italienischen Marken (Region Marche), Belagerungen des Papstpalastes in Avignon und Kriegsereignisse in Arles. Ergänzend tritt der Blick auf die Chroniken von Froissart, auf flämische Städte in der »Chronique dite des Cordeliers« (1379–1385) und auf das spätmittelalterliche Reich hinzu.
In all diesen Regionen Europas spielt im Krieg die Kontrolle über befestigte Städte als Zentren des Umlandes und der Wirtschaft eine wichtige strategische Rolle. Aufgrund ihrer besonderen Bedeutung für alle Kriegsparteien werden die Städte immer wieder zum Gegenstand von Angriffen und Belagerungen.
Die Einleitung benennt einige der Ziele des Buches, das sich explizit in die 1996 auf einer Veranstaltung in Besançon begründete Tradition von Untersuchungen zur Alltagsgeschichte von Städten im Krieg einordnen möchte (S. 7). Einer Ausgangshypothese zufolge haben die unterschiedlichen Phasen des Kriegsgeschehens (Konfliktgefahr, Kriegserklärung, Kampf, Kapitulations- und Friedensverhandlungen, Kriegsende, Repression, Memoria etc.) und die räumliche und zeitliche Nähe oder Entfernung der Kampfhandlungen entscheidende Folgen für das Verhältnis zu den betroffenen Städten.
Ein Fragenkomplex betrifft demnach die Kriegsvorbereitungen und – ganz allgemein – die Herstellung der Verteidigungsfähigkeit mit ihren Folgen für die städtische Wirtschaft (Anlegen von Vorräten, Instandsetzung der Befestigungen, Anwerbung und Ausrüstung von Bewaffneten, Finanzierung der Verteidigung, Erhebung neuer Steuern etc.). Es geht jedoch auch um die »mentalen« und identitätsstiftenden Folgen des Krieges wie die Auswirkungen von »Propaganda«, Fürbitten und Prozessionen, die nach Kriegsende zu leistende »Erinnerungsarbeit« oder das Schlachtengedenken in mittelalterlichen deutschen Städten.
Im Zentrum des Interesses stehen jedoch das Alltagsleben mit seinen Versorgungsproblemen, Auseinandersetzungen zwischen Stadtbewohnern und Garnisonstruppen, Plünderungen, Gewalttaten und das damit verbundene Leid der Bevölkerung, der Zustrom von Flüchtlingen, die rasche Ausbreitung von Krankheiten bei Belagerungen usw. Anders als die meisten bisherigen Untersuchungen möchte sich der Band auch mit der akustischen Seite des Kriegsgeschehens wie Geschützdonner oder Kriegsgeschrei und deren Wahrnehmung befassen.
Einige der Beiträge sind sehr stark chronologisch orientiert und geben vor allem einen Überblick über die wichtigsten Fakten und den Forschungsstand zu den Städten »ihrer« jeweiligen Region. Trotz ihres sehr informativen Charakters ergeben sich durch diese methodische Vorgehensweise allerdings naturgemäß weniger Ansatzmöglichkeiten für eine vergleichende Betrachtung. Manche Autoren interessieren sich sehr stark für die militärisch-technische Seite des Kriegsgeschehens. Durchweg spielen Aspekte der »Kriegswirtschaft«, einschließlich der Folgen für Kreditsystem, Verschuldung und Preisentwicklung eine wichtige Rolle.
Aufgrund des beschränkten Raumes kann im folgenden nur eine Auswahl der interessantesten Beiträge des Bandes kurz vorgestellt werden, die in besonderem Maße weiterführende und vergleichsrelevante Gesichtspunkte enthalten. Die Reihenfolge entspricht dabei der Anordnung im Band.
Peter Ainsworth beschäftigt sich mit ikonographischen Aspekten der Stadtdarstellungen bei Froissart. Sein Beitrag, der durch eine Reihe von Abbildungen ergänzt wird, widmet sich im Sinne der in der Einleitung beschriebenen Zielsetzung auch Stimmungen, Lichtverhältnissen, im Text beschriebenen Gesprächen und Geräuschen.
Manuel Sánchez-Martínez untersucht das Verhältnis von katalanischen Städten und Grandes Compagnies. Leser, die mit der französischen Geschichte des Mittelalters und des Hundertjährigen Krieges vertraut sind, werden hier zahlreiche Parallelen und interessante Möglichkeiten für »Brückenschläge« zwischen französischer und katalanischer Geschichte entdecken.
Philippe Jansen stellt überzeugend wirtschaftsgeschichtliche und politische Kriegsfolgen in den italienischen Marken (Marche) und die Schwierigkeiten des Zusammenlebens von Stadtbevölkerung und Militär dar.
Der Beitrag von Colette Gros-Collomp zum Konflikt zwischen Florenz und Pisa verdeutlicht vor allem Unterschiede zu den übrigen beschriebenen Fallbeispielen und bietet somit einen interessanten Kontrast an, der gerade durch seine Andersartigkeit implizit zum Nachdenken über »Ausnahme« und »Regel« einlädt: Hier sind die Städte nicht nur »Opfer«, sondern aktive Initiatoren des Krieges. Schon im 14. Jahrhundert ist ihr Krieg sehr stark ein »Wirtschaftskrieg«. Sowohl Florenz als auch Pisa leiden zwar auch unter fremdem Militär, sie setzten jedoch für ihre eigenen Auseinandersetzungen ebenfalls Söldner ein, während in anderen europäischen Regionen die Städte in erster Linie zu Opfern außer Kontrolle geratener Söldnertruppen werden.
Der letzte Beitrag des Bandes stammt von Pierre Monnet, der ein vielseitiges Panorama der Städte im spätmittelalterlichen Reich entwirft. Ebenso wie der Artikel von Christiane Raynaud zu flämischen Städten in der »Chronique dite des Cordeliers« (1379–1385) beschäftigt sich auch Pierre Monnet mit terminologischen Fragen, darunter der Bezeichnung des »Krieges« (Unordnung, Fehde, Not, Krieg etc.), den Beziehungen zum Gemeinwohlbegriff und zum Ideal der guten Regierung. Weitere Aspekte seines syntheseartig angelegten Artikels betreffen die finanziellen und »mentalen« Auswirkungen des Mauerbaus. Zu den wichtigsten und interessantesten Aspekten gehört die Frage nach der Rolle des Krieges für die städtische Identität, die zu der These führt, in Städten wie Nürnberg und Frankfurt am Main habe sich – anders als in Italien – eine spezifisch städtisch-bürgerliche Einstellung zum Krieg entwickelt. Der Krieg sei dort vor allem als Notwendigkeit angesehen, aber keinesfalls im Sinne ritterlich-adeliger Vorstellungen idealisiert worden (S. 218).
Trotz mancher Unterschiede zwischen den untersuchten Regionen wird im Verlauf der einzelnen Aufsätze deutlich, dass sich das Thema »Städte im Krieg« sehr gut für eine vergleichende Betrachtung eignet, da die durch die erzwungene Koexistenz mit schwer oder gar nicht disziplinierbarem Militär aufgeworfenen Probleme und die zusätzlichen finanziellen Belastungen überall ähnlich sind.
Insgesamt gesehen handelt es sich um ein informatives Buch, das die seit mehreren Jahrzehnten angestellten Überlegungen zum Thema »Stadt« und »Krieg« in der angestrebten Weise fortsetzt und sie im Hinblick auf vergleichende Fragestellungen um einige interessante Gesichtspunkte bereichert.
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