A. V. Murray, The Crusades (Peter Thorau)
Alan V. Murray (ed.), The Crusades. An
Encyclopedia. 4 vol., Santa Barbara, CA (ABC CLIO) 2006, 1200 S.,
zahlr. Abb., Karten, ISBN 1-57607-862-0, USD 385,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Peter Thorau, Saarbrücken
Angesichts des Aufschwungs, den die Kreuzzugsforschung und die mit ihr verwandten Themen in den letzten Jahrzehnten international genommen haben, und eines wachsenden Interesses sowohl innerhalb des akademischen Lehrbetriebs als auch bei einer breiteren Öffentlichkeit für die Geschichte des Vorderen Orients im allgemeinen und die Kreuzzüge im besonderen, ist das Erscheinen der hier zu besprechenden vierbändigen Enzyklopädie zu begrüßen. Mehr als hundert Wissenschaftler aus mehr als zwanzig Ländern haben daran mitgewirkt. Entstanden ist dabei ein willkommenes und äußerst nützliches Nachschlagewerk, das in mehr als tausend Lemmata zu den verschiedensten Bereichen der Kreuzzugsgeschichte einen hilfreichen Überblick und oft mehr als einen ersten Einstieg in die jeweilige Materie vermittelt. Wenn auch, ihrer Bedeutung entsprechend, die Kreuzzüge in den Vorderen Orient im Mittelpunkt stehen, werden doch auch diejenigen nach Nordost- und Südosteuropa ebenso abgehandelt wie diejenigen gegen Ketzer und Häretiker und Gegner der katholischen Kirche und des Papsttums im allgemeinen sowie die Kämpfe gegen die Muslime auf der Iberischen Halbinsel oder in Nordafrika. Der zeitliche Rahmen, den diese Enzyklopädie abdeckt, spannt sich dabei vom 11. Jahrhundert bis in die Frühe Neuzeit, in der die Kreuzzugsbewegung allmählich zum Erliegen kam und schließlich in die frühen Türkenkriege mündete.
Das Spektrum der aufgenommenen Artikel ist zu weit gespannt und zu ausführlich, als dass es hier auch nur annähernd in befriedigender Weise referiert werden könnte, und die Auswahl lässt so gut wie keine Wünsche offen. Einzelne Personen – seien es politische und militärische Akteure oder Chronisten mit ihren Werken –, Familien resp. Dynastien werden ebenso abgehandelt wie Länder, Herrschaften oder Städte. Aber auch einzelne Ereignisse, Institutionen oder allgemein wichtige Themen wie etwa Kriegführung oder Handel und Münzprägung der Zeit werden geschildert. Selbstredend haben die Lemmata ihrer Bedeutung entsprechend unterschiedliche Längen. So wird zum Beispiel den wichtigsten Kreuzzügen, wie etwa dem Ersten (S. 439–449) oder dem Vierten (S. 449–457) und Fünften (S. 427–432), mehr Platz eingeräumt als demjenigen gegen die Stedinger (S. 1121f.).
Eine Liste der Lemmata (S. XV–XXV) gibt kurz Auskunft darüber, welche Namen und Begriffe bzw. Stichwörter in das Werk aufgenommen wurden; dies erspart die eventuelle Suche über vier Bände hinweg. Diese Übersicht wird durch einen ausführlichen Index ergänzt (S. I-1–I-66). Hier werden nochmals die als Artikel aufgenommenen Stichwörter durch Fettdruck der Seitenzahlen kenntlich gemacht, während im Normaldruck auf weitere, damit im Zusammenhang stehende Erwähnungen hingewiesen wird sowie zahlreiche Stichwörter ausgewiesen werden, die kein eigenes Lemma erhalten haben. Dazu kommen eine Liste der zahlreichen Bearbeiter (S. VII–XIV), eine Liste der in die Bände sinnvoller Weise aufgenommenen Karten und ein Abkürzungsverzeichnis (S. xxvii–xxix) sowie eine Auswahlbibliographie (S. B-1–B-10). Diese ist allerdings wegen ihres eklektischen Charakters und der Schwerpunktsetzung auf englischsprachige Literatur nur von eingeschränktem Nutzen, und der Leser wird daher besser auf das jedem Artikel beigegebene Quellen- und Literaturverzeichnis zurückgreifen. Weshalb allerdings alle vier Bände über diese Auflistungen verfügen, ist nicht ganz einsichtig und eigentlich unnötig, denn kaum ein Benutzer wird nur Zugriff auf einen der vier Bände haben.
Nach dem Vorwort des Herausgebers (S. xxxif.) folgen Hinweise für die Benutzung des Werks und zur Nummerierung bzw. zu den Bezeichnungen der einzelnen Kreuzzugsunternehmen sowie eine durchaus hilfreiche chronologische Übersicht über dieselben (S. xxxiii–xxxvii). Angesichts der uneinheitlichen Zählung der einzelnen Kreuzzüge in der Forschung und der vielen weiteren Kreuzzugsunternehmungen ist auch dies angebracht und nützlich. Dies gilt ebenso für die Zusammenstellung der wichtigsten Quellen (S. xxxix–xli) zu den einzelnen Kreuzzügen. Dem Anspruch des Werks gemäß sind hier nicht nur lateinische und altfranzösische Quellen (Western Sources) aufgenommen worden, sondern auch griechische, arabische, armenische und syrische. Weshalb allerdings manche davon einen Asteriskus erhalten haben, wie etwa Albert von Aachen, Anna Komnene und Ibn Shaddād, andere hingegen nicht, bleibt ungesagt. Vielleicht handelt es sich um solche, die der Herausgeber für besonders wichtig erachtet. Wenn dem so sein sollte, ist allerdings nicht ganz einsichtig, weshalb er etwa Arnold von Lübeck für wichtiger hält als Ambroise und Ibn al-Qalānisī für wichtiger als Ibn al-Athīr. Ebenso wenig verständlich, ja geradezu bedauerlich ist, dass ab dem 14. Jahrhundert nur noch westliche Quellen aufgeführt werden. Immerhin reicht der zeitliche Rahmen des Werks weit darüber hinaus, wie etwa das recht ausführliche Lemma zum Kreuzzug von Varna 1444 zeigt (S. 1223–1225).
Im ersten Band findet sich des Weiteren eine allgemeine Einführung, in der James M. Powell die Geschichte der Kreuzzüge Revue passieren lässt und auf ihre Bedeutung hinweist. Etwas kurz geraten sind dabei leider deren Nachwirkungen bis heute und ihre Rezeption (S. xliii–lx). Den vierten und letzten Band beschließt ein Anhang etwas willkürlich ausgewählter einschlägiger Quellentexte in Übersetzung, die hier teilweise erstmals aus dem Original ins Englische übertragen wurden (S. 1297–1314).
Wie bei einem so umfangreichen Gemeinschaftswerk nicht anders zu erwarten, wird der Fachmann auf seinem jeweiligen Spezialgebiet den ein oder anderen Artikel als zu kurz empfinden, die beigefügten Literaturhinweise vielleicht als nicht ganz ausreichend, oder er wird gar die eine oder andere Ungenauigkeit feststellen. Insgesamt gilt es jedoch zu betonen, dass mit dieser Enzyklopädie jedem Interessierten ein wichtiges und weitgehend zuverlässiges Hilfsmittel zur Orientierung an die Hand gegeben wird. Dass dieses Werk auch ganz einfach zum stundenlangen Schmökern einlädt, ist kein geringes Lob für den Herausgeber und seine Mitstreiter.
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