Y. Morimoto, Études sur l'économie rurale du haut Moyen Âge (Miriam Czock)
Yoshiki Morimoto,
Études sur l’économie rurale du haut Moyen Âge. Historiographie,
régime domanial, polyptyques carolingiens. Préface de Pierre
Toubert, Bruxelles (Éditions De Boeck Université) 2008, 427 S.
(Bibliothèque du Moyen Âge, 25), ISBN 978-2-8041-5610-7, EUR
55,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Miriam Czock, Berlin
Der vorliegende Band vereint in drei Sektionen mit insgesamt 15 Kapiteln Einzelbeiträge Yoshiki Morimotos aus den Jahren 1986 bis 2002, die bereits an anderer Stelle publiziert wurden. Der Band enthält außerdem ein Vorwort Pierre Touberts sowie eine Einleitung und ein Schlusswort Morimotos selbst. Diese nutzt er, um die einzelnen Arbeiten kurz zusammenzufassen und in den Kontext der Forschung zu setzen. Darüber hinaus ist dem Band ein umfangreicher Index angehängt, durch den er schnell erschlossen werden kann.
Das Vorwort von Pierre Toubert hebt die besondere Stellung Morimotos hervor, der als Professor der Universität Kyushu (Japan) im engen Verbund mit seinen europäischen Kollegen seit Jahrzehnten die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte des europäischen Mittelalters erforscht. Obwohl der Band diese jahrzehntelange Forschungstätigkeit widerspiegelt, sind die einzelnen Aufsätze nicht nur durch die sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Fragestellungen verbunden, sondern auch durch die Faszination Morimotos für die Dynamik seiner Gegenstände; sei dies die Entwicklung der Forschung auf diesem Gebiet in den letzten Jahrzehnten oder die der sozio-ökonomischen Verhältnisse des Mittelalters. Darüber hinaus werden die Beiträge von der Überzeugung geprägt, dass die Grundherrschaft als ein Motor der sozio-ökonomischen Prozesse des Frühmittelalters zu betrachten ist.
Der Band ist – wie gesagt – dreifach unterteilt: Der erste Teil beschäftigt sich mit der Forschung zur Grundherrschaft und den karolingischen Urbaren, der zweite Teil ist der Textkritik sowie der Erforschung des Urbars von Prüm gewidmet und der dritte Teil verschiedenen Fragen, die den quellenkritischen Untersuchung der karolingischen Urbaren entspringen. In den ersten drei im ersten Teil versammelten Aufsätzen zeichnet der Autor eingehend und mit beeindruckender Literaturkenntnis die Forschungsansätze seiner europäischen Kollegen bis in das Jahr 2004 nach. Die in ihnen besprochene Literatur ist am Ende jeweils als umfangreiche Literaturliste beigegeben (Kap. 1–3).
Die folgenden zwei Kapitel erhellen die in der Forschung immer wieder aufgegriffene Bedeutung der Beziehung zwischen Stadt und Land (Kap. 4, 5). Hier bricht er eine Lanze dafür, Stadt und Markt nicht als Gegensätze zur Grundherrschaft zu sehen, sondern ihren komplementären Charakter anzuerkennen. So könnten seiner Meinung nach neue Erkenntnisse über die Entstehung von Märkten und Städten gewonnen werden. Um jedoch zu validen Ergebnissen zu kommen, müsste die Forschung sich seiner Meinung nach zudem von den unterschiedlichen Modellen lösen, mit der sie den sozio-ökonomischen Fortschritt erklären. So könne weder die Position, dass dieser allein auf die Initiative der Herren zurückführen ist, noch die Ansicht, dass er ein Ergebnis der Zusammenarbeit von Herren und Bauern ist, zur Klärung beitragen (Kap. 4). In dem darauffolgenden Artikel zeichnet er die Forschung zur Stadt-Land Problematik noch einmal nach. Hier geht er vor allem auf den Aspekt der unterschiedlichen Entwicklung der verschiedenen Regionen von Frankreich über Osteuropa bis Skandinavien nach, womit er die Notwendigkeit der Zusammenführung der inhomogenen Befunde zur weiteren Analyse der sozio-ökonomischen Entwicklungen des Frühmittelalters unterstreicht (Kap. 5).
Den zweiten Teil des Buches darf man wohl als den Kern des Bandes bezeichnen, vereint er doch die detaillierten Forschungen Morimotos zum Prümer Urbar, welche die Forschungsdebatte entscheidend mitgeprägt haben. Im Gegensatz zu Ingo Schwab, der 1983 eine Neu-Edition des Prümer Urbars vornahm (Das Prümer Urbar, Düsseldorf 1983), geht Morimoto nicht davon aus, dass das Urbar 893 als Ergebnis eines einmaligen Verschriftungsaktes entstanden ist. So zweifelt er daran, dass die Widersprüche und Brüche im Text des vetus liber – wie Schwab annimmt – allein auf die Tätigkeit der Kommissionen, die Informationen vor Ort sammelten, und deren Verschriftung zurückgehe. Dagegen stellt er ein Modell der »dynamischen Verschriftung«: Das Prümer Urbar ist für ihn ein Dokument, dass größtenteils Ende des 9. Jahrhunderts fertiggestellt wurde, jedoch bis etwa 950 noch Abänderungen erfahren hat. Damit eröffnet er den Blick darauf, dass Urbare nicht eine Momentaufnahme eines an sich stabilen Systems darstellen. Vielmehr geben sie über die Struktur und die sozialen Verhältnisse einer Grundherrschaft Auskunft, die sich in einem dynamischen Prozess befinden und im Urbar Abbildung gefunden haben. So hebt er die Dynamik des grundherrlichen Wirtschaftens sowie die Schichtung des Schriftzeugnisses hervor (Kap. 6, 7, 9), in die er auch den Kommentar des Caesarius von Milendonk einbettet (Kap. 8, 9).
Die Idee, dass die Grundherrschaft als ein sich dynamisch entwickelndes sozio-ökonomisches System zu verstehen und dies wiederum aus der Schichtung des urbariellen Textes ablesbar ist, prägt auch die weiteren Aufsätze des zweiten und dritten Teils (Kap. 9–15). Diese befassen sich auf Grund der quellenkritischen Analyse verschiedener Urbare mit unterschiedlichsten Detailfragen. So widmet sich Morimoto in ihnen unter anderem den Zirkulationsverhältnissen anhand des Zusammenhangs von Markt und ländlicher Produktionsweise (Kap. 9, 10), der Mansusverfassung (Kap. 11), der Entwicklung der dreijährigen Fruchtfolge (Kap. 12), der Bedeutung von Frondiensten (Kap. 13) sowie der Integration und Organisation der Bauern und ihrer Hofstellen innerhalb der Domäne (Kap. 9, 14, 15). Das Nachwort des Autors beschreibt die Aufnahme seiner in den hier versammelten Aufsätzen aufgestellten Thesen und Argumente in der Forschung und lässt dabei auch kritische Perspektiven zu Wort kommen, womit er am Ende des Bandes einen Kommentar zur eigenen Arbeit entsteht lässt.
Mit seinen Aufsätzen trägt Yoshiki Morimoto dazu bei, einem statischen Modell der Sozial- und Wirtschaftsformen des Mittelalters ein wesentlich komplexeres und dynamischeres Bild entgegenzusetzen; allerdings löst er die sich aus dieser Betrachtungsweise ergebenden Widersprüche nicht immer auf. Auch wenn einzelne Aspekte – unter anderem gerade die »dynamischen« – seiner Arbeit in der Forschung durchaus auch auf kritische Gegenstimmen gestoßen sind, ist dieser Band vor allem ob seiner akribischen Aufarbeitung der Forschungslage zum jeweiligen Thema als Einstieg in die Fragen und Probleme der Wirtschafts- und Sozialgeschichte zu empfehlen.
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