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K. S. B. Keats-Rohan (ed.), The Cartulary of the Abbey of Mont-Saint-Michel (Ludwig Falkenstein)

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K. S. B. Keats-Rohan (ed.), The Cartulary of the Abbey of Mont-Saint-Michel

Francia-Recensio 2009/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

K. S. B. Keats-Rohan (ed.), The Cartulary of the Abbey of Mont-Saint-Michel, Donington (Shaun Tyas) 2006, XIV–320 S., ISBN 1-900289-69-5, GBP 35,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Ludwig Falkenstein, Aachen

Von den in den letzten Jahren erfreulichen Initiativen zur Erschließung mittelalterlicher Urkunden in der Normandie hat nunmehr auch einer der berühmtesten und künstlerisch bedeutendsten Textzeugen profitiert, das cartulaire der berühmten Mönchsabtei Le Mont-Saint-Michel, das heutige ms. 210 der Bibliothèque municipale in Avranches. Nachdem erst Ende 2005 auf eine Initiative der Amis du Mont-Saint-Michel hin eine ausgezeichnete Faksimile-Ausgabe der Handschrift zu einem wohlfeilen Preis veröffentlicht worden war, folgte 2006 die hier anzuzeigende Edition des cartulaire1. Zum einen enthält die Handschrift, gleich zu Beginn, noch vor ihren Urkundenkopien, die große, leicht in Gold gehöhte Federzeichnung mit der Vision des hl. Autbert (f. 4v), sodann zwei erzählende Texte, welche die frühe Geschichte der Gründung berühren (f. 5r–f. 17r), zum anderen wird sie durch Buchillustrationen (f. 4v, f. 19v, f. 23v, f. 25v) ausgezeichnet, zu denen auch mehrere Initialen gehören2. Ihr ältester Teil besteht aus 14 regelmäßigen Quaternionen, bei durchschnittlicher Blattgröße von 361 x 255 mm, von denen die fünfte nach f. 39v und vor f. 40r heutiger Zählung durch Abschneiden eines Folios noch vor der Niederschrift gekürzt wurde (Cartulary S. 7)3. Die Texte sind von einer Hand des 12. Jahrhunderts in einer gut lesbaren Buchschrift geschrieben. Der erste der beiden erzählenden Texte ist die von einem Kleriker der Abtei zu Beginn des 9. Jahrhunderts verfasste Revelatio ecclesiae sancti Michaelis archangeli in monte qui dicitur tumba (f. 5–10), die sich unter teilweise erfolgter Übernahme eines älteren Textes mit der Gründung eines dem Erzengel geweihten Heiligtums durch Bischof Autbert von Avranches befasst (BHL 5951)4. Der zweite der erzählenden Texte, bekannt unter dem Kurztitel Introductio monachorum, hat die Umwandlung der älteren Klerikerkommunität in einen Konvent schwarzer Mönche zum Gegenstand, die 965–966 auf Veranlassung Herzog Richards I. zustande kam (BHL 5147), ein Text, in den mehrere Herzogsurkunden inseriert wurden und an dessen Ende (f. 17r–18r) ein auf den Namen Johannes’ XIII. gefälschtes Privileg für die Abtei (965–972) (JL †3757), sodann das (f. 18v) (verfälschte) Diplom König Lothars (von 966 Februar 7) (Halphen – Lot, Recueil des actes de Lothaire et de Louis V, S. 53–57, Nr. XXIV) stehen5. Diese Texte sind in der vorliegenden Ausgabe unter der Nummer 1 zusammengefasst (Cartulary S. 63–75). Der folgende Teil mit den kopierten Urkunden, die in der Reihenfolge der Handschrift einander folgen, reicht von f. 20 bis f. 112 (Cartulary S. 76–186, Nr. 2–119). Er umfasst insgesamt 119 Nummern, von denen 117 Urkunden sind. Da zwei Urkunden (Nr. 31 folgt erneut als Nr. 60, Nr. 33 als Nr. 110) als Doubletten zweimal erscheinen, wie das auf den S. 55–62 den Texten vorausgehende Inhaltsverzeichnis zeigt, sind es wirklich 115 Urkunden, die indes allein den ältesten Teil ausmachen. Dieser älteste, offenbar aber nicht vollendete Teil dürfte allerdings nicht, wie bisher allgemein angenommen, erst unter Abt Robert de Torigni (1154–1186), sondern, wie Keats-Rohan durch inhaltliche Kriterien darlegt, schon unter Abt Gaufrid (1149–1150) entstanden sein (S. 10–13). Die in den ältesten Teil aufgenommenen Urkunden verteilen sich über einen Zeitraum von ca. 982 bis 1149. Sie betreffen Güter und Einkünfte, die in der Normandie, in der Bretagne, im Maine und in der Touraine lagen. Zur Bedeutung dieser Dokumentation sagt die Herausgeberin: »The material relating to the period c. 990 to 1140 is especially important, because it is the sole coherent body of documentation for he border regions of Brittany, Normandy and Maine to survive from that time, and one of the few means we have for controlling the account of Norman history produced by Dudo of Saint-Quentin. The charters for the period 982–1100 yield a sort of Almanach de Gotha for north-west France« (S. 35). Mit diesem ältesten Kern enden zugleich die ältesten Urkunden der Abtei.

An diesen ältesten Kern reihen sich zahlreiche Nachträge späterer Hände an. Noch auf f. 112v folgen bis f. 125r, von mehreren Händen des 12. Jahrhunderts nacheinander »annalistisch« geordnete Mitteilungen, die, abschnittsweise gegliedert, jeweils mit den Worten Eodem anno eingeleitet, wohl Inhaltsangaben von Urkunden zur Güterverwaltung der Abtei waren, dann aber auch Urkunden aus der Abtszeit des Robert de Torigni, von denen Léopold Delisle die ersten im Anhang zu seiner Ausgabe der Chronik des Abtes publiziert hat6. Auf Details kann hier aus Raumgründen nicht weiter eingegangen werden, jedoch ist offenkundig, dass es sich dabei um einen umfangreichen Nachtrag zum cartulaire handelt, dem weitere folgen. Keats-Rohan hat sich indes darauf beschränkt, allein den ältesten Teil des cartulaire herauszugeben.

Außerdem hat sie ihrer Ausgabe drei Anhänge beigefügt. Ein erster betrifft »Materials related to the contents of the cartulary«. Er umfasst acht Nummern und reicht von kurzen Mitteilungen aus einem Annalenwerk von 1035–1039, in dem auch das falsche Privileg Johannes’ XIII. (JL †3757) und das Lothardiplom erwähnt werden (I,1a, S. 187)7, bis hin zu Urkunden, die Details zur Entstehung von Urkunden aus dem cartulaire erhellen (I,1a, S. 197–I,8, S. 192). Der zweite Anhang enthält »Materials omitted by the Cartulary« (II,1–12, Cartulary S. 192–203), wobei diese Bezeichnung, sei es, dass sie einen Vorsatz oder eine Unachtsamkeit evoziert, missverständlich ist. Es dürfte nämlich schwierig nachzuweisen sein, dass das dort (II,11, S. 200–202) ohne die Unterschriften abgedruckte Privileg Eugens III. von 1150 Dezember 15, JL 9424, für Abt Gaufrid und die Brüder von Le Mont-Saint-Michel, das neben der Gewährung des apostolischen Schutzes, einer enumeratio bonorum erstmals auch die Bestimmung über die freie Abtswahl enthält, und von dem es ein vom Original genommenes Vidimus von 1523 Dezember 26, eine vollständige Abschrift, einschl. der Unterschriften von Papst und Kardinälen, gibt (ehem. Saint-Lô, Arch. dép. de la Manche, H 15035bis)8, im ältesten Teil des cartulaire hätte kopiert werden sollen. Der umfangreichste indes ist der ausführliche Anhang III, denn er umfasst mit den »Notes on persons occurring in the cartulary« (III,[1]-[Anhang II,12], S. 203–267), wichtiges Material und zahlreiche ergänzende prosopografische Hinweise. Den Abschluss bilden eine »Select bibliography« mit einer Liste der benutzten Handschriften, der Literatur zur Herstellung von Handschriften auf dem Mont-Saint-Michel und der zur Geschichte der Abtei und ihrer Region (S. 268–274), denen ein »General index« mit den heutigen Personen- und Ortsnamen (S. 275–301) sowie ein »Index nomina« mit den lateinischen Personen- und Ortsnamen (S. 302–320) folgen. Chartulare oder Kopiare bei ihrer Edition als eine besondere Form von schriftlicher Überlieferung zu würdigen, die sich oftmals in ihrer Anlage als individuelle, wenn nicht einmalige Aussage zum Selbstverständnis ihrer Schöpfer oder gar ihrer Institution erweisen, ist eine inzwischen bewährte Form der Urkundenpublikation. Dass die Herausgeberin den ältesten Teil dieses cartulaire herausgegeben und mit wichtigen Hinweise zugänglich gemacht hat, ist angesichts der Bedeutung der Urkunden für die Geschichte der Normandie und der sie umgebenden Länder im frühen Mittelalter eine Leistung, die nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Dafür gebührt ihr nachhaltiger Dank.

1 Cartulaire du Mont-Saint-Michel. Fac-similé du manuscrit 210 de la Bibliothèque municipale d’Avranches, avec une introduction par Emmanuel Poulle et une traduction des textes littéraires par Pierre Bouet et Olivier Desbordes, Mont-Saint-Michel 2005.

2 Erst später hat man ein Bifolio des 13. Jahrhunderts (f. 3v–4) mit einer Translatio sancti Maglorii et aliorum Parisius (BHL 5147) aus dem 10. Jahrhundert der Handschrift vorgebunden; zu dieser in größerem Rahmen Hubert Guillotel, L’exode du clergé breton devant les invasions scandinaves, in: Mémoires de la Société d’histoire et d’archéologie de Bretagne 69 (1982), S. 269–315.

3 Vgl. dazu auch die Faksimile-Ausgabe (wie Anm. 1), S. 24–25.

4 Eine französische Übersetzung dieses Textes der noch folgenden sog. Introductio monachorum und der ihnen vorausgehenden Translatio sanct Maglorii von Pierre Bouet und Olivier Desbordes ist der Faksimile-Ausgabe (wie Anm. 2) beigegeben.

5 Wie Lot, Recueil p. 53, Anm. 1, dargelegt hat, wurde das falsche Papstprivileg um 1058–1060 fabriziert, um durch eine an Herzog Wilhelm gerichtete Denkschrift die freie Abtswahl durchzusetzen; Papsturkunden 896–1046, bearb. von Harald Zimmermann, Bd. I: 896–996, Wien 1984 (Österreich. Akademie der Wissenschaften, Philos.-hist. Kl., Denkschriften, 174), S. 333–335, Nr. †170; Papstregesten 911–1024, bearb. von Harald Zimmermann, Wien, Köln, Weimar 21998 (J. F. Böhmer, Regesta imperii, II, 5), S. 118–119, Nr. †389.

6 Die »annalistischen« Mitteilungen stehen in der Chronique de Robert de Torigny, abbé du Mont-Saint-Michel, publ. par Léopold Delisle, Bd. I–II, Rouen 1872–1873, hier Bd. II, S. 237–260. Unter den anschließend dort publizierten Urkunden befinden sich mehrere aus dem cartulaire. Delisle, in Valognes in der Nähe von Cherbourg in der Normandie 1826 geboren und zeitlebens der Geschichte der Normandie besonders zugetan, hatte selber eine Kopie des cartulaire genommen, die in Paris, Bibliothèque nationale de France, Nouv. acq. lat. 1024, liegt. Dazu jetzt Emmanuel Poulle, Léopold Delisle: Paléographe ou historien?, in: Léopold Delisle. Colloque de Cérisy-la-Salle (8–10 octobre 2004). Actes publiés sous la direction de Françoise Vielliard et Gilles Désiré dit Gosset, Saint-Lô 2007, S. 131–146, bes. S. 135–159.

7 Vgl. Delisle, Chronique de Robert de Torigny Bd. II, S. 235–236.

8 Vgl. Cartulaire S. 25, Anm. 77; Johannes Ramackers, Papsturkunden in Frankreich, N. F. II: Normandie, Göttingen 1937 (Abhandlungen der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Philolol.-Hist. Kl., 3. F., 21), S. 135–137, Nr. 60; zu den damals noch vorhandenen Papsturkunden für Le Mont-Saint-Michel in den Archives départementales de la Manche in Saint-Lô, ebd. S. 37–38.

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Dokument zuletzt verändert am: Feb 27, 2012 10:28 AM
Zugriff vom: May 24, 2012