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B. Guenée, Du Guesclin et Froissart (Jessika Nowak)

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Bernard Guenée, Du Guesclin et Froissart. La fabrication de la renommée

Francia-Recensio 2009/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Bernard Guenée, Du Guesclin et Froissart. La fabrication de la renommée, Paris (Tallandier) 2008, 237 S., ISBN 978-2-84734-296-3, EUR 25,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Jessika Nowak, Frankfurt a. M.

»Bonne renommée vaut mieux que ceinture dorée«, besagt ein französisches Sprichwort. Wie sehr es sich im Frankreich des 14. Jahrhunderts nach dem gesellschaftlichen, mit der Herausbildung einer öffentlichen Meinung einhergehenden Wandel auszahlte, gezielt die Verbreitung des eigenen Renommees zu betreiben, weil sich auf diese Weise sogar die durch die Geburt gesetzten, aber bereits ein wenig gelockerten Schranken überwinden ließen, führt Guenée in seinem neuesten Werk in bewährt meisterlicher Manier vor. Den Ausgangspunkt dieses – laut Verlagsankündigung mit Guenées Studien »L’Opinion publique à la fin du Moyen Âge« (2002) und »La Folie de Charles VI« (2005) ein Triptychon bildenden – Buches stellt eine sublime philologische Studie dar, in der Guenée die Begriffe »renommée« (»fama«) und »gloire« (»gloria«) genauer fasst und herausarbeitet, dass sich diese Termini in der Antike lediglich hinsichtlich des Ausmaßes der Verbreitung unterschieden hatten, wohingegen für die Christen im Mittelalter die »gloria« kaum der irdischen Sphäre zuzuordnen war. Erst ab dem 14. Jahrhundert trat, nicht zuletzt bedingt durch die Kreuzzüge und die »Wiederentdeckung« der Antike, neben den himmlischen Ruhm die »gloria« der – für Kirche und Staat kämpfenden – Granden und großen Militärs, wie Bertrand du Guesclin (1320–1380), der sich nach Hektor, Caesar u. a. als zehnter »Preux« in die »Guten Helden« einreiht. Mit diesem aus dem niederen bretonischen Adel stammenden, sehr populären Connétable Karls V., der auf dem Schlachtfeld und beim Rühren der Werbetrommel in eigener Sache gleichermaßen erfolgreich war und verdientermaßen zu den Füßen seines Herrn die letzte Ruhestätte in Saint-Denis gefunden hat, kulminiert der erste Part von Guenées zweiteiliger Komposition, die jeweils über vier Kapitel zu den Passagen über die etwa zeitgleich lebenden titelgebenden Protagonisten, zu dem Mann der Waffen und dem der Feder, hinleitet. Beide verband die Erkenntnis, dass »Heldentaten« und literarisches Talent nicht ausreichten, um zwangsläufig Berühmtheit zu erlangen. So leisteten sie mit als Erste forciert »Öffentlichkeitsarbeit«, um ihr Ziel – das Erlangen von Renommee – zu erreichen.

In diesem ersten mit »Renommée et société« betitelten Hauptteil führt Guenée den Leser über vier sehr dichte und quellenreiche, mit »La naissance et la renommée«, »La renommée et le mérite«, »La renommée et la célébrité« sowie »La renommée et la mémoire« überschriebene Kapitel, in denen die philologischen Studien noch Vertiefung finden und in denen u. a. beschrieben wird, wie – nachdem sich bereits die begabtesten Kleriker trotz niederer Herkunft dank ihrer sapientia und eruditio in den Klöstern und Schulen einen Namen hatten machen können – nun im 14. Jahrhundert auch die Laien, die »chevaliers«, ohne Rücksicht auf ihre Herkunft nur wegen ihrer strenuitas und probitas bzw. ihrer vaillance und prouesse ans Licht treten konnten, bis hin zu dem Mann, der wie kein anderer die »Medien« für sich zu gewinnen vermochte, zu Du Guesclin, der – so Guenée – zwar nicht der einzige große Kriegsmann seiner Zeit gewesen sei, doch bei weitem »le plus médiatique« zu gelten habe (S. 83) und der zweifelsohne der erste gewesen sei, von dem die Zeitgenossen sich bewusst waren, dass er, von weit unten kommend, nur »par la commune voix du royaume, par la faveur du monde« so hoch habe aufsteigen können (S. 90). Du Guesclins Ernennung zum Connétable 1370 zeige denn auch den »éclatant triomphe de la renommée, de la célébrité, de la popularité sur la naissance« (S. 90). Gleichermaßen verdankten die Kanzler Guillaume de Dormans und Pierre d’Orgemont, die Karl V. 1372/1373 – wie zuvor auch Du Guesclin – durch einen größeren Kreis hatte erwählen lassen, ihre Ernennung nicht mehr der Geburt, sondern ihren Leistungen und ihrer Reputation; doch währte diese Phase, in der die Verdienstvollen darauf hoffen konnten, dank ihres Renommees ihr Dasein zu verändern, nur kurze Zeit: »Dès les premières années du XVe siècle il était clair que, dans une société de plus en plus bloquée, le temps était passé des triomphes du mérite et de la renommée« (S. 101).

Doch es galt nicht nur, sich durch das mündlich kolportierte Renommee den Weg zu einem besseren Leben zu ebnen, sondern es war auch opportun, durch eine schriftliche Fixierung der Reputation für dauerhaften Ruhm in der Nachwelt Sorge zu tragen. Den Historiographen und Historikern, den »artisans de la renommée«, die dies zu vollbringen vermochten, die sich nach und nach ihrer Rolle und ihres eigenen Wertes bewusst wurden und die selbst Renommee zu erlangen strebten, widmet Guenée daher den zweiten, mit »La renommée de l’historien« überschriebenen Hauptteil seines Werkes: Vom Libellus de viris illustribus (1111) des Sigebert von Gembloux, der immerhin 24 Historiographen in seinem Werk aufgelistet hatte (wenn auch nicht selten wegen der in anderen Genres erworbenen Verdienste), führt Guenée den Leser über die vielen aus unterschiedlichen Gründen die Anonymität bevorzugenden oder durch Streichung des Namens nachträglich in die Anonymität gedrängten Historiker bis hin zu denen, die – sich ihrer selbst und ihres Werts zunehmend bewusst – sich ihren Namen zu setzen entschieden1. Dem »nom« folgte zuweilen »le renom« bzw. »la renommée«, so das Werk eine ausreichende Verbreitung kannte. Eine weite Streuung der Schriften war wiederum für den Historiker umso wichtiger, da dieser sich, anders als die an den Universitäten Lehrenden, nicht durch eine große Schülerzahl einen Namen machen konnte. Erleichtert wurde dies durch den gesellschaftlichen und kulturellen Wandel, der sich im 14. Jahrhundert in Frankreich vollzog: Sowohl die größere Diffusion der Manuskripte, zu der nicht zuletzt die für die Predigt und den Unterricht kompilatorischer Handschriften bedürfenden Dominikaner einen erheblichen Beitrag geleistet hatten, als auch die Herausbildung einer öffentlichen Meinung und eines Publikums, dessen Gunst diejenigen gewinnen mussten, deren Leben sich nicht mehr im Schutze eines Klosters vollzog und die für die Finanzierung ihres Lebensunterhaltes auf Patrone angewiesen waren, vergrößerten die Möglichkeiten für Männer wie den aus dem Hennegau stammenden Kaufsmannssohn Jean Froissart (1337–1404), sich als »homme(s) de lettres« einen Namen zu machen. Dieser Chronist, der die Gönnerschaft der »gentilz hommes« bzw. der »nobles hommes« (S. 171) suchte, der die aristokratischen Kreise bewusst frequentierte, »ihre« Themen bearbeitete, aus seinen Werken vorlas und diese, um Eigenwerbung zu betreiben, denjenigen schenkte, von denen er sich viel versprach, verdankte seinen Bekanntheitsgrad zeit seines Lebens jedoch weder seinen literarischen Qualitäten noch dem Erfolg seiner Werke, sondern seinen geschickten »Vermarktungskünsten«. Und auch seinem in den letzten Jahren seines Lebens verfolgten Projekt, zurückgezogen in seiner »Schmiede« mit dem vierten Buch seiner Chronik ein ihm Nachruhm sicherndes Werk zu schaffen, sollte – trotz des zuweilen schwer kalkulierbaren und unberechenbaren Rezeptionsverhaltens der Nachwelt – Erfolg beschieden sein; dies zeigt schließlich die Tatsache, dass Guenée ihn als eine der zentralen Figuren dieser sehr lesenswerten Studie gewählt hat.

1 Zu diesem Thema siehe auch Bernard Guenée, Ego, je. L’affirmation de soi par les historiens français, XIVe–XVe siècles, in: Comptes rendus des séances de l’Académie des inscriptions et belles-lettres, Paris 2005, S. 597–611.

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B. Guenée, Du Guesclin et Froissart (Jessika Nowak)
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Dokument zuletzt verändert am: Feb 09, 2012 03:39 PM
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