F. Duval, Lectures françaises de la fin du Moyen Âge (Malte Prietzel)
Frédéric
Duval, Lectures françaises de la fin du Moyen Âge. Petite
anthologie commentée de succès littéraires, Genève (Droz) 2007,
474 S. (Textes littéraires français), ISBN 978-2-600-01097-9, CHF
35,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Malte
Prietzel, Springe/Konstanz
Bekanntlich las man im späten Mittelalter nicht immer jene Texte besonders gerne, die heutzutage Kulturwissenschaftlern aufgrund ihrer Forschungsinteressen und der meist im 19. Jahrhundert etablierten Wertmaßstäbe ihrer Fächer attraktiv erscheinen. Vielmehr bevorzugte man meist andere Schriften, oft solche mit einem starken didaktischen Impetus, die uns heute überaus belehrend und wenig originell vorkommen.
Diese Fehlwahrnehmung der mittelalterlichen Lesegewohnheiten will Duval korrigieren, indem er seinen Lesern Ausschnitte aus mittelalterlichen, in Französisch abgefassten Werken vorstellt – und zwar nicht aus Schriften, die er selbst nach heutigen ästhetischen und inhaltlichen Kriterien aussucht, sondern aus solchen Werken, die im Spätmittelalter am häufigsten gelesen wurden, man könnte sagen: aus mittelalterlichen Bestsellern.
Zu diesem Zweck ermittelt Duval, von welchen französischen Werken, die zwischen 1350 und 1500 entstanden, wenigstens 50 Handschriften erhalten sind. Bei Schriften, die vor 1350 verfasst wurden, wurden nur solche Textzeugen in der Zählung berücksichtigt, die nach diesem Stichjahr entstanden. In einzelnen Fällen wurden Texte, von denen weniger als 50 Handschriften belegt sind, dennoch aufgenommen, nämlich wenn eine besonders hohe Zahl von frühen Drucken ihre Beliebtheit dokumentiert.
Der Problematik solcher quantitativer Kriterien ist sich Duval bewusst: Manche Texte haben bessere Überlieferungschancen als andere, die Zahl der erhaltenen Textzeugen ist oft nur schwer zu ermitteln, ferner sagt sie nichts über die Zahl der Leser und noch weniger über die Wirkung des Textes aus. Weitere Schwierigkeiten ergeben sich, sobald die ausgewählten Texte nach Sachgruppen sortiert werden sollen. Auch wenn man sich schließlich Duvals Meinung, die Auszüge sollten abgeschlossene Teile des Werks darstellen und dessen Charakter zuverlässig widerspiegeln, durchaus anschließen mag, bleibt doch diskutabel, für welchen Teil eines bestimmten Werks dies am ehesten zutrifft.
Bei aller Umsicht Duvals wird daher mancher Leser die Aufnahme eines Texts bekritteln, einen anderen vermissen, die Zuordnung zu einem Genre wenig zutreffend finden. Freilich träfe solche Kritik jeden, der seinen Lesern eine solche Auswahl darbieten wollte. Für Duvals Vorgehen spricht, dass dabei eine anregende Sammlung herauskommt, die Werke ganz unterschiedlicher Art vereint und mittelalterliche Vorlieben besser repräsentiert, als es eine Auswahl nach modernen Maßstäben vermöchte.
Die 37 Texte, für die sich Duval anhand seiner Kriterien entschied, sind auf fünf Themenbereiche verteilt (religiöse, moralische, wissenschaftliche, historische sowie fiktionale Texte) und innerhalb dieser wiederum einzelnen Genres zugeordnet. Zu jedem Themengebiet und zu jedem Genre bietet der Herausgeber eine kurze Einführung, welche die Bedeutung des Themengebiets oder Genres für die mittelalterlichen Leser umreißt und spezifische Eigenheiten beschreibt. Zu jedem einzelnen Text werden ebenfalls einleitende Bemerkungen geboten, die jeweils Auskünfte über die Entstehungszeit, den Autor, die Verbreitung usw. umfassen. Außerdem wird jeweils erläutert, warum ausgerechnet der dargebotene Ausschnitt ausgewählt wurde. Diese Einführungen überzeugen im Allgemeinen durch ihre Präzision und Prägnanz.
Da für viele der Texte keine oder zumindest keine zufriedenstellende Edition existiert, unterzog sich Duval der Mühe, selbst aus den Handschriften einen Text zu erstellen. Grundlage war jeweils ein zuverlässiger Textzeuge, dessen offensichtliche Fehler mit Hilfe eines zweiten korrigiert wurden. Ziel war dabei keine kritische Ausgabe, sondern ein zuverlässiger, gut lesbarer Text. Zitate sind nachgewiesen, soweit dies mit Hilfe älterer Editionen möglich war. Auf Sachanmerkungen wurde weitgehend verzichtet. Das Verständnis des mittelalterlichen Französisch erleichtert ein gut 36-seitiges Glossar, das zugleich als Schlagwortregister dient.
Den Lesern erschließt sich ein breites Spektrum von Texten. Zwar werden Historiker die »Grandes chroniques de France« und Froissarts »Chroniques«, Literaturwissenschaftler den »Roman de la Rose« und den »Prosa-Lancelot« nicht erst durch diese Anthologie kennen lernen. Aber solche Werke, die Wissenschaftlern gemeinhin bekannt sein dürften, sind nur in geringer Zahl vertreten. Die Stärke dieser Auswahl liegt gerade in jenen Texten, die heutigen Wissenschaftlern wenig direkten Nutzen bringen, aber den Geschmack, den intellektuellen Horizont und die Weltsicht mittelalterlicher Leser trefflich widerspiegeln. Gewiss, man weiß um die Beliebtheit z. B. des Schachbuchs (»Livre des échecs moralisés«) des Jacobus de Cessolis oder der »Science de bien morir« des Jean Gerson, des »Livre de la chasse« des Gaston Phébus oder der französischen Fassung der Exempel aus der antiken Geschichte, die Valerius Maximus gesammelt hatte. Allein: Wer liest diese Werke heute tatsächlich noch? Die vorliegende Sammlung ermöglicht es Historikern, Literaturwissenschaftlern und interessierten Laien gleichermaßen, auf ebenso angenehme wie nützliche Weise mit diesen wichtigen und aufschlussreichen Texten Bekanntschaft zu schließen.
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