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P. de Commynes, Mémoires, Tome I+II (Malte Prietzel)

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Philippe de Commynes, Mémoires. Édition critique par Joël Blanchard. Tome I: Introduction, édition des livres I à VIII. Tome II: Variantes, notes, glossaire, index analytique, index des lieux et personnes

Francia-Recensio 2009/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Philippe de Commynes, Mémoires. Édition critique par Joël Blanchard. Tome I: Introduction, édition des livres I à VIII. Tome II: Variantes, notes, glossaire, index analytique, index des lieux et personnes, Genève (Droz) 2007, CLXXII–736 u. 737–1757 S. (Textes littéraires français, 585), ISBN 978-2-600-01080-1, CHF 175,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Malte Prietzel, Springe/Konstanz

Bekannt, ja berühmt sind die Memoiren des Philippe de Commynes aus vielen Gründen: weil der Autor die Politik seiner Zeit mit größter Nüchternheit betrachtet und den menschlichen Charakter mit einem stechenden, je nach Geschmack illusionslos oder zynisch zu nennenden Blick analysiert, ganz allgemein auch, weil Commynes das Genre der Memoiren geradezu erst erfand und weil er mit seinem subjektiven, persönlichen Urteil geradezu als Indiz für die Entstehung der neuzeitlichen Individualität aufgefasst wird.

Kaum zu glauben scheint, dass ein derart berühmter und wichtiger Text erst jetzt mit dem vorliegenden Werk eine wirklich kritische Edition erfährt. Verständlich wird es jedoch, wenn der Leser in ehrfürchtigem Staunen betrachtet, welche Arbeit hier geleistet werden musste: 736 Seiten zählt der Text der Memoiren, weitere 220 Seiten umfassen die mehr als 12.000 Varianten, 377 Seiten die Sachanmerkungen zum Text. Eine Einleitung von 162 Seiten bietet die Beschreibung der Handschriften, Bemerkungen zu Drucken und bisherigen Editionen, eine treffende Skizze von Commynes’ Leben und Erläuterungen über sein Vorgehen als Autor sowie ein umfangreiches Verzeichnis von Quellen und Literatur. Hinzu kommen 32 Seiten Glossar, 163 Seiten Sachregister, 208 Seiten Register der Orts- und Personennamen.

Der notwendige Aufwand erklärt sich nicht zuletzt durch die Überlieferungslage. Acht Handschriften der Memoiren sind heute noch erhalten; eine von ihnen stammt vom Ende des 15., die anderen vom Anfang des 16. Jahrhunderts. Eine weitere Handschrift ist durch einen Druck aus der Mitte des 16. Jahrhunderts zu erschließen. Die mitunter mangelnde Sorgfalt der Kopisten trug dazu bei, dass die Versionen mitunter stark differieren. Doch liegt ein entscheidender Grund dafür schon im nur noch zu erschließenden ursprünglichen Text des Autors. Commynes selbst nannte im Prolog der Memoiren deren sprachliche Fassung unbefriedigend. Vielleicht unternahm es schon der Verfasser selbst, sein abgeschlossenes Werk noch einmal zu überarbeiten, stilistisch aufzupolieren, Unklarheiten zu beseitigen. Mit Sicherheit versuchten spätere Leser oder Kopisten, den Text zu verbessern, mitunter einfach, indem sie ihnen nicht verständliche Passagen wegließen. Ihre dubiosen Bemühungen erschweren die Arbeit des Herausgebers enorm.

Ganz zu Recht wählte Blanchard die Handschrift P (BnF ms. fr. nouv. acq. 20960) als Leithandschrift, da sie die einzige ist, die alle acht Bücher der »Memoires« enthält. Außerdem zeigt sich gerade in ihr noch deutlich der vermutliche Charakter von Commynes’ Diktat in Gestalt von unvollständigen Sätzen sowie sperrigen oder oberflächlichen, dann aber auch wieder sehr prägnanten Formulierungen. Die übliche Einteilung in Bücher und Kapitel wurde aus praktischen Gründen beibehalten, obwohl sie nicht von Commynes, sondern erst aus dem Druck des Denis Sauvage von 1552 stammt und dem Duktus des Verfassers nicht gerecht wird.

Dank Blanchards Mühen ist ein Text entstanden, dessen Nähe zu Commynes’ Diktat philologisch weitestgehend gesichert ist. Dem wissenschaftlichen Benutzer verschafft dies die Gewissheit, dass er sich wirklich mit den Worten des Memorialisten und nicht mit Korrekturen und Flüchtigkeiten späterer Leser und Kopisten auseinandersetzt. Vor allem aber bietet diese gelehrte Ausgabe auch ein Lesevergnügen, denn die eigenwillige Sprache Commynes’ hat ihren Reiz, nicht aufgrund literarischer Qualitäten im engeren Sinn, aber weil sie den Leser unmittelbar anspricht, plastisch und doch nüchtern sein kann.

Im Sachkommentar werden die einzelnen Passagen ungleichgewichtig behandelt, was angesichts der Textmenge kaum anders sein kann. Mitunter bietet der Herausgeber nur eine bloße Identifizierung von Personen, manchmal prägnante Analysen der jeweiligen Passage von Commynes’ Text.

Der Sachindex erleichtert nicht nur, wie es seine Aufgabe ist, erheblich die Suche nach bestimmten Begriffen, sondern vermittelt schon bei der Durchsicht anregende Erkenntnisse. Immer wieder verweisen die Einträge auf den spätmittelalterlichen Wortgebrauch und damit auch auf die zeitgenössische Wahrnehmung des Phänomens (z. B. das Lemma »nourriture, éducation« oder »pratique, négociation«). Die Stichworte »Dieu« und »Fortune« bieten in gedrängter Form eine Übersicht über zwei wichtige, konkurrierende Elemente in Commynes’ Weltsicht. Eigenartigerweise gibt es das Schlagwort »cheval« mit interessanten Einträgen, aber nicht »chevalier«. Sollte der Autor das Wort wirklich nicht gebraucht haben?

Blanchards Leistung ist desto bewundernswerter, als diese Ausgabe der Memoiren nur einen Teil seiner Bemühungen um Commynes’ Leben und Werk darstellt. Abgesehen von zahlreichen Aufsätzen, erschien schon 1996 eine monografische Studie über die Memoiren, 2001 dann eine Textausgabe ohne kritischen Apparat, im selben Jahr eine Edition der Briefe Commynes’, 2006 eine Biographie, 2008 eine Studie über die politischen Prozesse Ludwigs XI. in Commynes’ Werk. Eine Edition weiterer Quellen zum Leben des Memorialisten (»Pièces originales«) in zwei Bänden ist angekündigt. Mit diesen Arbeiten und mit der vorliegenden vorzüglichen Edition hat Blanchard unverzichtbare und dauerhafte Grundlagen für jede weitere Beschäftigung mit der faszinierenden Persönlichkeit des Philippe de Commynes geschaffen.

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P. de Commynes, Mémoires, Tome I+II (Malte Prietzel)
In: Francia-Recensio, 2009-3, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
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Dokument zuletzt verändert am: Feb 28, 2012 12:11 PM
Zugriff vom: May 24, 2012