R. B. Brooke, The Image of St. Francis (Annette Kehnel)
Rosalind
B. Brooke, The Image of St Francis. Responses to Sainthood in the
Thirteenth Century, Cambridge (Cambridge University Press) 2006,
XVI–524 S., zahlr. Abb., ISBN 0-521-78291-0, GBP 75,00.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Annette
Kehnel, Mannheim
Der hier zu besprechende Band ist wunderschön. Cambridge University Press hat sich Mühe gegeben: schöne Bilder, 76 Abbildungen, 12 Pläne und Schaubilder, ein gelungenes Layout, ein wunderschönes Thema und eine allseits renommierte Autorin, Rosalind Brooke, man mag sie die Königin der englischen Franziskanerforschung nennen. 1975, lange vor dem Comeback der Ordensforschung, hat sie ein Buch über die Ankunft der Franziskaner in England geschrieben, 1984 erschien das von ihr gemeinsam mit ihrem Mann Christopher Brooke verfasste Buch über »Popular Religion in the Middle Ages«, schließlich hat sie sich als Herausgeberin der englischen Übersetzung der »Writings of Leo, Rufino and Angelo. Companions of St. Francis« (Oxford Medieval Texts, corr. repr. 1990) anerkannte Verdienste erworben. »The Image of St. Francis« versammelt entsprechend die Erfahrung eines vierzigjährigen Forscherlebens, bündelt die vielfältigen Kontakte und Forschungsstränge der vergangenen vier Jahrzehnte und bietet zugleich Synthese und Ausblick »This book is about the impression Francis made – intentionally and in spite of himself – on contemporaries and on the early generations after his death and the ways in which he and they expressed it« (S. 2). Dabei geht es weniger um die Rekonstruktion des image im Sinne von Abbild, als vielmehr um impression im Sinne von Eindruck. Brooke begibt sich auf Spurensuche, sie untersucht die Prägekraft des Heiligen Franziskus im 13. Jahrhundert.
Programmatisch gliedert die Einleitung die Untersuchungsebenen nach den verschiedenen Formen der Repräsentation von heiligen Ordensgründern folgendermaßen: 1. das Gedenken an ihre Taten im hagiographischen Schrifttum, 2. das Gedenken an ihre Prinzipien in der Einhaltung ihrer Regel und 3. das Gedenken in der Verehrung der Reliquien (S. 3). Auf diesen drei Ebenen nimmt Brooke eine chronologisch strukturierte Spurensuche auf: Sie untersucht die Repräsentationen des Heiligen zu seinen Lebzeiten (S. 12–30), dann die Zeit nach seinem Tod, das Bild des Franziskus in den Briefen des Elias, in der päpstlichen Kanonisationsbulle und in den frühen Schriften des Thomas von Celano (S. 31–50), die Darstellung des Heiligen im Bau der Grabeskirche in Assisi (S. 51–76), die Konzentration auf die Autorität des Heiligen in der Expositio der vier Meister (S. 77–101), die Verschmelzung offizieller und inoffizieller Darstellungen des Heiligen in den Schriften der Brüder Leo, Rufino und Angelo, den späten Schriften des Thomas von Celano und der Gefährtenlegende sowie im Sacrum Commercium (S. 102–159). Dann folgt die Besprechung visueller Bilder – hier findet der Leser jene im Titel in Aussicht gestellte Konzentration auf Darstellungen des Heiligen in der Bildenden Kunst (Pescia, Pisa, Assisi, Bardi, in den Chroniken des Mathäus Parisiensis und in Konstantinopel, in Kalenderhane Camii). Hier folgt das »Bild« des Heiligen in den Werken des Bonaventura (S. 218–279), eine Interpretation des Bildprogramms in Assisi (S. 280–453) und eine sehr interessante Zusammenfassung der Geschichte der Öffnung des Grabes des Heiligen Franziskus im Jahre 1818. Das Buch endet mit einer Vision, das Bild des Heiligen in den Visionen der Mystikerin Angela della Foligno, wie sie von Fra Arnaldo von Foligno aufgezeichnet wurden.
Ein großes Plus des Bandes sind die vielen Fragen: Wie originell war der Heilige Franziskus, wie originell wollte er sein (S. 8)? Warum wird der Passionszyklus in der Unterkirche von Assisi mit der in den Evangelien nicht weiter kommentierten Entkleidung Christi unter dem Kreuz begonnen (S. 291), das Staunen über die außergewöhnliche accessibility, die Zugänglichkeit der Päpste in den Franziskuszyklen in der Kirche San Francesco (S. 392), die Frage, warum das Grab des Heiligen so kurz nach seinem Tod unzugänglich gemacht wurde (S. 454), warum hat man seinen Sarg mit einem Gitterkäfig umgeben (S. 464)?
Schließlich besteht ein besonderes Verdienst des Bandes ohne Zweifel darin, dass er die internationale, insbesondere die italienische Franziskusforschung in englischer Zusammenfassung rezipiert, wie etwa die Edition der Visionen der Angela de Foligno von L. Tier und A. Calufetti (1985) oder die einschlägigen Forschungen zum Grab des Heiligen Franziskus von Isidoro Gatti (1983).
Das Werk versammelt die Früchte der Arbeit eines langen Forscherlebens und liest sich streckenweise wie die Geschichte einer langjährigen Freundschaft, Forschungen inspiriert von einer unerschütterlichen Vertrautheit mit ihrem Gegenstand, geleitet von genuiner Neugier, geschrieben im Bewusstsein epochenübergreifender Wahrheit und Schönheit jener noch heute unmittelbar greifbaren und noch immer wirksamen »Bilder des Heiligen«. Folgende kleine Episode vor der Kirche San Rufino in Assisi, der Taufkirche des Heiligen, scheint mir diesen Zugang treffend auf den Punkt zu bringen: »Outside its west door two Romansque lions crouch, each with a man’s body between his front paws, the head in his mouth. One day, while we were contemplating them, a girl on her way in paused to pat one of the lions and murmured ›buon appetito‹. Perhaps Francis as a boy did the same« (S. 4).
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