Personal tools
Navigation
 

W.M. Aird, Robert Curthose (Jörg Peltzer)

— filed under:
William M. Aird, Robert Curthose. Duke of Normandy

Francia-Recensio 2009/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

William M. Aird, Robert Curthose. Duke of Normandy, c. 1050–1134, Woodbridge (The Boydell Press) 2008, XV–328 S., ISBN 978-1-84383-310-9, GBP 60,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Jörg Peltzer, Heidelberg

Robert Kurzhose gehört nicht zu den strahlenden Siegern der Geschichte. So zumindest will es die ältere Forschung. Der älteste Sohn Wilhelms des Eroberers war zwar ein gefeierter Held des 1. Kreuzzugs, doch als Herzog der Normandie fehlte ihm die Fortune. 1106 verlor er das Herzogtum an seinen jüngeren Bruder König Heinrich I, in dessen Gefangenschaft er dann bis zu seinem Lebensende 1134 Zeit hatte, darüber nachzudenken, wie es so weit kommen konnte.

Knapp 80 Jahre nach der letzten monographischen Behandlung Robert Kurzhoses durch Charles W. David widmet sich nun William Aird dem Leben des normannischen Herzogs. Die Arbeit ist auf dem neuesten Stand der Forschung, quellennah und lesbar. Fünf Karten und eine genealogische Tafel helfen bei der Orientierung. Ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Register beschließen den Band.

Aird folgt in der Organisation der Kapitel dem Lebenslauf Roberts. Nach Eindrücken zu Kindheit und Jugend schildert der Autor Roberts Jahre als iuvenis, der ungeduldig und begierig darauf wartete, selbständig Herrschaft ausüben zu können. Mit dem Tod Wilhelm des Eroberers 1087 hatte das Warten ein Ende. Robert wurde Herzog der Normandie, sein jüngerer Bruder Wilhelm Rufus König von England, der jüngste Bruder Heinrich erhielt 5000 Pfund Silber. 1095 folgte Robert dann dem Aufruf Papst Urbans II., das Kreuz zu nehmen, und zog ins Heilige Land, wo er maßgeblichen Anteil an der Eroberung der heiligen Stätten hatte. Doch nach seiner Rückkehr in die Normandie half ihm der Ruhm des siegreichen Kreuzfahrers nur bedingt, sein Herzogtum zu regieren. Sein Bruder Heinrich, der 1100 die Nachfolge Wilhelms als König von England antrat, machte Robert das Leben schwer. Die Entscheidung fiel schließlich 1106 in der Schlacht von Tinchebray zugunsten Heinrichs. Robert war von nun an Gefangener seines Bruders. Eine Gefangenschaft allerdings, die ihn nicht in Ketten legte oder in ein dunkles Verließ sperrte, sondern ihn bei standesgemäßer Versorgung lediglich an einen bestimmten Aufenthaltsort in England band. Eventuelle Hoffnungen, sein Herzogtum zurückzuerhalten, zerschlugen sich mit dem Tod seines einzigen Sohnes Wilhelm Clito 1127. Sieben Jahre später starb Robert und wurde in der Kathedrale von Gloucester begraben.

Aird argumentiert vor- und umsichtig. Sein Bemühen, das Leben Roberts zu kontextualisieren, gelingt im Grundsatz, selbst wenn für Roberts Kindheit und frühe Jugend mangels konkreter Informationen das Pendel etwas zu sehr in Richtung dessen ausschlägt, was allgemein über die aristokratische Erziehung bekannt ist. So scheint am Ende Roberts Fall ein Bild zu bekräftigen, zu dem er selbst recht wenig beiträgt. Interessanter für die zukünftige Bewertung Roberts dürften aber andere Punkte sein. Der Biograph läuft das sehr verständliche Risiko, eine übergroße Sympathie für seinen Gegenstand zu entwickeln – wer will sich schon jahrelang mit einem Versager beschäftigen? William Aird kann dieser Gefahr nicht immer entgehen. Während sein grundsätzliches Anliegen, Roberts Handeln in genauer Abwägung von strukturellen und persönlichen Voraussetzungen neu zu bewerten, viele neue Aspekte zu Tage fördert, ist manches in Roberts Leben vielleicht doch stärker seiner Persönlichkeit zuzuschreiben als dies Aird zugeben möchte. Es geht sicherlich zu weit zu suggerieren, dass die Erbschaftsregelung Wilhelm des Eroberers für Heinrich günstiger ausfiel als für Robert. Vielleicht waren Roberts Kassen arg strapaziert, nachdem sich Heinrich die ihm zustehende Summe gesichert hatte, aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass derjenige mit Titel und Land, also Robert, einen ganz erheblichen Vorteil gegenüber demjenigen besaß, der darüber nicht verfügte. Roberts Schwierigkeiten, seine Herrschaft in der Normandie durchzusetzen und effizient zu gestalten, scheinen maßgeblich darin begründet gewesen sein, dass es Robert schwer fiel, politisch komplexe Situationen zu analysieren und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Nicht umsonst hatte er seine stärksten Momente in der Schlacht und hier wiederum in der Eindimensionalität des 1. Kreuzzugs, als Rücksichtsnahmen gegenüber den Gegnern keine wesentliche Rolle spielten. Nur mit großer politischer Naivität ist auch seine Entscheidung zu erklären, 1101 mit einem Dutzend Rittern und einer nicht näher bestimmten Anzahl von Bewaffneten ohne Erlaubnis Heinrichs nach England überzusetzen, um dort dem Anliegen des Earls von Warenne gegenüber dem König Nachdruck zu verleihen. Was Robert sich dabei dachte, wird für immer sein Geheimnis bleiben. Der Ausflug jedenfalls endete desaströs. Robert musste vor seinem Bruder erscheinen und sich vor dem versammelten Hof entschuldigen. Darüber hinaus verzichtete er auf eine ihm zustehende jährliche Zuwendung und akzeptierte den Vorrang des Königs über den Herzog.

Aird - das spricht für die Qualitäten dieses Buchs, erkennt schließlich bei all seiner Sympathie für Robert dessen Unzulänglichkeiten an. In seinem Epilog betont er zu Recht, dass erfolgreiche Herrschaft weitaus mehr erforderte als Kampfesmut. Anders formuliert: Robert war ein wackerer Haudrauf ohne politisches Talent, der für die letzten Jahrzehnte seines bewegten Lebens die offene Gefangenschaft mit viel Essen, Kurzweil und wenig Stress vielleicht mehr genoss, als die Forschung geneigt ist, sich vorzustellen.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

Document Actions
Zitierhinweis
Empfohlene Zitierhinweise:
W.M. Aird, Robert Curthose (Jörg Peltzer)
In: Francia-Recensio, 2009-3, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
URL: http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/2009-3/MA/aird_peltzer
Dokument zuletzt verändert am: Feb 28, 2012 11:09 AM
Zugriff vom: May 24, 2012