D. Nolde, Claudia Opitz (Hg.), Grenzüberschreitende Familienbeziehungen (Susanne Lachenicht)
Dorothea Nolde, Claudia Opitz (Hg.),
Grenzüberschreitende Familienbeziehungen. Akteure und Medien des
Kulturtransfers in der Frühen Neuzeit, Köln, Weimar, Wien (Böhlau)
2008, VI–289 S., ISBN 978-3-412-201005, EUR 44,90.
rezensiert von/compte rendu rédigé par
Susanne Lachenicht, Bayreuth
Seitdem Michel Espagne und Michael Werner 1988 ihren Band »Transferts. Les relations interculturelles dans l’espace franco-allemand (XVIIIe–XIXe siècle)«1 veröffentlichten, ist viel zum so genannten Kulturtransfer geforscht, getagt und publiziert worden, vor allem im deutsch- und französischsprachigen Raum2. Im anglophonen Sprachraum scheinen sich statt dessen mehr die Konzepte der »entangled histories« bzw. des Kulturkontakts oder des »culture clash« durchgesetzt zu haben, die nicht zuletzt durch wissenschaftlichen Kulturtransfer, allen voran durch die Amerikanistik, auch die deutsche historische Forschung befruchtet haben3. Zwischen Kulturkontakt und Kulturtransfer genau zu unterscheiden, stellt für Wissenschaftler ein Problem dar. Nicht überall, wo Kulturen in transnationalen realen oder virtuellen Räumen aufeinandertreffen, entsteht Kulturtransfer, ob in Form von »kulturellen Missverständnissen« (Matthias Middell)4 oder als bewusste Übernahme ›fremder‹ kultureller Elemente in anderen nationalen Kontexten.
In ihrem Sammelband präsentieren Dorothea Nolde und Claudia Opitz Fallstudien zu einer besonderen Form kulturellen Transfers, nämlich dem, der mittels grenzüberschreitenden Familienbeziehungen erfolgte. Kulturtransfer findet statt, so Opitz und Nolde, »wenn die Integration fremder Kulturelemente eine Veränderung der Rezeptionskultur bewirkt« (S.3)
Noldes und Opitz’ einführende Überlegungen bieten einen guten Überblick über die frühneuzeitliche Kulturtransferforschung. Der Fokus ihres Bandes liegt explizit auf den so genannten »passeurs culturels« – wobei es in einigen Beiträgen nicht nur um Familienbeziehungen geht –, die eben nicht nur zwischen einzelnen Kulturen vermittelten, sondern kulturelle Grenzen überhaupt erst herstellten (S. 7).
Daniel Schönpflugs »Europäische Heiraten der Hohenzollern, 1767–1817« machen deutlich, dass für die Kulturtransferforschung zunächst die Frage der Wahrnehmung, vielleicht könnte man sogar sagen der Konstruktion oder auch Dekonstruktion, von kultureller Andersartigkeit relevant ist. Sein Beitrag analysiert kulturelle, vor allem konfessionelle, sprachliche und zeremonielle, Differenzen in der Aushandlung von Heiratsverträgen, Hochzeitsfesten und Berichten von Fremdheitserfahrungen im Kontext des ›fremden‹ Hofes und Staats. Während die sich mittels Heirat verbindenden Dynastien im Rahmen der Hochzeitsfeierlichkeiten kulturelle Unterschiede meist herunterspielten, erfuhren die Protagonisten der Heiraten selbst, je nach Vertrautheit mit Staat und fremder Dynastie, Alterität sehr viel intensiver.
Im ersten Teil des Bandes mit dem Titel »Politik, Repräsentation und Kulturtransfer« widmen sich neben Daniel Schönpflug auch Anuschka Tischers (»Verwandtschaft als Faktor französischer Außenpolitik«) und Christiane Coesters («Die Integration einer italienischen Fürstin in die französische Hofgesellschaft im 16. Jahrhundert«) Beiträge weniger dem Kulturtransfer, als vielmehr Kulturkontakten bzw. der Wahrnehmung des »Fremden« im Kontext der Heiraten europäischer Dynastien. Linda Maria Koldau (»Habsburgerfürstinnen als Musikmäzeninnen im 16. und 17. Jahrhundert«), Gesa Stedman («Cultural Exchange, Representation and Family Ties in the Stuart Age«) und Dorothea Nolde (»Éléonore Desmier d’Olbreuse am Celler Hof als diplomatische, religiöse und kulturelle Mittlerin«) liefern dagegen Fallbeispiele für den Kulturtransfer selbst.
Unter dem Titel »Familiäre Netzwerke« beschäftigen sich Marie Louise Pelus-Kaplan mit Kulturtransfer im Kontext der Hanse, Sven Externbrink am Beispiel der Familie Spanheim mit dem »Internationalen Calvinismus« und Margarate Zimmermann mit »Europäische[n] Netzwerke[n] und Kulturtransfer im Familien-Salon des Jean de Morel und der Antoinette de Loynes«. Dominique Piccos Beitrag »L’éducation des filles à Saint-Cyr, moteur d’intégration de la noblesse lorraine à la France?« wirkt in diesem Teil des Bandes etwas fehl am Platz. Ebenso hätten Nathalie Büssers »Grenzüberschreitende Briefkorrespondenzen« auch in den letzten Teil »Briefe als Medien des (familiären) Kulturtransfers« gepasst.
In diesem letzten Abschnitt des Tagungsbandes zeigt Sophie Ruppel anhand des höfischen Briefs als Kommunikationsmedium des Adels (S. 223) weniger die »konkrete Veränderung der Rezeptionskultur« (s. o.) auf, also den tatsächlich mittels Brief erfolgenden Kulturtransfer, als vielmehr die materiellen und ideellen Voraussetzungen für Transfer per Brief: das Postwesen, Aspekte der Formensprache bzw. das Erlernen der Kunst des Briefe Schreibens sowie für den höfischen Brief typische Inhalte dinglicher und intellektueller Natur. Dass sich auch innerhalb der Kunst des Briefe Schreibens Kulturtransfer nachweisen lässt, dies macht Carmen Furger in ihrem Beitrag zu den so genannten Briefstellern, d. h. Epistolographen, deutlich, die im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts Elemente französischer Briefkultur auch in die deutsche Epistolographie übernahmen.
Tobias Brandenberger und Elisabeth Hasse widmen sich anhand der Briefe Philipps II. an seine Töchter bzw. des Lebens der spanischen Infantin Maria Ana Victorias am portugiesischen Hof kulturellem Transfer bzw. eigentlich vielmehr der Erfahrung kultureller Alterität zwischen Spanien und Portugal im 16. und 17. Jahrhundert.
Kulturtransfer – und seine Grenzen durch die Einbettung in familiäre Netzwerke, die den Kontakt mit der Ausgangskultur aufrechterhalten und diese dadurch konservieren halfen – kann Irmgard Schwanke in ihrem Beitrag exemplarisch anhand der Augsburger Kaufmannsfamilie Endorfer für deren Sohn Friedrich nachweisen. Auf Fremdheitserfahrungen in Lyon und Lucca folgte hier der für die Augsburger Kaufmannssöhne typische erfolgreiche Fremdsprachenerwerb, der mit der Aneignung fremder Gebräuche und deren Integration in den Augsburger Kontext ebenso einherging wie mit der gleichzeitigen Bewahrung der kulturellen Eigenheiten in der Fremde.
Bezüglich Problembewusstsein bzw. der theoretischen Auseinandersetzung mit den Konzepten Kulturkontakt und Kulturtransfer (und der Einordnung ihrer Forschungsbereiche in diese Konzepte) erweisen sich die Beiträge des Bandes als heterogen. So manche Fallstudie behandelt das Thema des Sammelbandes nur implizit und erweist sich als klassisches Stück europäischer Diplomatie- bzw. Dynastiegeschichte. Als besonders gelungene Beiträge zur Kulturkontakt- bzw. Kulturtransferforschung sind Daniel Schönpflugs, Gesa Stedmans und Sven Externbrinks Studien zu nennen, die zeigen, wie moderne Kulturtransfer- und Netzwerkanalysen gestaltet werden können, wie wichtig die Frage nach Wahrnehmungen, Repräsentation und Narrativen, Intentionen, potentiellem und tatsächlich erfolgendem Kulturtransfer und nach den Kontexten hierfür ist.
1 Michel Espagne, Michael Werner (Hg.), Transferts. Les Relations interculturelles dans l'espace franco-allemand (XVIIIe et XIXe siècle), Paris 1988.
2 Siehe beispielsweise die von Michel Espagne, Étienne François, Werner Greiling und Matthias Middell seit 1993 herausgegebene Reihe Deutsch Französische Kulturbibliothek (Leipzig).
3 Siehe hierzu beispielsweise den kürzlich erschienenen Band Gesa Mackenthun, Sünne Juterczenka (Hg.), The Fuzzy Logic of Encounter. New Perspectives on Cultural Contact, Münster, New York, München, Berlin 2009.
4 Zitiert nach http://geschichte-transnational.clio-online.net/tagungsberichte/id=1128&count=65&recno=3&sort=datum&order=down&segment=16.
Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

